Sachbuch-BESTENLISTE Februar 2021

Was das Valley denken nennt

Über die Ideologie der Techbranche
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Kurzbeschreibung des Verlags:


»Aus Erfahrung gut« – das war ab 1958 der Reklamespruch des Elektrogeräteherstellers AEG. Unternehmen wie Google oder Uber würden mit einem solchen Slogan nie werben, geht es ihnen doch gerade darum, mit der Erfahrung zu brechen und bestehende Geschäftsmodelle aufzumischen: »Disruption«. Wie »Content« oder »Kommunikation« gehört das Konzept zu jenen Motiven, die in Aktionärsprospekten, aber auch in Porträts über Elon Musk, Mark Zuckerberg & Co. häufig bemüht werden. Adrian Daub lehrt in Stanford, kennt die Tech-Branche also aus nächster Nähe. In seinem Essay verfolgt er die Lieblingsideen des Silicon Valley zu Autorinnen wie Ayn Rand, Marshall McLuhan und Joseph Schumpeter zurück und zeigt, dass dabei stets auch die Gegenkultur der sechziger Jahre mitschwingt.

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FALTER-Rezension

„Die Hippies haben dem Utopismus der Techindustrie vorgearbeitet“

Seit März 2020 harrt der Germanist Adrian Daub in seinem Haus in San Francisco aus. Er war nur zweimal auf der Universität, um seine Post abzuholen. Angesichts hunderttausender Toter und noch immer immens hoher Infektionszahlen bleibt die Universität Stanford bei den strikten Corona-Maßnahmen.

Mit „Was das Valley denken nennt“ schrieb der 40-Jährige ein Buch über Silicon Valley, das in der Bay von San Francisco unmittelbar an das Universitätsgelände angrenzt. Hier entstand seit den 1980er-Jahren das globale Zentrum der Tech­industrie. Die wichtigsten Unternehmen der Welt, Apple, Tesla oder eBay, haben in Silicon Valley ihre Zentralen.

Daub zeichnet den intellektuellen Horizont der berühmten Unternehmensgründer nach, die zu Stanford ein gespaltenes Verhältnis haben. Viele von ihnen haben hier studiert, prahlen aber damit, das Studium abgebrochen zu haben, um in der Garage ihre Start-up-Träume zu verwirklichen. Tesla- und Paypal-Gründer Elon Musk etwa hielt es gerade einmal zwei Tage aus. Im Gespräch mit dem Falter führt Daub in die Gedankenwelt des Valley ein und erzählt von der politischen Korrektheit auf US-Unis.

Falter: Herr Daub, die Universität Stanford gilt als linksliberale Blase. Wie waren die vergangenen vier Jahre im Trump-Amerika?

Adrian Daub: Schwierig, aber auch sehr erleuchtend. Ich würde nicht von einer Blase sprechen, sondern von einer Gemeinschaft, die sich über die Werte klar geworden ist, die sie vertritt. Unter den Studenten konnte sich vor 2016 eine falsche Vorstellung halten, dass sie linkes Denken mit der Politik der Techunternehmen vereinbaren könnten. Seit 2016 ist dieser Trugschluss weg.

Was ist passiert?

Daub: Sie haben gesehen, dass Facebook und Twitter kein Interesse daran hatten, den Präsidenten in die Schranken zu weisen. Ursprünglich sind diese Unternehmen angetreten, richtige Informationen weiterzuleiten, was im Fall von Trump aber nicht der Fall war. Die Unternehmen haben auch die Einwanderungspolitik nur dort bekämpft, wo sie ihrer Praxis in die Quere kam, Programmierer aus Indien anzuwerben. Die Studenten haben das zu meiner Überraschung nicht mit wohlfeilem Ekel bedacht, sondern gesagt: Wir gehen dennoch in diese Unternehmen und bauen sie um.

Sie sehen viele Studenten ins Valley weiterziehen. Was sagen Sie denen, um sie in Stanford zu halten?

Daub: Dass Institutionen besser sind als ihr Ruf. Und dass das Ketzerhafte nicht immer das Mutige ist, als das es sich inszeniert. Man hat in den Absprung immer ein Geheimnis hineininterpretiert, das es gar nicht gibt. Es geht mir nicht darum zu sagen: „Bleibt auf der Uni!“, sondern darum, dass der Abbruch des Studiums selbst ein Ausdruck von Privileg ist.

