Kotmörtel

Roman eines Schwadronörs
€ 20.6
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Frowalt Hiffenmarkt aus Grollstadt-Sauger arbeitet rechtschaffen als Vertreter für eigentümliche Sanitärartikel, folgt einem starken Drang, an Bahnhöfen Reden zu halten und unterhält in Meppen ein Schreibrefugium, von dem nicht einmal seine Frau weiß.
Der arglose Mann gerät auf so alberne wie unaufhaltsame Weise ins Gefängnis. Täglich wird er von einem offenbar nur für ihn zuständigen, räsonierwütigen Kommissar verhört. Wir erfahren davon in seinen Häftlingsaufzeichnungen, die ihre erschütternde Wahrkraft größtenteils einer ihm seit je zugewandten Brummspezies verdanken: einer Art Kotfliege (Scathophaga), die nach Sonnenuntergang Hiffenmarkts Hirn und Gedankenwelt überfällt und Schriftspuren hinterlässt ...
Ein Sittenthriller aus der bösen neuen Zeit, als das Schwadronieren noch geholfen hat.

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FALTER-Rezension

Frowalt oder die Liebe zur Bamberger Bürste

Weil in fast jedem Artikel über den Berliner „Allround-Künstler“, Autor und Musiker Thomas Kapielski ein biografisches Detail zu seiner vermeintlichen Schrulligkeit zuverlässig Erwähnung findet, will es sich der Rezensent hier auch nicht verkneifen: Kapiels­ki ist Mitglied im seit 1992 bestehenden Original ­Oberkreuzberger Nasenflötenorchester.

Das wäre erledigt, nichts spricht dagegen, auch gleich noch den Namen des Protagonisten von „Kotmörtel“ zu verraten: Frowalt Heimwée Irrgang Hiffenmarkt. Na bumsti. Wer da nicht gleich alle Jean-Paul-Glocken läuten hört, ist für die romantische Ironie dieses Schelmenromans verloren und dazu verdammt, die Lektüre des Buchs nach 20 Seiten genervt abzubrechen. Denn so verschwurbelt der Name des (Anti-)Helden, so bizarr auch die Handlung, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will.

Eines Tages – very kafkaesk – wird Frowalt Hiffenmarkt verhaftet, weiß nicht recht, wie ihm geschieht und sitzt dann auch schon ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. In Freiheit war er Vertreter von Sanitärwaren mit einer libidinösen Neigung zu Bürsten aller Art. Frowalts Lieblingsbürste – einzig Kapielskis Alliterations-Allotria geschuldet: die „Bamberger Busenbürste“. Allein auch, um Kapielskis Abstrusitäten-Akkumulation Genüge zu tun, hält der Protagonist immer wieder durchgeknallte Stegreifreden auf Bahnhofsvorplätzen und kiefelt in einem vor seiner Frau geheim gehaltenen „Schreibrefugium“ an sogenannten „Kalamitäten“ und „Gottesbeweisen“.

Das alles könnte durchaus amüsieren, würde dieser höhere Blödsinn als doppelbödiges Spiel mit der Sprache früher oder später zu irgendetwas führen, es müsste ja nicht gleich ein Ziel sein, man wäre schon für eine Pointe dankbar. Aber da sei der Untertitel des Romans vor: Kapiels­ki will partout schwadronieren, will abschweifen und vom Hundertsten ins Tausendste kommen, aber halt nie auf einen Punkt. Das ästhetische Prinzip des Autors wie auch seiner Hauptfigur lautet: „Nichts wird weggeworfen!“ Und wir Leserinnen und Leser müssen es ausbaden. Kein Kalauer ist Kapielski zu deppert, kein Scherzchen zu billig, um nicht doch verbraten zu werden. Wenn’s ganz hart kommt, folgt die ironische Dis­tanzierung in angehängten „hahas“ und „hohos“: postmodernes Schreiben als eine einzige Gaudi. Schon sehr altvatrisch, das.

Dabei hätte der Hauptteil des Buches sogar das Zeug zu einer properen Coverversion von Flauberts Jahrhundertabschweifung „Bouvard et Pécuchet“, dieser Blaupause moderner Romane, in denen äußere Handlungsarmut durch Wortreichtum kompensiert wird, in denen Reflexion und Assoziation sich „Gute Nacht“ sagen. Auch in „Kotmörtel“ rattern zwei Hirne unaufhörlich drauflos. Das zweite gehört dem – naturgemäß – völlig abgedrehten Kommissar Rufus Röhr, dessen Aufgabe es wäre, Frowalt Hiffenmarkt zu verhören, der sich aber schnell als kriminologisches Pendant zum mad scientist erweist. Rufus Röhr ist ein crazy cop, der weder an Verhör noch Aufklärung interessiert scheint, sondern in seinem Gegenüber ein williges Opfer seiner eigenen Schwadroniersucht gefunden hat.

Man liegt nicht falsch, wenn einem da ein weiteres großes Quassel-Duo der Literaturgeschichte einfällt: Goethe – Eckermann; wobei dem von Röhr enthusiasmierten Hiffenmarkt hier die Rolle des getreuen Schreibknechts zufällt. Doch anstatt nun Funken aus den Birnen zweier herrlicher Knalltüten zu schlagen, lässt Kapielski zwei alte weiße Männer in Waldorf-and-Statler-Manier über die ungute Gegenwart motzen, über Rechtschreibreform, Fernsehprogramm, Politik, die schlappe Jugend und das eigene Alter. Sie tun dies natürlich nicht sauertöpfisch, sondern – Selbstironie! – feixend und fröhlich verliebt in ihre eigene Überkandideltheit. Als alter Pop-Avantgardist und einstiger genialer Dilletant (sic!) weiß Kapiels­ki schließlich, wie man Altherrenwitze doppelt bricht, um am Ende nur ja nicht als Reaktionär dazustehen.

Freunde spinnerter Konzeptliteratur und hemmungsloser Plot-Dekonstruktion müssen zwar dankbar sein, dass es solche Übermutskünstler wie Thomas Kapielski überhaupt noch gibt (es werden eh immer weniger, denkt sich der alte weiße Mann im Rezensenten), doch als Leser sehnt man sich bei fortschreitender Nichthandlung nach der Selbstzensur des Autors. Denn vom Schwadronieren zur Geschwätzigkeit ist es hier nur ein Katzensprung. Aber sag das einem, der auf Maßlosigkeit aus ist ...

Fritz Ostermayer in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518127599
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 14.06.2020
Umfang 410 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
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