Die dunklen Seiten der Empathie

von Fritz Breithaupt

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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Psychologie
Umfang: 227 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.02.2017

Rezension aus FALTER 6/2017

Das Gift der Liebe

Empathie gilt als moralisches Ideal. Doch sie hat auch gefährliche Seiten. Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt über die Gefühle von islamistischen Terroristen, Klatsch und den Hass auf Flüchtlinge

Verwundert kratzte sich der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt, 49, am Hinterkopf. Verspürte er tatsächlich so etwas wie Empathie für Donald Trump? Im Zuge des Wahlkampfs für das Präsidentenamt verfestigte sich das spontane Gefühl. Obwohl dem in den USA lehrenden deutschen Literaturwissenschaftler der republikanische Kandidat zuwider ist, ertappte er sich dabei, dass er in dessen rhetorischen Ringkämpfen mitfieberte. Wie wird Trump auf den nächsten Vorwurf reagieren? Wird er zu Boden gehen?
Empathie ist etwas Schönes. Für viele ist sie die Voraussetzung für den Weltfrieden, der psychische Motor der Willkommenskultur. Ex-Präsident Barack Obama sprach vom „Empathie-Defizit“ unserer Epoche, das es auszugleichen gelte. Evolutionsbiologen wiesen nach, dass sich Affen die Banane teilen. Filmkritiker heben den Zeigefinger, wenn die Regie keine Empathie für die Helden erkennen lässt. Wehe, wenn sich Mitarbeiter nicht für ihre Kollegen interessieren. Wer keine Empathie zeigt, gilt als Monster.
Breithaupt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und beleuchtet in seinem neuen Buch die „dunklen Seiten der Empathie“. Beispiele fand der Autor reichlich. Romantische Liebhaber verwandeln sich in Stalker, sogenannte Helikoptereltern erdrücken ihre Kinder durch zu viel Fürsorge.
Empathie kann auch dazu dienen, Freunde zu quälen und Konkurrenten auszuschalten. Die Populärkultur ist voll von Vampiren, die sich vom Selbst des anderen ernähren. Ein besonders perverses Beispiel taucht in dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ auf, wo ein Serienmörder eine Metapher wörtlich nimmt: Er schlüpft in die Haut seiner Opfer.
Fritz Breithaupts Bücher erfordern Konzentration. Er arbeitet sich durch die Erkenntnisse der Evolutionstheorie und der Hirnforschung, deren Terminologie für einen Laien nicht immer leicht verständlich ist. Die Lektüre ist dennoch ein großer Gewinn, denn der Leser beginnt die Zusammenhänge zwischen Werbung, Politik und Literatur zu verstehen. Warum ergreifen wir Partei, wie schlägt Zuneigung in Ablehnung um?
Breithaupt interessiert etwa der Punkt, wo sich aus einem Impuls ein kulturelles Muster formt. Anteilnahme lässt sich nicht nur durch Katzenvideos, sondern auch durch Geschichten erzeugen. Wir hören von einer Reise, und plötzlich sind wir selber mit unterwegs. Wenn jemandem ein Unglück widerfährt, wollen wir mehr über seine Vergangenheit erfahren.
Eine starke Passage in Breithaupts 2009 erschienenem Buch „Kulturen der Empathie“ erklärt das gleichzeitige Auftauchen von Mitgefühl und Egoismus in der Zeit der Aufklärung. Der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing beschrieb das Theater als Ort, in dem das Publikum Mitleid für den tragischen Helden einübt. Längst hat die Bühne die Funktion verloren, den Menschen empathische Injektionen zu verabreichen. Immer wieder streut der Autor auch Beobachtungen aus Wahlkämpfen ein. Wer Empathie erzeugt, gewinnt die Gunst des Wählers. Fritz Breithaupt verknüpft Verhaltensforschung mit Erzähltheorie, die emotional erniedrigte Romanheldin Effi Briest Theodor Fontanes mit den Tragödien des Medienalltags.
Empathie kann vieles sein, intellektuelles Verstehen des anderen, das Imitieren seiner Gefühle bis hin zur hilfreichen Tat. Die Grenzen zwischen Mitleid, Identifikation, Parteinahme und Selbstaufgabe sind fließend, allen gemeinsam ist der Wunsch, in die Haut des anderen zu schlüpfen. Der Begriff Empathie selbst hat übrigens eine transatlantische Geschichte. Der in den USA lehrende Psychologe Edward Bradford Titchener übersetzte 1909 den Begriff „Einfühlung“ ins Englische; „empathy“ kehrte als Lehnwort ins Deutsche zurück.

