Rumgurken

Reisen ohne Plan, aber mit Ziel
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Kurzbeschreibung des Verlags:



Paralleltourismus.
Tex Rubinowitz' Reiseberichte sind phantastisch, komisch und ganz ohne Vorbild. Und die Reisen gehen, konsequent an allen «Sehenswürdigkeiten» vorbei, an Orte, die mal wirklich interessant sind. In Bhutan besucht er eine königliche Hochzeit, mit einer Verkehrsampel im Gepäck, denn die gibt es in dem Land auf dem Dach der Welt bisher noch nicht. In Porto geht er auf eine Ingo-Schulze-Lesung, die in der Erkenntnis gipfelt, dass Porto nicht gerade der günstigste Ort für eine Ingo-Schulze-Lesung ist. Ob in Baku, Budapest, Beppu oder Berlin, auf dem Schlager-Grand-Prix, dem Bachmann-Wettbewerb oder dem nördlichsten Filmfestival der Welt in Sodankylä: Überall kommt Rubinowitz mit den Leuten ins Gespräch; immer führen die Gespräche in Sphären, die selten ein Mensch betrat.

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FALTER-Rezension

"Das Ganze war ein Missverständnis"

Tex Rubinowitz hat doch tatsächlich den Bachmannpreis gewonnen. Wie konnte das passieren?

Wettbewerbe haben es dem obsessiven Eurovision-Song-Contest-Konsumenten Tex Rubinowitz offenbar angetan. Seit vielen Jahren beobachtet er den alljährlich in Klagenfurt über die Bühne gehenden Bachmann-Wettbewerb. Seit 2004, als sein Freund Wolfgang Herrndorf (1965–2013) dort den Publikumspreis gewann, noch bevor er mit seinem Jugendlichen-Roadmovie "Tschick" berühmt wurde, reist Rubinowitz jedes Jahr persönlich an.
Mittlerweile ist er längst selbst Teil des Rahmenprogramms zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, wie das Event offiziell heißt: Er nimmt am Wettschwimmen teil, legt Singles auf und richtet gemeinsam mit Maik Novotny ein öffentliches Quiz am Lendkanal aus, dessen bizarr verstiegene Fragen von niemandem beantwortet werden können, außer von einer Gruppe Schlaubergern um die Bachmann-Siegerin Kathrin Passig, den Schriftsteller Clemens J. Setz und Hanser-Verlagschef Jo Lendle.
Vergangene Woche ist Tex Rubinowitz auf Einladung von Jurorin Daniela Strigl selbst mit einem Text angetreten – und gewann prompt den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis. Das Gespräch mit ihm fand telefonisch statt, während der schwer geschlauchte Sieger im Zug zurück nach Wien saß.

Falter: Wie viele Interviews hast du heute schon gegeben?
Tex Rubinowitz: Zwölf. Ich will mich wirklich nicht beschweren, das wäre lächerlich. Aber es ist echt die Hölle. Die Journalisten rangeln da richtig, es ist irre lästig. Ich konnte mich von vielen Freunden nicht einmal verabschieden, weil ich ununterbrochen die gleichen Fragen beantworten musste.

Welche Frage möchtest du lieber nicht mehr beantworten müssen?
Rubinowitz: Den Klassiker: "Wie fühlt es sich an, Bachmannpreisträger zu sein?" Das ist ein viel zu großes Schild, das ich mir gar nicht umhängen möchte.

Aber du bist nun mal Bachmannpreisträger!
Rubinowitz: Das ist ja das Fatale! Ich würde diesen Preis lieber mit Wolfgang Herrndorf teilen, ohne den ich nie nach Klagenfurt gekommen wäre.

Welche Rolle spielt er für dich als Autor?
Rubinowitz: Ohne ihn und das Forum der Höflichen Paparazzi, wo Alphatiere und Peitschenknaller wie Kathrin Passig und er die Meinungsführerschaft innehatten, hätte ich nie geschrieben. Das war eine beinhart stalinistische Schreibschule. Aber ich wusste, dass Herrndorf meine Sachen mochte. Den Duktus und den Flow habe ich im Forum gelernt.

