Über das Meer

Mit Syrern auf der Flucht nach Europa
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Vor unseren Augen spielt sich eine doppelte humanitäre Katastrophe ab: Der syrische Bürgerkrieg fordert nach wie vor zahllose Menschenleben. Millionen Syrer sind auf der Flucht. Einige von ihnen wagen von Ägypten aus die Überfahrt nach Europa. Bei diesem Unterfangen sterben Jahr für Jahr Hunderte Menschen, das Mittelmeer ist damit die gefährlichste Seegrenze der Welt.
Der "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer hat syrische Flüchtlinge begleitet. In ihren Verstecken in Ägypten, im Boot, auf den Straßen Europas. Er schildert die Schicksale, die sich hinter den abstrakten Zahlen verbergen, und die dramatischen Umstände der Flucht. Ein authentisches Dokument und zugleich ein leidenschaftlicher Appell für eine humanitärere Flüchtlingspolitik.

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FALTER-Rezension

Flucht übers Mittelmeer

Auch 2016 sind zehntausende Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Der Krieg in Syrien zwang sie zur Flucht oder die Lebensumstände in ihren jeweiligen Heimatländern. Der deutsche Reporter Wolfgang Bauer wagte vor drei Jahren die gefährliche Überfahrt. Er gab sich als Flüchtling aus dem Kaukasus aus. In seiner Reportage beschreibt er, wie ihn ägyptische Menschenhändler entführen und einsperren. Tagelang darf er das Haus nicht verlassen, bis sich konkurrierende Schleppergruppen geeinigt haben. Er schildert die Lebensumstände seiner Mitgefangenen und welche Träume sie mit Europa verbinden. Als die Gruppe nach Tagen im Schlauchboot von der ägyptischen Küste ablegt, schnappt sie die Grenzwache. Eine eindrucksvolle, nach wie vor aktuelle Reportage.

Benjamin Breitegger in Falter 8/2017 vom 24.02.2017 (S. 18)


Die Schlepper und ihre Opfer

Wer in Tagen wie diesen die Geschäfte und Methoden der Schlepper verstehen will, dem sei die hervorragende Reportage des Zeit-Reporters Wolfgang Koch empfohlen. Der Journalist begleitete eine syrische Familie in einem Schlepperboot auf dem Weg von Ägypten Richtung Italien und beschreibt die Odyssee dieser ehemaligen Geschäftsleute, die nicht nur entrechtet vor der nordafrikanischen Küste um ihr Leben bangten, sondern auch noch von der Küstenwache gedemütigt wurden. Wenn Koch aufschreibt, wie kranke Kinder nächtens von ihren Eltern getrennt, Menschen in Not ihrer Würde beraubt und Familien auf hoher See in klapprige Boote umgeladen werden, dann bekommt man eine Ahnung von der Brutalität einer Mafia, die ihre Kundschaft dem Versagen der europäischen Asylpolitik verdankt. Wer das Buch verschlungen hat, kann die Nachrichten von Flüchtlingen nicht mehr unbefangen ertragen.

Florian Klenk in Falter 37/2015 vom 11.09.2015 (S. 17)


Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot

Ein Reporter begleitete Syrer auf ihrem Weg über das Mittelmeer – und landete in Innsbruck in U-Haft

Schulter an Schulter liegen die Menschen auf dem Betonboden des ägyptischen Gefängnisses, Männer, Frauen, Kinder, das jüngste fünf Jahre alt, Schreie von Gefolterten dringen herein. Mittendrin liegt Wolfgang Bauer, 43, Journalist aus dem beschaulichen süddeutschen Städtchen Reutlingen. Es ist der Endpunkt einer Reise, wie sie Europäer sonst höchstens aus Erzählungen kennen.
Täglich kommen derzeit neue Flüchtlinge in Europa an, viele tausend sind in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken. Wir kennen die Fotos von den überfüllten Booten, wir diskutieren, welcher Staat, welches Bundesland wie viele Asylwerber aufnehmen soll. Aber was passiert, bevor diese Menschen bei uns landen – wie sie auf die Boote kommen, wie ihre Reise verläuft, welche Gefahren ihnen drohen –, das weiß kaum jemand.
Wolfgang Bauer hat es gemeinsam mit dem Fotografen Stanislav Krupar ausprobiert. Im April flogen die beiden nach Kairo, um syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa zu begleiten. Das Experiment brachte sie Wochen später auch in eine österreichische Gefängniszelle. Einen Teil seiner Erlebnisse schilderte Bauer im Juni im Zeit-Magazin, kommende Woche erscheint sein Buch über die Reise.

Falter: Herr Bauer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit Syrern in ein Flüchtlingsboot zu steigen? Wie haben Sie Ihre Aktion geplant?
Wolfgang Bauer: Ende 2013 habe ich einen jungen Mann kennengelernt, der ein Bootsunglück überlebt hat, während seine Frau und seine drei Kinder ertrunken sind. Er saß in Malta am Strand, gerettet, aber doch verloren. Da habe ich beschlossen, selber als Flüchtling getarnt den Sprung über das Mittelmeer zu wagen. Kollegen, Flüchtlinge und die EU-Grenzschutz­agentur Frontex sagten mir, dass von Tunesien und Libyen aus die Gefahr hoch ist. Von Ägypten aus haben es letztes Jahr 67 von 69 Schiffen geschafft, das war die zynische Risikorechnung, die wir am Anfang aufgestellt haben. Wir haben uns dann als Flüchtlinge aus dem Kaukasus ausgegeben – es gibt ja nur wenige Länder, wo man Fluchtgründe und unser Aussehen zusammenbringen kann.

