Das Ereignis

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Oktober 1963: Die 23-jährige Annie entdeckt, dass sie schwanger ist. Die Studentin aus bescheidenen Verhältnissen weiß: Wenn sie ein uneheliches Kind zur Welt bringt, wird sie alles verlieren. Das hart erkämpfte Universitätsstudium, die Hoffnung, dem engen, prekären Milieu der Eltern zu entkommen. Sie ist entschlossen, die Schwangerschaft zu beenden, aber im Frankreich der 1960er Jahre ist Abtreiben illegal, und so beginnt für die junge Frau ein Spießrutenlauf, der sie von der Praxis eines überheblichen Arztes, ins Hinterzimmer einer zweifelhaften Engelmacherin führt und schließlich in der Notaufnahme endet. Voller Scham versucht Annie, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, und begegnet dabei überall erschreckender Gleichgültigkeit.

Wie ist es, wenn man als Frau abtreiben will und es nicht darf? Mit schonungsloser Offenheit erzählt Annie Ernaux von ihrem eigenen Schwangerschaftsabbruch. Und von den Demütigungen, Verletzungen und Stigmatisierungen, die sie dabei erleiden musste – und die bis heute nachhallen.

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FALTER-Rezension

Macht Abtreibung legal, nicht straffrei!

Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist paradox: Ausgerechnet als Deutschland unter Jubelschreien vieler Frauen endlich jenes Gesetz abschaffte, das das Bewerben von Abtreibungen strafbar macht, spielen sich tausende Kilometer weiter westlich harte Szenen ab: Unter Tränen arbeiten Mitarbeiterinnen einer texanischen Abtreibungsklinik extra schnell, um noch so viele Termine wie möglich wahrzunehmen. Denn der U.S. Supreme Court hat das verfassungsmäßige Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch endgültig aufgehoben. Abtreibungsrecht wird nun Sache der Bundesstaaten. Wo Konservative regieren, werden noch mehr Frauen sterben, weil sie keinen Zugang zu legalen Abtreibungen haben, selbst wenn sie vergewaltigt wurden.
Kein Recht ist so umstritten, wird so oft und lautstark verhandelt wie jenes, eine Schwangerschaft abzubrechen. Kirchenvertreter und Konservative, Feministinnen und Bioethikerinnen, alle reden mit - am Ende, so scheint es momentan, gehen wir zwei Schritte nach vorn und drei zurück.

"Nichts ist jemals endgültig gesichert", sagte die Philosophin Simone de Beauvoir schon in den 1950ern über die Rechte von Frauen: "Ihr müsst euer Leben lang wachsam bleiben." 373 Frauen bekannten auf dem Stern-Cover 1971, abgetrieben zu haben. Und noch 2022 singt die Punkband Petrol Girls "I had an abortion" - als Provokation. Warum ist das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, für Frauen auch 50 Jahre nach der Frauenbewegung keine Selbstverständlichkeit? Wie viele Fakten über die gesundheitlichen Nachteile eines Verbots braucht es noch? Und wie können wir verhindern, dass in Österreich Ähnliches passiert?

Schließlich müssen wir gar nicht so weit in die Ferne blicken: Auch in Polen, einem EU-Staat, sind Schwangerschaftsabbrüche seit 2021 nahezu vollständig verboten, bei einer Verurteilung drohen bis zu drei Jahre Haft. Mindestens drei Frauen hat ein zu später Abbruch seither das Leben gekostet. Eine starb, weil Ärzte es nicht wagten, ihr Leben durch eine Abtreibung des Fötus zu retten. Denn auch Helfer können belangt werden, wie die Aktivistin Justyna Wydrzyńska, die gerade vor Gericht steht, weil sie einer Frau in einer Gewaltbeziehung die Abtreibungspille besorgte.

Organisationen wie Ciocia Wienia bringen polnische Frauen für ihre Abtreibung nach Österreich. Auch hier ist die Abtreibung zwar nicht legal, aber bis zum dritten Monat straffrei, in Einzelfällen darüber hinaus, wenn schwere genetische Schäden des Ungeborenen vorliegen oder das Leben der Mutter gefährdet ist. Das heißt nicht, dass eine Abtreibung in Österreich einfach zu organisieren ist. In Tirol und Vorarlberg gibt es jeweils nur einen Arzt, der den Eingriff vornimmt, Krankenhäuser haben keine Verpflichtung, den Eingriff anzubieten. Und auf Krankenkasse ist dieser sowieso nicht verfügbar. Kosten: rund 800 Euro.

Die Debatte ist alt und doch aktuell wie nie, viele Frauen können nicht glauben, dass sie nun für das Gleiche protestieren wie schon ihre Mütter und Großmütter. Was lässt sich für die Zukunft lernen?

Erstens: Aufklären hilft. Kaum eine Frau entscheidet leichtfertig, laut Studien geschieht das meist reflektiert, wenn ein Kind nicht in die Lebenssituation passt. In Ländern mit Gratiszugang zu Pille oder Spirale sinkt die Zahl der Abtreibungen. Prävention wirkt.

Zweitens: Valide Daten fehlen. Was bringen Informationskampagnen zu Verhütung oder Abtreibung, wenn nach wie vor unklar ist, wer wie oft eine Schwangerschaft unterbricht? Weder Krankenkassen noch Gesundheitsministerium haben genaue Zahlen, Schätzungen gehen von 30.000 bis 35.000 Abbrüchen pro Jahr aus. Österreich wäre damit unter den EU-Ländern mit den höchsten Raten an Abbrüchen. Warum?

Drittens: Abtreibung ist Geldsache. Frauen, die sich ein (weiteres) Kind schlicht nicht leisten können, haben schwerer Zugang zu einem günstigen Schwangerschaftsabbruch. Die Abteilung für Soziales, Sozial-und Gesundheitsrecht der Stadt Wien übernimmt Kosten bei Frauen in einer materiellen Notlage. Ob sich die Förderzusage innerhalb der Frist ausgeht, ist nicht fix. Es bräuchte einen unbürokratischen Zugang, Abtreibungen auf Krankenschein wie in Deutschland, sozial gestaffelt.

Viertens: Reden wir offen darüber. Wer abtreiben will, treibt ab. Die Frage ist nur, unter welchen Umständen. Das Thema gehört enttabuisiert, ansonsten vertrauen sich viele den Falschen an, gehen Risiken ein, machen illegale, gefährliche Eingriffe. Philosophische Fragestellungen darüber, was Leben denn überhaupt ist und wann es beginnt, kann es auch bei einer legalen Absicherung geben, die Entscheidung kann dann immer noch bei den Frauen liegen.

Fünftens: die rechtliche Frage. In Frankreich ist Abtreibung ohne Angabe von Gründen und Bedenkzeit möglich, auch die Frist wurde kürzlich auf 14 Wochen verlängert. Warum nicht (aus symbolischen Gründen) legal, nicht nur straffrei machen, vielleicht sogar in der Verfassung verankern? Denn wieder einmal müssen wir lernen: Das Recht auf legale Schwangerschaftsabbrüche ist nicht selbstverständlich. Ohne fundierte juristische Absicherung bleibt es auch in Österreich Verhandlungssache.

Katharina Kropshofer in Falter 26/2022 vom 01.07.2022 (S. 6)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheBibliothek Suhrkamp
ISBN 9783518225257
Erscheinungsdatum 12.09.2021
Umfang 104 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Sonja Finck
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