
Anteil nehmen am Leid der anderen
Thomas Wolkinger in FALTER 10/2026 vom 04.03.2026 (S. 16)
Ob sich überhaupt etwas Neues über die Ukraine erzählen lasse, fragen die Herausgeberinnen des Essay-Bandes "Geteilter Horizont". Man kann das als rhetorische Frage zweier Expertinnen lesen, die mehrfach unter Beweis gestellt haben, dass sie genau das sehr gut können. Für Katharina Raabe, Osteuropa-Lektorin bei Suhrkamp, ist es bereits das vierte Ukraine-Buch, das sie für den Verlag betreut, diesmal wieder mit Mitherausgeberin Kateryna Mishchenko. Hinter der Frage steht die Sorge, das Land, die Welt seien kriegsmüde. "Die Gegenwart der Ukraine ist zäh und breit geworden", schreiben die beiden im Nachwort.
"Euromaidan" erschien im Frühjahr 2014. Der zweite Band (2015) war der Eskalation in der Ostukraine gewidmet, der dritte der russischen Invasion 2022.
Trauer und Erschöpfung ziehen sich durch viele der 16 Originalbeiträge. Aber auch bitterer Zorn. Wer ähnlich viel erlitten hat wie der Journalist Stanislaw Assejew, dem mag man nachsehen, wenn er in der Textarbeit nur noch wenig Sinn erkennt. Mit der russischen Invasion sei das "Paradigma der kommunikativen Vernunft" an ein Ende gekommen, schreibt er. Assejew überlebte mehr als zwei Jahre im russischen Foltergefängnis Izolyatsia und meldete sich später freiwillig zur Armee. Er habe erkannt, dass man nun das "Notizbuch mit den Exzerpten zuklappen und zum Maschinengewehr greifen" müsse.
Hoffnung ist wenig in diesem Buch. Warum man es dennoch unbedingt lesen sollte? Weil die Autoren die furchtbare "Normalität" des Krieges zugleich so aktuell wie zeitlos fassen, wie Journalismus das selten zuwege bringt. Und weil, wie der Lemberger Psychoanalytiker Jurko Prochasko schreibt, dieser Krieg ein "totaler" ist. Einer, der in alle Winkel der Psyche, sogar in den Schlaf eindringt. In diesen Zeiten bleibe es das Wichtigste, Anteil zu nehmen. Das gilt wohl auch für die Beobachter im Westen: "Was uns bleibt, ist nicht viel: das Bewusstsein zu stärken für das erlittene eigene und für das Leid der anderen."


