Sachbuch-BESTENLISTE November 2019

Das andere Ende der Geschichte

Über die Große Transformation
€ 16.5
Lieferung in 2-7 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


1989 erschien der Westen als der alleinige Sieger der Geschichte. Heute klingt der damalige Triumphalismus mehr als schal. Was ist schiefgelaufen? In einer Reihe thematisch verflochtener Essays sucht der vielfacht ausgezeichnete Historiker Philipp Ther nach einer Antwort. Er befasst sich u. a. mit wirtschaftspolitischen Irrwegen seit der Wiedervereinigung (von der Treuhand bis zu Hartz IV), analysiert die Entwicklung der USA ab den Clinton-Jahren und fragt, warum Russland und die Türkei sich vom Westen abgewandt haben. Anknüpfend an Karl Polanyis bahnbrechendes Buch The Great Transformation rekapituliert Ther die rasanten Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte, die westlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs nicht minder dramatische Folgen hatten als östlich davon.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Einmal 1989 und zurück

Es gibt Bücher, die liest man, und danach hat man das Gefühl, ein bisschen besser zu verstehen, in welcher Zeit man aufgewachsen ist und sozialisiert wurde. Philipp Thers „Das andere Ende der Geschichte“ ist so ein Buch, vorausgesetzt, man fühlt sich als 1989er – also als jemand, für den der Fall des Eisernen Vorhanges biografisch ein Schlüsselerlebnis war. Für alle anderen bietet der vielfach ausgezeichnete Historiker einen glänzend geschriebenen und scharfsinnigen Überblick über die großen Entwicklungslinien der vergangenen 30 Jahre.

Ther hinterfragt die wirtschaftspolitischen Dogmen in diesem Zeitraum, nicht ohne zu kritisieren, wieso die Linke ihre Fiskalpolitik mit der Rechten getauscht und verlernt hat, die Sprache ihrer Anhängerschaft zu sprechen, und sich lieber in Identitätsdebatten flüchtet. Er analysiert den Aufstieg der Rechtspopulisten im Zuge der Finanzmarktkrise, die er lieber Rechtsnationalisten nennt und anhand der ersten Generation (Silvio Berlusconi, Jörg Haider, Marine Le Pen) sehr aufschlussreich ideologisch und historisch einordnet.

Thers Essays überzeugen aber auch stilistisch. Sie sind pointiert und mit persönlichen Anekdoten geschrieben. Man spürt, dass der Autor viele Jahre im angelsächsischen Raum verbracht und die dortige Wissenschaftspublizistik verfolgt hat.

Barbaba Tóth in Falter 9/2020 vom 28.02.2020 (S. 23)


Das Paradox des Rechtsrucks

Politik: Philipp Ther analysiert den Siegeszug der Rechtspopulisten seit Silvio Berlusconi und der Krise von 2008

Damals nannte man es Postdemokratie oder Telekratie. Als Silvio Berlusconi 1994 zum ersten Mal zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, sprach kaum jemand von Rechtspopulismus. Erst durch die Finanzmarktkrise 2008 und die darauf folgenden Wahlerfolge rechter Parteien wurde der Begriff populär. Philipp Ther, geboren 1967 im Kleinwalsertal, Professor für die Geschichte Ostmitteleuropas am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien und Wittgenstein-Preisträger 2019, beschreibt Berlusconi in „Das andere Ende der Geschichte“ als Vorläufer des Rechtspopulismus.

Moralischen Verurteilungen jener vorgreifend, die rechte Parteien wählen, versucht Ther in locker geschriebenen Aufsätzen der Sache in Italien, den USA und osteuropäischen Ländern auf den Grund zu gehen. Das Annus horribilis 2016, das den Siegeszug der Rechtspopulisten markiert, rechtfertigt einen genauen Blick auf die Verhältnisse. Überall, wo die selbsternannten Feinde des Establishments regieren, geht es abwärts, so Thers Warnung.

