Der wunde Punkt
Vom Unbehagen an der Kritik

von Thomas Edlinger

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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 317 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.09.2015


Rezension aus FALTER 36/2015

„Kritik ist nicht per se fortschrittlich“

Der Publizist Thomas Edlinger erklärt, warum übertriebene Kritik kontra­produktiv ist und warum es hilfreich sein kann, eine Anstandsbrille zu tragen

Was haben der Schnelldenker ­Slavoj Žižek und die Dschungelcamp-Herzenskönigin Larissa Maroldt, die institutionskritische Kunst und der Islamische Staat, die Binnen-I-Polizei und das Übersetzungsprogramm von Google gemeinsam? Ganz recht, sie kommen alle im jüngsten Essay des Publizisten, Radiomachers und designierten Intendanten des Kremser Donausfestivals Thomas Edlinger vor. Er trägt den Titel „Der wunde Punkt“ und handelt, wie der Untertitel verrät, „vom Unbehagen an der Kritik“. Gerade weil diese ubiquitär geworden ist und in den Museen ebenso selbstverständlich zuhause ist wie in den sozialen Netzwerken und Foren, ist sie auch inflationär geworden. Edlinger denkt darüber nach, wie man die Kritik kritisieren kann, ohne damit den Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Der ­Falter möchte mitdenken und hat dem Autor ein paar kritische Fragen gestellt.

Falter: Sind Sie schon dabei, das Donaufestival zu planen?
Thomas Edlinger: Ich mache mir schon Gedanken, aber bis 2017 ist noch etwas Zeit.

Aber es wird total kritisch werden, oder?
Edlinger: Mal sehen – vielleicht auch „postkritisch“.

Üblicherweise haben solche Festivals einen total überelaborierten Überbau, der in erster Linie ein entsetzliches Deutsch generiert.
Edlinger: Dieser heiß- oder leerlaufende Jargon war auch einer der Anlasspunkte dafür, überhaupt dieses Buch zu schreiben. Dahinter verbirgt sich ja oft nicht viel mehr als eine Verwaltung des Offensichtlichen.

… eines Dissidenzbeamtentums?
Edlinger: So könnte man es auch nennen. Mir ist nur aufgefallen, dass die meisten Leute, die wussten, dass ich ein Buch über Kritik schreibe, davon ausgegangen sind, dass es darin um den Verfall der „ordentlichen“ Kritik im Feuilleton ginge. Hauptsächlich handelt es aber vom Zusammenhang zwischen einer Inflationierung von Kritik und dem Bedeutungsverlust bestimmter Kritikformen.

Der These vom Niedergang der „ordentlichen“ Kritik würden Sie nicht zustimmen?
Edlinger: Es gibt fraglos ökonomische Faktoren, die dazu führen, dass der Status und die Verantwortung, die Kritik einmal hatte, schwindet. Ich denke da etwa an das, was schwammig als „Kooperation“ deklariert wird.

Was Sie in Ihrem Essay schon konstatieren, ist das Verschwinden der sogenannten „Großkritiker“.
Edlinger: Das hat ein bisschen mit der „antiautoritären“ Haltung zu tun, die glaubt, Kritiker gar nicht mehr zu benötigen, weil man das eh alles selber leisten kann; eine Auffassung, die durch den antihierarchischen und dezentralen Charakter des Netzes verstärkt wird.

Gibt’s im Netz eine Parallelwelt der Kritik, vielleicht sogar eine mit „Groß-Bloggern“?
Edlinger: Die gibt es schon, sie hat aber nicht dieselbe Bedeutungshoheit, über die seinerzeit die Leitmedien verfügten. Als ich begonnen habe, für das Radio zu arbeiten, gab es am Nachmittag von drei bis vier Uhr ein Hochamt, das „Musicbox“ hieß. Da hat man sich schon bemüht, das jeweils neueste Testament auswendig zu lernen. Diese Form von Gläubigkeit gibt es nicht mehr. Eine Musikplattform wie Pitchfork hat vielleicht die Rolle von Musikzeitschriften übernommen, aber sie ist zugleich auch das Gegenteil von Feuilleton: Eine Plattenkritik folgt auf die andere, aber das wird nicht mehr thematisch-phänomenologisch aufgearbeitet. Allein diese Dauerfaszination gegenüber Produkten, die ständig angeschwemmt werden, ist meines Erachtens ein Symptom von Kritikverlust. Ich habe zum einen die Inflationierung eines Jargons der Kritik im Kulturbetrieb beobachtet und zum anderen den Wettbewerb, der sich selbst als „kritisch“ verstehenden Haltungen in den sozialen Netzwerken, der dann auch einen Begriff wie „Asylkritik“ hervorbringt.

