Cancel Culture Transfer

Wie eine moralische Panik die Welt erfasst | Das Phänomen »Cancel Culture« verstehen
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Ein Gespenst geht um in Europa, ja in der ganzen Welt – das Gespenst der Cancel Culture. Glaubt man diversen Zeitungen, dürfen insbesondere weiße Männer jenseits der vierzig praktisch nichts mehr sagen, wenn sie nicht ihren guten Ruf oder gar ihren Job riskieren wollen. Ist da etwas dran? Oder handelt es sich häufig um Panikmache, bei der Aktivist:innen zu einer Gefahr für die moralische Ordnung stilisiert werden, um ihre berechtigten Anliegen zu diskreditieren? Der Ursprung der Cancel Culture wird üblicherweise an US-Universitäten verortet. Adrian Daub lehrt im kalifornischen Stanford Literaturwissenschaft. Er zeigt, wie während der Reagan-Jahre entwickelte Deutungsmuster über Campus-Romane verbreitet und auf die Gesellschaft insgesamt übertragen wurden. Man pickt einige wenige Anekdoten heraus und reicht sie herum, was auch hierzulande zu einer verzerrten Wahrnehmung führt. Anhand quantitativer Analysen zeichnet Daub nach, wie diese Diagnosen immer weitere Kreise zogen, bis sie auch die Twitter-Kanäle deutscher Politiker erfassten.

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FALTER-Rezension

"Canceln ist nicht das Gegenteil von Streit"

Politiker, die eine flapsige Bemerkung den Job kostet; Musiker, die wegen politisch inkorrekter Texte nicht mehr auftreten dürfen; zurückgezogene, weil potenziell rassistische Kinderbücher. Die sogenannte Cancel Culture war in diesem Jahr in aller Munde. Adrian Daub, 42, Professor für deutsche Literatur an der Stanford University in Kalifornien, hat ein Buch zum Thema geschrieben. In "Cancel Culture Transfer" vertritt er die These, dass es Einzelfälle, nicht aber eine Kultur des Cancelns gebe. Ein Gespräch über mediale Hysterie, die identitätspolitische Linke und neue Leselisten.
Falter: Herr Daub, Sie haben zur Geschichte der Cancel Culture geforscht. Wer waren denn die ersten Personen, die gecancelt wurden?

Adrian Daub: Interessanterweise weder Wissenschaftler noch der berühmte alte weiße Mann, sondern Idole von 17-Jährigen. Später war es US-Rapper Kanye West, der sich als Cancel-Opfer beschrieb. Er verstörte seine Fans, unter anderem weil er offen Donald Trump unterstützte.

Was heißt Canceln überhaupt?

Daub: "He's cancelled" kommt aus der Fankultur. Die Redewendung etablierte sich in sozialen Netzwerken, vor allem in der afroamerikanischen Community. Nach dem Motto: "Ich werde diesem Künstler nicht mehr meine Aufmerksamkeit widmen, weil er sich falsch verhalten hat." Das ist ein Stück weit moralistisch. Aber eben auch selbstironisch: eine Klage um vergeudete Lebenszeit. Kanye West verhalf 2018 dem Begriff zum Durchbruch, weil er sein eigenes Cancelling in der New York Times zum Thema machte. So haben auch ältere Menschen außerhalb der sozialen Medien das Canceln in ihren Sprachgebrauch aufgenommen. Und in diesen Zeitraum fällt auch die erste Migration des Begriffs in den deutschen Sprachraum.

Bedeutet Cancel Culture in Europa etwas anderes als in Amerika?

Daub: In gewisser Weise ja. Was auffällt: Die deutschsprachige Verwendung des Begriffs orientiert sich an einem ganz bestimmten US-Diskurs zu Cancel Culture -und zwar einem rechtsliberalen bis stramm rechten. Das bedeutet zunächst einmal, dass der Shitstorm und auch die Cancel Culture im Deutschen einem linken Milieu zugerechnet wird. Wenn sich fundamentalistische Christen aufregen, sprechen Medien gemeinhin nicht von Cancel Culture. Bei afroamerikanischen Studentinnen oder Transpersonen ist es das fast per definitionem.

Ist es nicht zu leicht, Kritiker als Rechte abzustempeln? Ein Beispiel: August Strindbergs Stück "Fräulein Julie" findet sich nicht mehr in Kursen der Universität Sussex in Großbritannien, weil darin über Suizid gesprochen wird. Das könne "traumatisierend" für die Leserschaft sein. Ein klarer Fall von Cancel Culture, oder?

Daub: Laut Kritikern natürlich. Aber analysieren wir dieses Beispiel: Es handelte sich keinesfalls um ein Verbot. Ich nehme an, es wurde von einer Leseliste genommen oder als Prüfungstext abgeschafft. Ich wüsste nicht, wie man einer Uni einen Text verbieten kann. Leselisten werden regelmäßig überarbeitet. Da kommen manchmal Autoren raus, andere werden wieder reingetan. Ich erinnere daran, dass man im 19. Jahrhundert zum Beispiel Friedrich Schiller an Unis viel häufiger begegnet ist als Goethe. Das hat sich heute umgekehrt. Aber nicht weil uns das irgendwie vorgeschrieben wurde, sondern weil wir die Studierenden mit bestimmten Texten nicht mehr erreichen. Das sind interne Vorgänge an Universitäten, die selektiv von Medien herausgepickt und in die Berichterstattung um die angebliche Cancel Culture integriert werden.

