Lass mich nicht allein mit ihr

von Tex Rubinowitz

€ 20,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 288 Seiten Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2017

Dieses Buch nennt sich selbstbewusst «Roman».
Dabei heißt der Ich-Erzähler wie der Autor. Er weist auch gewisse biographische Gemeinsamkeiten mit diesem auf, aber was er vom Stapel lässt, ist so haarsträubend, voller irrer Zufälle, identitätenverbiegend, dramatisch und unernst, dass man nur folgern kann: Das ist nicht das wahre Leben, das ist Quatsch. Oder Literatur, eine wilde Räuberpistole, mit Doppelgänger, geheimen Botschaften (Schlüssel, Schließfach, heikle Polaroids, USB -Stick), einer erotischen Obsession (Vorabendserien-Diva Anja Kruse) und einem Toten im Kleiderschrank.

Doch der Erzähler fährt sich immer wieder selbst in die Parade, verliert sich in intimen Bekenntnissen, Aufzählungen, Abschweifungen, reflektiert über Kunst und über Hochstapler in der Kunst; und immer wenn er es wirklich zu bunt treibt, schaltet sich ein ziemlich unsympathischer Lektor ein, um ihm den Marsch zu blasen und klarzustellen, was gerade geht auf dem Buchmarkt: Sogleich beginnt der Erzähler folgsam einen brutalen Thriller, um nach ein paar Absätzen doch wieder in eine völlig andere Richtung zu preschen, denn dieses phantastische Buch tut vieles – es verwirrt, reizt zum Lachen und zum Nachdenken, blendet durch Virtuosität, unterhält aufs Köstlichste –, aber brav eine Geschichte erzählen, das tut es nicht. Tex Rubinowitz, geboren 1961 in Hannover, lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien. 2014 erhielt er den Bachmann-Preis.

Rezension aus FALTER 11/2017

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Im jüngsten Roman von Tex Rubinowitz will Tex Rubinowitz nicht alleingelassen werden. Der Mann ist echt nicht allein!

Wollte man den Inhalt dieses Buchs getreulich wiedergeben, müsste man ein Diagramm anfertigen. Und das sähe am Ende doch nur aus wie eine Gruppenarbeit von René Magritte und M.C. Escher auf Magic Mushrooms.
Dabei fängt es so harmlos an: Ein Schriftsteller namens Tex Rubinowitz versucht, ein Buch zu schreiben. Da er, altes Schriftstellerproblem, nichts zu erzählen hat, weil er nichts, aber auch gar nichts erlebt, und den kruden Szenarien, die er sich ausdenkt, nach wenigen Wendungen zuverlässig die Luft ausgeht, lässt er sich von seinem garstigen Lektor demütigen, pflegt seine Obsessionen und ergeht sich in elegischen Selbstbeschimpfungen – bis dann endlich doch etwas passiert.

Im Kleiderschrank von Anja Kruse, der deutschen TV-Serien-Diva, wird die Leiche von Abdul, einem entfernten Bekannten des Autors, gefunden. Jetzt hat dieser endlich Stoff zum Schreiben und beginnt im rubinowitztypischen Spannungsfeld zwischen Manie und Lethargie Abduls Leben und Sterben zu rekonstruieren.
Was dem Tex im Text in der Folge widerfährt, könnte dem Drehbuch eines von sich selbst ermüdeten Fernsehkrimis entstammen und beinhaltet einen Brief aus dem Jenseits, ein Schließfach und einen Stalker.
Rubinowitz weidet diese Klischees mit sichtlichem Vergnügen aus, und obwohl sein Protagonist gleichen Namens in den entscheidenden Momenten erst mal Pause macht und sich betrinkt oder einschläft, entwickelt die Handlung einen unwahrscheinlichen Sog. Sie ist zudem so virtuos vertrackt, hyperbolisch und komisch, dass sie einen bei der Lektüre in den glucksenden Wahnsinn treibt. Er wird doch jetzt wohl nicht auch noch ...? Doch, wird er.
Hatte der Autor in seinem letzten Roman noch abseitige Wikipedia-Artikel recycelt, plagiiert er sich diesmal kurzerhand selbst. (Denn was ist besser als Tex Rubinowitz? Genau, zwei Tex Rubinowitze.) Er nutzt diesen uralten Trick außerdem dazu, dem wohl ödesten Sujet der Literaturgeschichte (Schriftsteller mit Schreibkrise) und der absurden Räuberpistole mutwillig noch ein weiteres totgelutschtes Thema aufzupfropfen: Identitätsaufspaltung.

Nach und nach faltet sich der fiktive Tex auf wie ein Leporello, indem immer mehr Versionen seiner selbst durch
die Geschichte geistern. Sie bleiben nicht die einzigen Doppelgänger in diesem Buch, denn da wären auch noch die Auftritte von Sascha Lobo, der notorischen Anja Kruse oder, etwas verblüffend, Michael ­Haneke, die sich allesamt gebärden wie überzüchtete Imitationen ihrer selbst. Auch Irma aus „Irma“ taucht wieder auf, diesmal allerdings als Verflossene von Abdul.

Ohnehin stellt der Erzähler im Laufe seiner Nachforschungen bei sich frappierende Ähnlichkeiten mit dem Toten fest, nicht zuletzt eine fatale Leidenschaft für Anja Kruse. Als er dann auf einen Text stößt, der anscheinend von ihm geschrieben wurde, beginnen er und Abdul endgültig zu einer Person zu verschmelzen.
Wie es Tex Rubinowitz gelingt, diesen narrativen Knoten ohne erkennbare Mühe zu lösen und eine irrwitzige, zugleich aber auch absolut einleuchtende Erklärung für die vorangegangenen Verwicklungen zu präsentieren, grenzt an umgekehrtes Makramee. Angesichts der Vielzahl selbstreferenzieller Verweise, Variationen und Widerrufe, vor lauter Paradoxien, vorsätzlichen Irreführungen und metafiktionalem Mummenschanz stellt sich beim Lesen irgendwann ein leichtes Schielen ein.
Geistig in all seinen Feinheiten durchdringen kann diesen Roman sowieso nur ein Rubinowitz-Experte, mit anderen Worten der Stalker, den sich Tex Rubinowitz für diesen Roman bloß ausgedacht hat. Aber man muss ja gar nicht unbedingt wissen, dass der Autor die Begegnung mit Anja Kruse in einem Schweizer Restaurant schon vor Jahren praktisch wortgleich in einem Zeitungsartikel beschrieben hat.

Daneben gibt es aber auch eine Handvoll Rückblenden, die nichts weniger als herzzerreißend sind, todtraurige Szenen aus dem Leben des norddeutschen Jungen, den man bereits aus anderen Büchern des Autors kennt.
Es beginnt mit einem im Mutterleib verschluckten Zwilling und endet mit Erinnerungen an einen Sommer im Kindersanatorium. Dort haben die Wiedergängerfantasien und auch die Geschichte von Tex und Abdul ihren überraschenden, völlig un­ironischen Ursprung. Tex Rubinowitz ist also nicht nur imstande, aus einem Potpourri abgedroschener Grundideen zündende Pointen zu gewinnen, sondern auch hintersinnigen Spaß und ­rohen Schmerz miteinander zu vereinen. Das nennt man wohl große Literatur.

Tabea Soergel in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 24)


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