Was, bitte, ist „Asylkritik“?
Edlinger: Das ist die rechte Formel für all das, was angeblich schiefläuft.

Dass „Kritik“ nicht notwendig emanzipativ wirkt, ist auch eine Ihrer Grundthesen?
Edlinger: Genau. Kritik ist nicht per se fortschrittlich, sondern das entscheidet sich von Fall zu Fall. Auch der Islamische Staat kritisiert einen westlichen Lebensstil. Ich habe deswegen versucht, verschiedene einflussreiche Formen von Kritik herauszuarbeiten und gegeneinanderzusetzen: Die „volkstümliche Kritik“ ist etwas anderes als die „opfernarzisstische Hyperkritik“. Während erstere ihre Ressentiments durch die Nähe zum „Common Sense“ verschleiert, besteht das Problem für die zweite darin, dass sie in ihrer Unterscheidungssüchtigkeit das, was einmal das gemeinsam Anliegen der Kritisierenden war, aus den Augen verliert.

Im Extremfall darf man dann Steinigungen von Frauen nicht mehr kritisieren, weil es einem als paternalistische westliche Arroganz ausgelegt wird.
Edlinger: Da sind genau die Bereiche von Gesellschaftskritik, wo Leute, die sich als „links“ verstehen, mit anderen „Linken“ nicht mehr kommunizieren können. Deswegen kritisiert Slavoj Žižek ja auch den Absolutismus des Relativismus und fordert Intoleranz gegenüber dem Toleranzdiktat. Die Religionskritik ist überhaupt ein heißer Schauplatz insofern, als deren klassische Form weitgehend einem kulturalistisch argumentierenden Verständnis des Anderen geopfert wurde.

Ist Hyperkritik überhaupt noch daran interessiert, Missstände zu beseitigen?
Edlinger: Der Verdacht, dass es eben nicht um Veränderung, sondern lediglich um die Institutionalisierung dessen geht, was man „das kritische Geschäft“ nennen könnte, liegt in der Tat nahe und hat auch zur Krise der Kritik beigetragen. Es gibt ja keine Biennale mehr ohne kritische Reflexion des Unwesens der Biennale.

Ist es nicht oft schwer festzustellen, aus welchem politischen Eck eine bestimmte Kritik kommt?
Edlinger: Schon. Wenn etwa sexuelle Handlungen prinzipiell als Übergriff empfunden werden und wieder nach Verboten gerufen wird, die dann auch heterosexuelles Küssen untersagen sollen, weil das einen normativen Druck aufbaut, versteh ich das nicht mehr. Das führt zurück in die 50er-Jahre: Die anderen sollen aufhören, weil sie mich belästigen. Da finde ich die Variante der sogenannten Anstandsbrille schlüssiger. Die gibt es wirklich und findet bei orthodoxen Juden in Jerusalem angeblich reißenden Absatz: Wenn man sie aufsetzt, verschwimmt die Umgebung ab einem gewissen Abstand und man kriegt gar nicht mehr mit, was und wie viel die Frauen anhaben.

(Interviewer greift sich an den Kopf)
Edlinger: Ja, eh. Aber den dahinterliegenden Ansatz finde ich schon interessant: Wenn ich es nicht aushalte, dann ist es eben mein Problem und nicht das der anderen, also muss ich halt diese komische Brille aufsetzen.

In dem berühmten Abschnitt von Adornos „Minima Moralia“, der von der Unmöglichkeit des richtigen Lebens im falschen handelt, fällt auch der Satz: „Es gehört heute zur Moral, nicht bei sich selbst zuhause zu sein.“ Klingt pathetisch, ist aber auch nicht ganz blöd, oder?
Edlinger: Man könnte auch sagen: Kritik ohne Kritik an der eigenen Position ist eigentlich keine. Und Selbstkritik hat auch etwas mit Selbstentfremdung zu tun. In der sehr selbstgerechten Spielart von Hyperkritik wird die nicht mehr riskiert. Die Erkenntnis, dass man gar nicht der ist, in dessen Namen man spricht, bleibt aus. Eine Frau zum Beispiel kann nicht bloß ihres Geschlechts wegen diskriminiert werden, sondern auch aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Position oder ihrer Hautfarbe. Wenn allerdings keine mehr den Mund aufmachen darf, die sich nicht in allen diesen Kategorien am untersten Rand bewegt, um ein feministisches Anliegen zu formulieren, wird das einfach unproduktiv – ein klassisches Beispiel für opfernarzisstische Hyperkritik.