Sie haben ein Buch darüber geschrieben, was Silicon Valley Denken nennt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Daub: Auf der einen Seite betreiben die Unternehmen des Silicon Valley intensive Öffentlichkeitsarbeit. Auf der anderen Seite gibt es eine Öffentlichkeit, die sich von diesen Firmen eine Vorstellung von Zukunft, davon, wohin die Reise geht, erhofft. Aus diesem Wechselspiel entsteht ein Denken, das man eine Form von angepasstem Utopismus nennen könnte, eine Vision, die mit dem neo­liberalen Kapitalismus konform geht.

Was ist daran angepasst?

Daub: Die Zukunft wird als radikal anders, disruptiv beschrieben. Andererseits lässt dieses Denken wichtige Aspekte der Gegenwart unberührt. Es ist ein Versprechen, das nicht viel kostet. Die Menschen müssen ihre Welt deswegen nicht umbauen. Das vermeintlich Neue ist oft lediglich alter Wein in neuen Schläuchen. Was hier Risiko genannt wird, ist gerade das Fehlen von gesellschaftlicher Kühnheit.

Worum geht es bei der Disruption?

Daub: Karl Marx und Friedrich Engels sprachen vom Stehenden und Ständischen, das durch die Entwicklung des Kapitalismus verdampft. Sie wollen genau das erklären, was mit Disruption gemeint ist. Wir erfahren den Kapitalismus als ständige Umwälzung. Bei Marx und Engels läuft dieser Prozess allerdings auf eine soziale Revolution hinaus. Daran knüpft Joseph Schumpeters Begriff der „kreativen Zerstörung“ an, der diesen Gedanken weiterentwickelt. Die Menschen können diesen ständigen Umwälzungen kognitiv nicht gerecht werden und verlangen daher, dass der Kapitalismus gezügelt wird. Das wäre ein Umsturz in kleinen Schüben.

Wie verwendet das Silicon Valley den Begriff Disruption?

Daub: Es sublimiert die Idee der Revolution noch weiter als Schumpeter. Bei den Propheten der Disruption in den Managementwissenschaften ist seit Ende der 90er-Jahre ganz klar, dass es nie um ein Außerhalb geht. Die Revolution findet innerhalb des Kapitalismus statt. Außerdem ist das eigentlich Revolutionäre nicht die Abschaffung des vom Kapitalismus hervorgerufenen Chaos, sondern dessen Intensivierung. Marx, Engels und Schumpeter sagen: So kann es nicht bleiben. Die Propagandisten der Disruption hingegen sagen: Es muss so bleiben, und es wäre falsch, wenn es nicht so bliebe.

Bitte geben Sie ein Beispiel. Was wäre etwa die Revolution von Uber?

Daub: Diese Frage müssten Sie Uber stellen, denn es ist nicht ganz klar. Unternehmen wie Uber versprechen verschiedenen Gruppen verschiedene Zukünfte. Uns versprechen sie einen Mini-Utopismus der Konvenienz. Unser Leben wird besser, weil unser Alltag praktischer wird. Es werden zwar viele Taxiunternehmen bankrottgehen, aber das muss so sein, damit wir in eine schöne Zukunft gleiten, in der das Warten auf eine Taxe endlich der Vergangenheit angehört, ein angeblich massives Problem. Das Versprechen an die Fahrer ist Flexibilität: Wir treffen euch dort an, wo ihr eh schon seid. Ihr müsst euch nicht mehr mit einem monopolistischen Taxiunternehmen herumschlagen oder eine Lizenz kaufen. Auch das wird als Fortschritt verkauft. Die Investoren hören, dass die Lohnnebenkosten zu hoch sind. Hier lautet das Versprechen, dass diese Autos irgendwann von selbst fahren, und wir werden die Daten, die wir über unsere Fahrer gesammelt haben, dazu verwenden, ganz tolle selbstfahrende Autos zu programmieren.

Die Disruption verspricht den Bruch mit dem Bestehenden. Tatsächlich geht es meist um banale Dinge, etwa um ein Erinnerungsalbum im Fall von Facebook. Ist es aus akademischer Sicht bitter, womit im Valley Geld verdient wird?