Woher rührt dein fast schon obsessives Interesse am Bachmannpreis?
Rubinowitz: Als das Forum im Jahr 2000 gegründet wurde, haben wir begonnen, den Bewerb zu beobachten und in einem eigenen "Strang", wie das damals hieß – Blogs gab es ja noch nicht –, zu kommentieren. Da hat sich gezeigt, dass man Literatur auch auf eine spielerische Weise betrachten kann. 2004 habe ich dann gesagt: "He, Wolfgang, das kannst du auch, schick doch da mal was hin." Er war allerdings sehr schüchtern und wollte ursprünglich nichts unternehmen. Als er dann doch eingeladen wurde, sind wir alle nach Klagenfurt gekommen und dachten, dass es geil wäre, da selber einmal einen Text unterzubringen.

Herrndorf hatte da ohnehin schon seinen Roman "In Plüschgewittern" veröffentlicht.
Rubinowitz: Ja, aber den hatte außer Gustav Seibt (Literaturkritiker bei der SZ, Red.) kein Mensch zur Kenntnis genommen.

Aber es war ernsthaft
ambitionierte Literatur?
Rubinowitz: Ja, wir haben uns schon angestrengt. Es ist ein Irrtum, dass wir da die Bachmann-Formel knacken und den Bewerb unterwandern wollten. Natürlich will ich Literatur schreiben können. Es ist aber viel schwerer, ernst zu sein als lustig.

Wie groß war das Kalkül, einen bachmannwettbewerbstauglichen
Text zu schreiben?
Rubinowitz: So wie man sich für die Kirche feinmacht, zieht man natürlich auch für Klagenfurt was Passendes an und nicht einfach das, was zufällig in der Schublade liegt.

Und wann hast du zum ersten Mal mit dem Gedanken gespielt, dich selbst zu bewerben?
Rubinowitz: Die ganze Sache kam eigentlich durch ein Missverständnis ins Rollen: Als Ijoma Mangold (Literaturkritiker, mittlerweile bei der Zeit, Red.) einmal zufällig in Wien war, habe ich ihm einen Text von mir zum Lesen gegeben, worauf er meinte: "Das wäre eigentlich ein super Text für den Bachmannpreis." Er hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt. Unabhängig davon hat mich dann Daniela Strigl gefragt, ob ich nicht was hätte. Sie dachte wohl: "Ich probier's mal mit dem Clown." Also habe ich eben etwas geschrieben, das drei Leuten gezeigt und die Fehlerliste, die ich von denen erhalten habe, abgearbeitet. Danach hab ich es Strigl geschickt.

Wie lange hast du insgesamt an deinem Text gearbeitet?
Rubinowitz: Relativ kurz, weil das Thema schon sehr lange in mir schlummerte. Der Text lag sozusagen auf Halde, auf der Trauma-Halde, denn diese Irma gab es wirklich, auch wenn sie anders hieß.

Gab's so etwas wie einen Schlüsseleinfall?
Rubinowitz: Ja, den Schlag. Ich habe einmal in meinem Leben eine Frau ins Gesicht geschlagen, und die war eben das Vorbild von Irma. Es war genau so wie in der Geschichte: Ich habe sie um Geld gebeten und wollte, dass sie es mir verweigert. Weil sie es mir aber gegeben hat, habe ich sie geschlagen. Ich bin da wirklich nicht stolz drauf, habe mich auch entschuldigt, wir haben uns Briefe geschrieben, die längst nicht mehr existieren. Aber ich musste das aufarbeiten, was seit dreißig Jahren in mir gärt.

Hast du eigentlich auch irgendwas erfunden?
Rubinowitz: Ja: die Batterie, an der Irma lutscht, und die Koreanisch-Lehrbücher, die sie liest.

Haben dich die Reaktionen
der Jury überrascht?
Rubinowitz: Eigentlich nur, dass mich Hubert Winkels sofort direkt angesprochen hat. Und weil ich gerne rede, war ich versucht, mit ihm die nächste halbe Stunde zu plappern, aber das ist dort ja nicht möglich. Und dass Juri Steiner den abgewandelten Grabspruch von Marcel Duchamp, "Es sind immer die anderen, die verschwinden", identifiziert hat, fand ich sehr smart. Aber als Eierkopf aus der Schweiz muss er das wohl wissen.

Gab's denn Missverständnisse?
Rubinowitz: Überhaupt nicht. Die Beurteilungen waren kurz und präzise.