Dagegen hat Funny van Dannen mit dem Refrain angesungen: „Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein.“
Edlinger: Natürlich können sie das. Man muss da eben immer unterscheiden: Es gibt reale Opfer, es gibt diejenigen, die sich als Opfer fühlen, und dann gibt es auch noch jene, die als Opferstellvertreter die Öffentlichkeit suchen.

Man schreibt Bücher ja, um auf etwas draufzukommen, was man vorher nicht wusste. Wie haben Sie sich überrascht?
Edlinger: Es ist besonders schwierig, ein Phänomen zu erfassen, das gegenläufige Bewegungen miteinschließt. Das habe ich eben versucht, mit dem Begriff der „Postkritik“ zu tun. Der lässt sich sowohl auf die Tendenz anwenden, zum Bartleby zu werden und sich der Welt zu verweigern, als auch auf jene, sich mit allem und jedem zu vernetzen und eher mitzuschwimmen als zu fischen.

Zu welcher Option tendieren Sie?
Edlinger: Gute Frage. Ich würde sagen: Ich habe einen Vormittag und einen Nachmittag.

Sie befassen sich auch mit den sozialpsychologischen Folgen von Kritik … 
Edlinger: Ja. Zu viel Selbstkritik macht auf jeden Fall depressiv. Es findet aber überhaupt ein großflächiger Umbau der psychologischen Voraussetzungen statt. Das, was früher über Verbote Schuld erzeugt hat, läuft heute eher über Unvermögen: Auf das „Du darfst nicht!“ folgt das „Du kannst nicht!“ Die Münze Narzissmus hat immer zwei Seiten: Größenwahn und Depression. Deswegen ist auch die Castingshow ein so triftiges Beispiel für den Zustand unserer Gegenwart: Eine oder einer hat’s geschafft, und die anderen zerfleischen sich in Selbstanklagen darüber, dass sie’s nicht geschafft haben. Das Modell wird in den Köpfen installiert und ist so wirkungsmächtig, dass schon Bewerbungsgespräche Castingcharakter bekommen.

Mit der Horrorfrage: „Erklären Sie mir, warum ausgerechnet Sie die beste für
diesen Job sind?“
Edlinger: Eine Frage, die die Lüge und die Selbstüberschätzung nachgerade einfordert. Ohne das geht’s gar nicht. Im Casting-Prinzip verbirgt sich darüber hinaus die Vorstellung, man könnte alle kulturell wertvollen Eigenschaften vermessen: Wer am besten singt, soll das machen.

Das kann man doch auch feststellen: Jemand trifft den Ton oder nicht?!
Edlinger: Schon, aber gerade in einer Pop-kultur bedeutet das noch nicht, dass die besten Musiker auch die interessanteste Musik machen.

Stimmt, aber ihr Pop-Fritzen seid schon auch an vielem schuld! Die ganze Transgressionsgutfinderei hat zu einem großen identitätspolitischen Pallawatsch geführt, und am Schluss war Madonna auch noch Feministin. Ist das nicht kompletter Quatsch?!
Edlinger: (Lacht.) Ich würde auch sagen, dass der in den 80er- und 90er-Jahren so einflussreiche Begriff der Subversion heute eine gewisse Ratlosigkeit hinterlässt, weil diese fast schon zur Norm geworden ist. Selbst im Mainstream-Pop gibt’s kaum noch Figuren, die nicht irgendwas unterlaufen oder überschreiten. Die Frage ist bloß: zu welchem Zweck? Es erschöpft sich vielfach darin, eine Differenz zur Konkurrenz herzustellen.

Wenn auf Ö1 Oper kommt, schalte ich zu FM4 um, frage mich aber immer, worin der Unterschied zu Antenne Burgenland besteht? Was ist spießiger, als eine Wohlfühlstube fürs eigene Milieu zu errichten: „You’re at home, baby!“?
Edlinger: Das, was mal „Independent“ oder „Alternative“ hieß, ist insgesamt sehr hohl geworden. Es stellt sich die Frage, was das überhaupt bedeuten soll. Das ist meistens nur eine Klangfarbe oder ein Sound und bezeichnet schon längst keine Haltung mehr, die sich groß vom Rest unterscheiden würde.