Daub: Je einfacher die Idee, umso mehr Geld zieht sie an. Für mich ist eher ernüchternd, wie viel Gedöns darum gemacht wird, wie neu das alles sei und wie viel brillantes Ingenieurtum dahinterstecken soll. Mein Lieblingsbeispiel ist das 2010 gegründete Unternehmen Wework, das verspricht, die Bürowelt zu revolutionieren. Da sage ich: Nein, nein, ihr seid ein Vermieter. Es ist nicht das älteste Gewerbe der Welt, aber eines der ältesten. Irgendwie haben sie es geschafft, sich als Techunternehmen zu positionieren. Mich erinnert das an einen Hütchenspieler, der einen Milliardenaufwand betreibt, um seinen Trick zu verbergen. Man will uns suggerieren, dass unsere traditionellen Kategorien nicht mehr funktionieren. Uber will nicht gefragt werden, was innovativ ist an einem Taxiunternehmen, das ständig rote Zahlen schreibt. Ist das vielleicht ein schlichtes Fuhrunternehmen?

Sie bekämen dann nicht die Investmentmilliarden, die sie jährlich verpulvern dürfen.

Daub: Klar, aber warum tragen die Medien und die Politik diesen Hype mit?

Bereits die Gegenkultur der 60er-Jahre hat die Disruption, den Bruch, idealisiert. Der LSD-Prophet Timothy Leary prägte den Slogan „Turn on, tune in, drop out“. Wie viel Hippie steckt in Silicon Valley?

Daub: Einiges, allerdings muss man vorausschicken, dass die kalifornische Gegenkultur nie so kapitalismuskritisch war wie die europäische. Die Berliner Kommune 1 hätte nie daran gedacht, selbstgesammelten Honig zu verkaufen. Die Kommunen hier waren bald auch Wirtschaftsunternehmen. Man hat das als Form gesellschaftlicher Selbstorganisation jenseits des ungeliebten Staates und jenseits des industriell-militärischen Komplexes gesehen, der gerade während des Vietnamkriegs übermächtig war und Angst machte.

Wie gehen Protest und Profit zusammen?

Daub: Dieser Widerspruch blieb unaufgelöst. Der Nimbus der Gegenkultur hat es dem Geschäftsmodell von Silicon Valley einerseits erlaubt, sich global zu etablieren. Die Hippies und die Techindustrie sind die beiden großen Exportartikel Nordkaliforniens. „Let’s go to San Francisco“, hieß es im Summer of Love 1967, vier Jahrzehnte später konnte Apple die Einbildungskraft der Welt auf sich bannen. Andererseits entwickelte sich die Bay Area zum Zentrum eines knallharten Kapitalismus, den sie mit einer Blumenkindertapete überkleisterte.

Silicon-Valley-Größen wie Elon Musk oder Steve Jobs inszenier(t)en sich gern als Rebellen. Was soll das mit Sixties-Ikonen wie Jim Morrison oder Janis Joplin zu tun haben?

Daub: Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es einem Hippie die Haare aufstellen würde bei diesem Vergleich. Dennoch gibt es Überschneidungen mit bestimmten Aspekten der Gegenkultur. Ayn Rand etwa, die Vertreterin eines uneingeschränkten Kapitalismus und eine der Lieblingsautorinnen der Konservativen, wurde bereits damals gern gelesen. Sie konnte mit den Hippies wenig anfangen, die mit ihr aber schon.

Was schätzten die Hippies an der Schriftstellerin Ayn Rand?

Daub: Wohlmeinend betrachtet den radikalen Individualismus. In ihren Romanen geht es immer um Figuren, die sich – nach dem Prinzip „Trau keinem über 30“ – von verkrusteten Institutionen freimachen. Das Negative an dieser Rezeption besteht darin, dass in der Gegenkultur viel Gestik steckte und vieles beim Alten blieb, gerade wenn es um Geschlechterfragen oder um Fragen der sozialen Gleichheit ging. Ein Teil der Blumenkinder hat die Welt eher neu verkleidet als umgebaut. Da haben die Sixties dem „Schmücke dein Heim!“-Utopismus der Tech­industrie vorgearbeitet.

Was passiert im Valley mit denen, die scheitern?

Daub: Das hängt stark davon ab, wer man ist. Silicon Valley kann tatsächlich eine Utopie sein, wenn man Programmierer, jung genug und gut vernetzt ist. Je weiter man von dieser Kerngruppe, die ständig neue Start-ups gründen kann, weg ist, umso gefährlicher ist diese Utopie. Wenn man in einem Unternehmen nicht die Plattform aufgebaut hat, sondern etwa in der Abteilung Human Resources oder Publicity angestellt war, wird man nach der Pleite nicht vom nächsten Start-up übernommen. Es spielt auch eine Rolle, ob man Mann oder Frau ist und in welchem Alter.