Berlusconi übernahm 1994 eine florierende Wirtschaft und hinterließ einen Schuldenberg. Nach Regierungswechseln versuchten die Sozialdemokraten, das Budget zu sanieren. In den Augen der Wähler standen sie dadurch als Vertreter der von der EU verfügten Sparpolitik da, die die Interessen des Volkes aus den Augen verloren. Die Kürzung der Ausgaben verhinderte den Ausbau des Sozialstaates. Und Privatisierungen der Staatskonzerne dienten dazu, den maroden Haushalt zu finanzieren. Die Linke übernahm in der Haushaltspolitik die Rolle der Konservativen. Unter Berlusconi begannen die Arbeiter, überwiegend rechts zu wählen.

Das sollte sich auch nicht ändern, als die große Krise von 2008 das Land traf. Brutale Sparmaßnahmen beschnitten etwa Universitäten und Schulen und würgten die Konjunktur ab. Der Staat konnte seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, was zu einer beispiellosen Welle von Insolvenzen führte. Eine Million Arbeitsplätze ging verloren, und die Industrieproduktion sank um 25 Prozent. Kein demokratisches Votum, sondern der Druck der Finanzmärkte und der EU-Partner zwangen Berlusconi 2011 zum Rücktritt.

Seine sozialdemokratischen Nachfolger konnten die Gunst der Stunde nicht nutzen. Ther macht dafür nicht nur hausgemachte Fehler verantwortlich, sondern auch die von Deutschland dominierte Wirtschaftspolitik der EU. Das Mantra der schwarzen Null und das Beharren auf dem Abbau von Schulden verhinderten eine Ankurbelung der Konjunktur. Als 2015 die sogenannte „Flüchtlingskrise“ dazukam, verstärkte sich der Eindruck, mit den Problemen allein gelassen zu werden.

„Warum haben die europäischen Partnerländer nicht entschlossener geholfen?“, fragt Ther. Der rechtsradikale Lega-Chef Matteo Salvini versprach den Italienern die Rückkehr zu nationaler Größe. Die Erfolge der von Juni 2018 bis September 2019 regierenden populistischen Koalition allerdings blieben aus. Die Wirtschaftsdaten haben sich in dieser Zeit stark verschlechtert.

Als Folie für die historische Entwicklung verwendet der Autor Karl Polanyis Klassiker „The Great Transformation“ (1957), in dem der Wiener Wirtschaftswissenschaftler die sozialen Kosten für den sich im 19. Jahrhundert ausbreitenden Kapitalismus aufrechnete. Eine Marktgesellschaft kann laut Polanyi nicht dauerhaft stabil bleiben, das könnte nur ein demokratischer Sozialismus.

Ähnlich verheerend sind in den Augen Thers die Auswirkungen des Umschwungs, der in den 1980er-Jahren einsetzte, vom Keynesianismus zum Neoliberalismus. Obwohl die Logik der entgrenzten Märkte verbrannte Erde hinterließ, schlug das politische Pendel nicht nach links, sondern nach rechts aus.

Ther skizziert Erklärungen für dieses Paradoxon. Möglicherweise passten sich die Sozialdemokraten zu sehr dem neoliberalen Zeitgeist an. Die Verbindung zu den Gewerkschaften riss und der Nachwuchs kam nicht mehr aus der Fabrik, sondern von den Universitäten. Der Autor vermag den Optimismus nicht zu teilen, mit dem Polanyi die Zeitläufte betrachtete.

Der politische Alltag Österreichs stimmt Ther nachdenklich. Der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache fantasierte im sogenannten Ibiza-Video von der Gleichschaltung der Medien und dem Umbau Österreichs in ein autoritäres System. „Angesichts dieser Bedrohungen muss die liberale Demokratie wieder mehr Kante zeigen“, fordert Ther.

Matthias Dusini in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 38)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518127445
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 29.09.2019
Umfang 200 Seiten
Genre Sozialwissenschaften allgemein
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Joscha Wullweber
€ 20,60
Nora Bossong
€ 16,50
Olga Shparaga, Volker Weichsel
€ 13,40
Gernot Böhme, Rebecca Böhme
€ 16,50
Colin Crouch, Frank Jakubzik
€ 18,50
Hanno Rauterberg
€ 16,50
Ben Lerner, Nikolaus Stingl
€ 14,40