Wie war der Kontakt unter den Autoren?
Rubinowitz: Freundlich und respektvoll. Wenn man die persönlich kennt, hört man sich auch die Texte genauer und mit mehr Empathie an. Ich werd' mir zwar kein Buch von irgendwem kaufen … Doch, das von dem Windpockengirl, Karen Köhler. Die war die einzige, mit der ich – über Facebook – schon vor dem Wettbewerb Kontakt hatte. Ich vermute, dass die zumindest einen der mittleren und auf jeden Fall den Publikumspreis gewonnen hätte. Den kriegen nur Leute, die über Blogs und Twitter die Massen mobilisieren können.

Du hast gerade noch die Ära Spinnen erwischt. Was hat dir das bedeutet?
Rubinowitz: Ich fand es toll, dass ich ihn noch erleben durfte. Der hat etwas von einem ge-
bildeten preußischen Leutnant, der seine Soldaten drillt, aber am Abend dann noch mit Stefan George um die Häuser zieht.

Und wie geht's nun weiter?
Rubinowitz: Zunächst einmal geht die Geschichte zwischen Irma und dem Erzähler weiter. Sie nehmen Kontakt miteinander auf. Mein Lektor hat mir heute allerdings gesagt, dass ich mich nicht zu stressen brauche. Das finde ich gut, dass der nicht die Peitsche schwingt.

Aber das brauchst du doch angeblich?!
Rubinowitz: Ja, in der Schreibschule. Aber der Lektor muss Zuckerbrot geben.

Klaus Nüchtern in Falter 28/2014 vom 11.07.2014 (S. 23)


Lebenshilfe in Sachen Weltläufigkeit

Dieser Autor redet ununterbrochen. Als Kind tat er es mit Holz und Hundehinterteilen. Egal, wo er ist, es regieren Reden und Reisen. Letzteres führt in den Texten von Tex Rubinowitz zu einem Feuerwerk von Erkenntnissen. Selten bekommt man Lebenshilfe in Sachen Weltläufigkeit so günstig wie mit diesem Paperback.
Endlich spricht jemand die Abgründe Oslos an. Endlich erhebt sich eine Stimme, die (in einer virtuosen mehrseitigen Italiener-Typologie) den Spruch "Kennst du einen, kennst du alle" auf Italiener umlegt. Endlich preist einer die Lächerlichkeit der belgischen Kirschbiere und wagt auszusprechen, dass die Berliner Weiße (grüne Version) fantastisch ­schmeckt. Endlich sieht jemand beim Bahnhof Attnang-Puchheim genauer hin. Und endlich verkostet ein Reiseautor die portugiesische Meeresfrucht Percebes (Entenmuscheln, die vermeintlich "Verstehst du?" heißen). Überhaupt behagen ihm das Jod und das Salz aus dem Meer – und Seafood-Experten sind, trotz dauernder Eiweißschock-Angst, keine Schlechten.
Am Beispiel Oslo zeigt der Stilist Haltung: Den aufblasbaren Gummi-"Schrei" im Munch-Museums-Shop würde er nie kaufen, "den hat doch schon jeder, die ganzen stillosen Ironiker". Ironie hält Tex Rubinowitz wohl für so etwas wie die Schulbuchlyrik unter den Weltanschauungen. In seiner Welt regiert das Authentische, oft das Ungerechte, gerne auch das Kitschige. Das führt zu seinem spezifischen Blick auf Song-Contest und Bachmann-Preis, Veranstaltungen, deren Grausamkeit er, ohne in Zynismus zu verfallen, mit klaren, leidenschaftlichen Worten protokolliert.
Dieser hilflos-selbstbewusste Flaneur öffnet Räume zum Mittrauern: um die Züge nach Ostende, um die Fluglinie Sabena und um Fahrten an einen Ort "und sofort wieder zurück". Was Rubinowitz unternimmt, ist mehr als "Rumgurken". Ihn treibt ein unbändiges Interesse an den Dingen durch die Welt, und dabei hält er die Augen so weit offen, dass es wehtut. Schade nur, dass der Autor sich der lächerlich hochnäsigen Zeitangabe "neunzehnhundertsiebziger Jahre" angeschlossen hat – angesteckt von Ö1-Gehirnwäsche, oder gar in der Hoffnung, mehrere Jahrhunderte zu existieren?

Martin Amanshauser in Falter 27/2012 vom 06.07.2012 (S. 28)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783499257759
Ausgabe 3. Auflage
Erscheinungsdatum 01.06.2012
Umfang 224 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Taschenbuch
Verlag ROWOHLT Taschenbuch
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