Was wäre ein typischer Fall?

Daub: Ich kenne viele Leute, die sich seit Jahrzehnten von Start-up zu Start-up hangeln. Manchmal geht’s ganz gut, manchmal weniger gut, aber es ist nie der große Renner. Irgendwann einmal sind sie dann zu alt zur Selbstausbeutung. Da kann man keine 80-Stunden-Woche mehr hinklatschen, um eine Deadline einzuhalten. Die Gründer sind dann 20 Jahre jünger als man selbst und wollen einen nicht mehr. Da kann Scheitern rasch final sein. Die Idee des schönen Scheiterns ist toll, aber: Für den Uber-Ingenieur gilt sie, für den Uber-Fahrer gilt sie nicht. Wenn der seinen Kunden einmal blöd kommt, ist er weg vom Fenster.

Wie spricht man über das Scheitern?

Daub: Das Scheitern wird stets im Licht endgültigen Erfolgs gesehen. Der, der unglaublich erfolgreich ist, sagt: Auch ich habe schon einmal eine Bruchlandung gemacht. Den Menschen wird dadurch das Endgültige abgesprochen, das Scheitern auch bedeuten kann. Als hätten sie sich nicht genügend angestrengt. Das Fail-better-Prinzip verträgt sich diesbezüglich sehr gut mit jener Spielart des Neoliberalismus, die einem Kohlekumpel sagt: Lern doch mal was Neues! Toll für den 25-Jährigen, aber infam beim 50-Jährigen. Diese Prinzipien mögen in bestimmten Unternehmensbereichen funktionieren, aber unsere Welt funktioniert generell natürlich anders.

Wir haben gerade das Scheitern eines älteren Herrn erlebt. Wie war denn die Reaktion von Trump-Unterstützern im Valley auf seine Niederlage?

Daub: Generell fällt es Silicon-Valley-Leuten nicht schwer, sich zu distanzieren. Sie sind spezialisiert auf Enttäuschungsgesten: Hach, ich hatte solche Hoffnung hineingesetzt, und jetzt ist es doch nichts geworden. Schade, ich ziehe mich in meinen Frustbunker zurück und lasse mich eigenblutdopen. Silicon Valley gefällt sich in pseudooppositionellen Gesten besser als in der doch immer unheimlichen Identifizierung mit der Macht. Die Trump-Unterstützer waren erschrocken darüber, dass sie dafür verantwortlich gemacht wurden, was Trump in Washington macht. Da war es besser, auf kontemplative Distanz zu gehen.

Das liberale Establishment kam nicht nur durch Trump, sondern auch durch radikale Linke unter Druck. Es hieß, weiße Liberale würden ihre Privilegien und ihren Rassismus ausblenden. Hat diese Polemik auch Sie getroffen?

Daub: Es gibt Studenten, die aus einer kapitalismuskritischen Ecke argumentieren, und andere, die eher einer identitätspolitischen Argumentation folgen. Die sagen, dass Stanford und Silicon Valley relativ weiß, relativ männerdominiert sind und sich stark aus der oberen Mittelschicht rekrutieren. Diese Studenten gehen auf Konfrontationskurs. Sie sind uns meilenweit voraus.

Wie meinen Sie das?

Daub: Was Linksliberalität angeht, macht uns keiner so schnell etwas vor, aber die Uni ist noch sehr stark eine Monokultur. Das Silicon Valley reagierte darauf und ist gerade dabei, uns zu überholen, was wieder weitere Fragen aufwirft. Viele Unternehmen sind zwar divers, aber was man macht, ist stark davon abhängig, wer man ist. Die Programmierer sind weiterhin vor allem weiß und asiatisch. Jene, die Servicejobs erledigen, sind latino oder schwarz.

Der politisch korrekte Campus ist in Europa ein Klischee. In Kommentaren ist von einer Cancel-Culture und einem Klima der Hypersensibilität die Rede. Ist es so schlimm?