Cancel Culture ist also eine mediale Hysterie? Woher kommt die?

Daub: Ich habe bei meiner Forschung den Eindruck gewonnen, dass es ein großes Publikum gibt, das sich bei solchen Berichten gerne ein bisschen gruselt und gleichzeitig spürt: Das ist ganz weit weg, das tangiert mich nicht. Cancel-Culture-Warntexte geben ihren Lesern das Gefühl, dass sie mutig und Einzelgänger sind, obwohl man eigentlich dasselbe sagt wie die große Mehrheit der Gesellschaft. Man darf sich heldenhaft fühlen, eine Meinung verteidigen. Man darf Texte für sich in Anspruch nehmen, die man selber vielleicht gar nicht gelesen hat. Und klar, für Kant oder Voltaire auf die Barrikaden zu gehen, ist ein schönes Gefühl. Das schmeichelt.

Und Journalistinnen und Journalisten?

Daub: Ich habe beobachtet, dass die Position des Cancel-Culture-Kritikers eine angenehme ist. Er kann in apokalyptischen Tönen warnen, aber die eigentlichen Panikmacher, das sind die anderen: Die Bösen sind die Aufgeregten, die canceln. Rhetorisch vereint man so einen Kulturpessimismus mit der Verteidigung der Aufklärung. Und bedient ein bisschen den Alt-68er-Antiamerikanismus, weil es in Europa jetzt schon bald so zugeht wie in den USA. Feuilletonisten können konservativ tönen, aber vorgeben, kosmopolitisch zu denken.

Wenn Aktivistinnen Bücher von J. K. Rowling verbrennen, weil diese die Trans-Community kritisiert, ist es doch nicht konservative Hysterie, darüber zu berichten?

Daub: Von Bücherverbrennungen habe ich noch nicht gehört, wissen Sie, wer das war?

Nein. Auf Social Media kursierten entsprechende Videos.

Daub: Es gibt sicher viele Anekdoten über Aktivistinnen in sozialen Medien, die sich falsch verhalten. Nur: Die Frage ist, ob wir daraus eine ganze Kulturdiagnose ableiten. Und ob das Narrativ richtig ist, Cancel Culture sei ein Produkt der identitätspolitischen Linken. Was ich jedenfalls weiß, ist, dass an amerikanischen Bibliotheken derzeit tausende Bücher verboten werden, und zwar in republikanisch regierten Bundesstaaten, von Gouverneuren. Nicht in sozialen Netzwerken vermittels sozialer Ächtung, sondern durch Gesetzesgewalt.

Aus welchem Grund?

Daub: Weil Belange von Schwarzen drin vorkommen und Themen, die Gender oder Transpersonen betreffen. Diese Verbote werden an staatlichen Bibliotheken von Leuten ausgeführt, die über Macht verfügen -von School Boards bis hin zu Gouverneuren. Und es ist auffällig für mich, wie wenige Berichte dazu es dann in die deutschsprachige Welt schaffen. Zurück zu Harry Potter: Es wäre schlimm, wenn eine staatliche Stelle beschließt, Bücher zu verbrennen. Aber wenn sich 19-jährige Aktivisten online falsch verhalten, hat das keine institutionelle oder juristische Konsequenz.

Es gab mehrere Cancel-Fälle, die mit Dreadlocks verknüpft waren. Ein Musiker durfte nicht in einer Schweizer Bar auftreten, nur weil er Dreadlocks trug -da dies schwarze Menschen verletzen könnte. Drei Wochen später kam es zu einem ähnlichen Vorfall. Kann man da nicht von einer Kultur sprechen?

Daub: Natürlich gibt es überzogene Sachen. Aber ich habe auch Verständnis dafür, dass eine private Bar sagt, wir haben gewisse Werte und wir verhalten uns entsprechend. Wenn der Musiker deshalb aus dem Bundestag ausgeladen würde, dann wäre das ein Problem. Klar.

Wenn es keine Kultur des Cancelns gibt, was gibt es dann?

Daub: Es gibt erstens Diskursphänomene, die sich dadurch ergeben, dass sich Menschen online äußerst schnell erregen. Auf Twitter entstehen Mobs, die gefühlt Macht haben, institutionell aber nicht. Diese Erregung hat mit rechts oder links nichts zu tun. Die meisten Menschen tun in sozialen Medien Dinge, die sie im realen Leben nicht sagen würden. Zweitens: Es gibt Aktivistinnen, die andere Meinungen vorschnell abwürgen. Wenn diese Fälle rapide ansteigen, wäre es eine Gefahr. Aber es handelt sich immer noch um einzelne Anekdoten. Und drittens tun wir immer so, als sei canceln das Gegenteil von Streit. Dabei sind es häufig einfach Debatten. Debatten, die manchen vielleicht nicht gefallen.

Besteht in dieser aufgeheizten Stimmung nicht die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft? Und eines Backlashs: Die Thematisierung von wirklichem Machtmissbrauch könnte dann als "lächerliche" Cancel Culture abgetan werden.

Daub: Ja, aber irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht. Selbst in den USA habe ich ein Grundvertrauen in die Justiz. Viele der konservativen Zensurversuche werden von den Gerichten zerpflückt werden. Und die meisten der Kandidaten, die auf Anti-Trans-Themen als Erreger setzten, haben bei den Midterm-Wahlen verloren.

Lina Paulitsch in Falter 49/2022 vom 09.12.2022 (S. 36)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518127940
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 21.11.2022
Umfang 371 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp

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