Wie groß war Ihre Angst, dass Ihnen etwas passieren könnte?
Bauer: Unsere größten Sorgen waren: Akzeptieren uns die Schmuggler und die anderen Flüchtlinge? Wir waren erleichtert, als das geklappt hat. Man darf das ja nicht romantisieren, das sind nicht nur nette Leute. Das Boot und die Polizei waren erst unsere dritte Sorge. Womit wir nicht gerechnet hatten, war, dass wir entführt werden. Oft wird man am Strand von Banditen ausgeraubt und zusammengeschlagen, aber Entführungen sind nicht die Regel, auch die anderen Flüchtlinge hatten davon noch nie gehört.

***
In einem Minibus ist die Gruppe in Alexandria auf dem Weg zum Strand, als fremde Männer das Auto kapern. Die Flüchtlinge sind in einen Konflikt zwischen konkurrierenden Schlepperbanden geraten. Tagelang werden sie in einer Wohnung festgehalten; erst nachdem "ihre" Bande Lösegeld gezahlt hat, dürfen sie gehen.
Sie schaffen es auf ihr Boot, doch statt sie nach Italien zu bringen, setzen die Schmuggler sie auf einer kleinen Insel vor der ägyptischen Küste aus. Die Küstenwache verhaftet sie, bringt sie ins Gefängnis, Bauer wird nach Deutschland abgeschoben.
Im zweiten Teil des Buches schildert er die weitere Odyssee des Familienvaters Amar und der Brüder Alaa und Hussan. Die Brüder werden nach einer langen Irrfahrt und einer weiteren Entführung, diesmal auf hoher See, von der italienischen Küstenwache gerettet. Sie wollen weiter nach Schweden, wo ihr Bruder Rafik lebt.
Die Reporter fahren mit Rafik nach Mailand, um die Brüder mit dem Auto in den Norden zu bringen. Doch am Brenner werden sie von der österreichischen Polizei angehalten, erneut verhaftet. Bauer wird bald freigelassen, weil er kein Geld genommen hat; die Syrer müssen Strafe zahlen und werden nach Italien zurückgeschickt.

***
Sie sind für Alaa und Hussan zum Schlepper geworden und haben Probleme mit der Justiz riskiert.
Bauer: Ich hätte mich schuldig gefühlt, hätte ich ihnen nicht geholfen und sie wieder in die Hände von richtigen, kommerziellen Schleppern geraten lassen. Was wir getan haben, würde ich Fluchthilfe nennen – so wie bei den Westdeutschen, die im Kalten Krieg Ostdeutschen über die Grenze geholfen haben.

Im öffentlichen Diskurs gibt es diese Trennung nicht. Da gilt jeder, der Asylwerber über die Grenze bringt, als brutaler Krimineller.
Bauer: Es gibt viele Idioten, die von der Not der anderen profitieren wollen. Aber es ist ein Skandal, dass Syrer als Schlepper gebrandmarkt und strafrechtlich verfolgt werden, die nur versuchen, ihre Verwandten möglichst sicher von Italien abzuholen. Alaas und Hussans Bruder Rafik kann nicht in Schweden ruhig in seinem Bettchen schlafen, wenn er weiß, die zwei geraten von einer Falle in die nächste oder müssen sich in Containern oder zwischen Lkw-Achsen verstecken. Solche Leute leisten humanitäre Arbeit. Zu sagen, sie gefährden die Flüchtlinge, ist zynisch von der Politik. Die Politik selbst gefährdet die Flüchtlinge, indem sie sie in den Untergrund zwingt.

Wie ist die Polizei in Innsbruck mit Ihnen umgegangen?
Bauer: Bei der Festnahme haben sich die Polizisten geweigert, uns die Hand zu geben – allein weil wir Leute ohne Papiere auf der Rückbank hatten. Die höheren Beamten waren absolut korrekt. Die Syrer haben mir aber erzählt, dass der Übersetzer der Polizei sie mit Lügen und falschen Versprechungen unter Druck gesetzt hat.

Im Epilog Ihres Buches fordern Sie eine andere EU-Flüchtlingspolitik. Wie könnte die aussehen?
Bauer: Dublin III muss abgeschafft werden. Die Syrer sollten, wie die Bosnier in den 90er-Jahren, automatisch Asyl bekommen, solange sie keiner terroristischen Gruppe angehören und sich verpflichten, zurückzukehren, wenn die Situation sich gebessert hat. Fast alle wollen sowieso zurück. Mit den Afrikanern ist es schwieriger, man kann nicht alle aufnehmen. Aber so, wie es jetzt läuft, mit dieser menschenunwürdigen Behandlung, geht es nicht. In dieser Abwehrschlacht verroht Europa und verrät sich selbst.

Wie geht es "Ihren" drei Flüchtlingen heute?
Bauer: Amar geht es gut. Er ist anerkannter politischer Flüchtling in Deutschland, jetzt versucht er, seine Familie nachzuholen. Alaa und Hussan haben es nach Schweden geschafft. Aber vor kurzem haben sie erfahren, dass ihr Bruder Mohammed ums Leben gekommen ist. Sein Schiff ist im Mittelmeer gesunken.

Ruth Eisenreich in Falter 40/2014 vom 03.10.2014 (S. 13)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518067246
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 06.10.2014
Umfang 133 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
Fotos von Stanislav Krupar
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