Daub: Absolut nein. Der Blick aus Europa wirkt verfälschend, weil da immer Rosinen gepickt werden. Es gibt sicher Momente, in denen die Studenten etwas unnachgiebig einklagen, aber ohne dass das negative Folgen hätte. Europäische Artikel zum Thema sind meist wenig fundiert und führen immer dieselben Beispiele aus einer Handvoll Campussen an. Dann heißt es: „Ähnliches bricht sich nun auch in Europa Bahn.“ Facts not in evidence, sagt der Jurist dazu.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Daub: Viele dieser Beobachtungen basieren auf Geschichten in Eliteuniversitäten. Das sind die sichtbarsten Teile der tausenden Universitäten in Amerika. Man hört nie eine Geschichte aus einem Community College oder der Colorado State University. Es ist immer Oberlin College oder Berkeley. Es wird auch nie genau gesagt, was wirklich passiert ist. Es heißt, Studenten hätten sich beschwert, etwa darüber, dass ein Bánh-mì-Sandwich, also ein vietnamesisches Sandwich, falsch gemacht worden sei. Daraus wurde ein Beispiel für Cancel-Culture gemacht, also dafür, dass eine Gruppe zum Boykott von etwas aufruft.

Was ist wirklich passiert?

Daub: Die Studenten haben an die Mensa geschrieben und gesagt: Dieses Sandwich ist falsch. Sollen wir Ihnen beibringen, wie man es richtig macht? Die Mensa­leitung hat sich dafür bedankt. In Europa heißt es dann diffus, dass sich das Klima verschlechtere und man sich gewisse Sachen nicht mehr zu sagen traue. Natürlich habe ich manchmal unangenehme Interaktionen mit Studenten. So wie sie alle jene hatten, die älter geworden sind, während die Studenten gleich jung blieben.

Wie entstehen solche Konflikte?

Daub: Der Sprachduktus ändert sich, und man tritt in die Nesseln. Ist blöd, aber ist halt so. Häufig geht es einfach um Formen der Höflichkeit. Manche Studenten sagen mir, welche Pronomina sie benützen möchten. Es ist ein Höflichkeitsgebot, den richtigen Namen zu verwenden, so wie ich versuche, einen asiatischen Namen richtig auszusprechen. Da Mindeststandards an Re­spekt einzuklagen ist nicht canceln. Wenn jemand zu mir sagt, er ist weder er noch sie, sage ich: Sorry, mache ich beim nächsten Mal besser. Daraus eine Krise machen zu wollen, ist ein Wille zum Melodrama, den ich nicht aufbringen kann.

Bekommen Sie auch Proteste von konservativen Studenten?

Daub: Ja, sehr viele. Es sind Fundamentalisten­, die sich darüber aufregen, wenn ich über die Bibel spreche. Vor denen habe ich eher Angst. Einem Kollegen von mir ist es passiert­, dass er als böser liberaler Professor bei Fox News gelandet ist. Das bedeutet dann drei Wochen lang Todesdrohungen. Das ist zwar auch nicht so schlimm, aber jedenfalls unangenehmer, als wenn man jemanden als Studenten anspricht und sich herausstellt, dass es sich um eine Studentin handelt. Diese Geschichte kommt in den europäischen Berichten nicht vor, immer nur die Identitätspolitik.

Es gibt auf der einen Seite die Schneeflocken, wie die Generation hypersensibler Millennials auch genannt wird. Auf der anderen Seite greift Trump zur Schrotflinte. Sind das die Extreme?

Daub: Moment. Jene, die sich darüber beklagen, dass ein Student etwas Fieses über sie gesagt hat, sind ja ähnlich hypersensibel wie jene, die von ihnen kritisiert werden. Der Diskurs über Cancel-Culture geht davon aus, dass die Übersensibilität älterer weißer Männer mehr wert ist als die Übersensibilität junger Women of Color.

Der Gegensatz Schneeflocken und Trump ist falsch?

Daub: Trump ist ein Sensibelchen. Dieser Mann ist ein absolutes Pflänzchen. Ähnlich argumentieren die Republikaner, die sagen, eigentlich seien sie die Geknechteten und diesen Schwarzen gehe es eigentlich ganz gut. Ich möchte nur ungern einen sexistischen Begriff verwenden, aber diese Art der Dünnhäutigkeit ist eine Form von Hysterie. Wenn meine Studentinnen hingegen darauf hinweisen, dass sich Rassismus und Sexismus in den Strukturen wiederholen, haben sie allen Grund dazu.

Matthias Dusini in Falter 3/2021 vom 22.01.2021 (S. 34)

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Produktdetails
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Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518127506
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 16.11.2020
Umfang 159 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Stephan Gebauer
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