Sie scheinen mit Ihrer Analyse tatsächlich einen wunden Punkt getroffen zu haben: Ihr Verlagskollege Mark Terkessidis hat soeben ein Buch mit dem Titel „Kollaboration“ veröffentlicht. Ein Kapitel darin trägt die Überschrift: „Das war Kritik“.
Edlinger: Ein Teil des Unbehagens liegt wohl an der Fallhöhe zwischen Kritiker und Kritisiertem. Die Position desjenigen, der auf dem Befehlshochstand sitzt und weiß, wo’s lang geht, ist sehr zweifelhaft geworden. Das hat gerade in der Soziologie zu einem Bedürfnis nach neuen Formen der Kritik geführt, die sich am Modell der Psychoanalyse orientieren: Man bekommt nicht eine Kritik geliefert, die einem erklärt, was man falsch gemacht hat und wer man ist, sondern man findet selbst etwas über sich heraus. Das läuft anders als in den Zeiten, in denen der Kritiker darüber verzweifelt ist, dass sich die Massen falsch verhalten, und ihnen dann erklärt hat, warum. Das Problem mit der Ideologie ist heute, dass sich kaum noch jemand zu einer bekennt. Ideologie ist immer das, dem der andere noch anhängt, aber eine positive Bezugnahme darauf gibt es nicht mehr.

Hier sind aber zwei Ideologiebegriffe im Spiel: ein marxistischer, für den Ideologie gesellschaftlich notwendig falsches Bewusstsein ist, und ein leninistischer im Sinn einer positiven „Parteiideologie“.
Edlinger: Stimmt. Das relativ Neue ist, dass der Ideologiebegriff mittlerweile von den Konservativen mobilisiert wird: Man wirft den Sozialdemokraten vor, dass sie in ihrem Eintreten für die Gesamtschule einer „Ideologie“ anhingen, und verschweigt dabei natürlich, dass man selbst der „Ideologie“ des sich selbst entfaltenden Individuums und des „Mehr privat, weniger Staat“ anhängt.

Es macht wohl wenig Sinn, von „Ideologie“ zu sprechen, wenn man sie nicht an Begriffe wie „Befreiung“, „Autonomie“, „Selbstbestimmung“ koppelt?
Edlinger: Das Vertrackte ist bloß, dass genau diese Begriffe ohne ihr Gegenteil oft nicht zu haben sind. Der Neoliberalismus predigt die Freiheit des Individuums – was daran soll schlecht sein? Eben der Umstand, dass die Freiheit der einen auf der Abhängigkeit der anderen beruht. Insofern ist er ideologisch. Ganz schwierig wird es dort, wo Leute sagen: „Ich glaub an den Neoliberalismus so wenig wie an den Kommunismus – ich bin postideologisch.“

Einen Pudding kann man nicht an die Wand nageln, aber man kann zeigen, wo jemand Entscheidendes verschweigt.
Edlinger: Das sind genau die Punkte, die in der Hyperkritik ausgeblendet werden. Das gilt zum Beispiel für den Fall, in dem Oprah Winfrey sich darüber beklagt, dass sie in einem Schweizer Luxusladen mies behandelt worden wäre. Eine Frau, die nur mit dem Finger schnippen muss, um mediale Öffentlichkeit zu generieren und im Vorbeigehen den ganzen Laden kaufen kann, ist aber nicht gleich ein Opfer des Rassismus, und der Unterschied zwischen Schuhverkäuferin und Millionärin wiegt in diesem Falle doch schwerer als der zwischen Schwarz und Weiß.

Sie sind etwas jünger als ich, aber in den 80ern wären wir in verschiedenen Lagern gestanden: Sie Merve und ich Suhrkamp. Wie sehen Sie das in der Retrospektive?
Edlinger: Ich bin froh und dankbar, dass ich in den Merve-Wahnsinn eingetaucht bin, weil das eine große affektive Kraft entfacht hat. Ich habe Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gebraucht, um eine Sprache zu finden, um eine sinnvolle Distanz dazu herzustellen. Ich habe zwar fast nix verstanden, aber damals war das einfach sexy. Philip Felsch hat das in seinem Buch „Der lange Sommer der Theorie“ ja sehr treffend als Teil eines Lebensstils beschrieben. So habe ich das seinerzeit natürlich nicht gesehen: Es war einfach richtig und angesagt, und also habe ich meine Diplomarbeit über Baudrillard geschrieben.

Der ist ja der Schlimmste von allen!
Edlinger: Das sage ich heute auch, damals ging das aber nicht. Als zweiter Hausgott kam noch Friedrich Kittler hinzu.

Für den war ich nicht clever genug.
Edlinger: Ich auch nicht.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2015 vom 04.09.2015 (S. 26)


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