Falter: Herr Breithaupt, im September 2015 ging das Foto des toten Buben Alan Kurdi um die Welt und löste eine Welle von Gefühlen aus. Warum?
Fritz Breithaupt: Sogar zwei Jahre später habe ich Tränen in den Augen, wenn ich es sehe. Ich würde es als ein Bild der Ankunft lesen. Der Junge liegt genau zwischen Land und Meer und ist halb angekommen auf dem europäischen Kontinent, aber nicht ganz. Er trägt westliche Kleider in den Farben Rot und Blau, den Farben der heiligen Maria. Er liegt da, als würde er schlafen. Schlaf und Tod sind in der antiken Mythologie Geschwister, man kann sie optisch nicht unterscheiden. Daher löst das Bild die Hoffnung aus, dass der Junge vielleicht nur schläft. Ich müsste ihm nur auf die Schulter tippen, und er spränge gleich wieder auf. Ich vermute, auch die deutsche Kanzlerin wurde von diesem Bild bewegt.

Ist das schon Empathie?
Breithaupt: Kurz darauf gab es in der New York Times eine Reportage, in der das ganze Schicksal der Familie Kurdi aufgerollt wurde. Mehrere sind ertrunken, mehrere haben es von der Türkei nach Europa geschafft. Das Bild rüttelt einen zwar unmittelbar auf, das Lesen der Geschichte klingt aber länger nach. Eine zerrissene Familie muss mit der Tatsache weiterleben, dass einige Kinder umgekommen sind, und man weiß nicht, wie es weitergeht. Da fängt eine Empathie an, die man nicht mit einer schnellen Rührung abschütteln kann.

War das in der sogenannten Willkommenskultur der Fall?
Breithaupt: Es gab in einigen europäischen Ländern nach anfänglicher Skepsis eine sehr positive Reaktion gegenüber den Flüchtlingen. Damals habe ich mich gefragt, ob man das aufrechterhalten kann. Bis auf löbliche Ausnahmen haben die Leute wohl nicht sehr viel Empathie mit den Opfern aufgebaut. Sie haben die Schicksale der Flüchtlinge aus Syrien oder Somalia nicht mitempfunden und nicht gefragt, wie es für sie weitergeht.

Warum?
Breithaupt: Weil sie sich eher mit den Helfern als den Opfern identifiziert haben, mit Angela Merkel oder jenen Freiwilligen, die an der Grenze und auf den Bahnhöfen im Einsatz waren. Es war eine spontane Identifikation, die dann aber rasch verpufft ist. Man denkt sich, da hilft einer, und damit ist das Ganze gegessen. Die Fixierung auf Heldenfiguren, die wir in den Medien geboten bekommen, ist positiv, aber kurzlebig.

Weihnachten sollte das Fest der Einfühlung sein, was meistens schiefgeht. Lässt sich Empathie auf Knopfdruck erzeugen?
Breithaupt: Es wäre schrecklich, wenn das möglich wäre. Wenn es Medikamente gäbe, die Empathie auslösen, würde ich nicht zu deren Einnahme anraten. Empathie ist etwas, mit dem wir vorsichtig umgehen müssen. Wir müssen immer auch die Fähigkeit haben, Empathie auszuschalten. Die Teilnahme an dem Schicksal eines anderen ist eine großartige Sache. Sie kann Menschen zusammenbringen, aber sie kann auch ausgenutzt werden. Das ist etwas, was wir lernen, und nicht durch Pillen einnehmen sollen.

2015 sprach man von Willkommenskultur, ein Jahr darauf vom Hass im Netz. Ist Hass die Folge von zu viel Empathie?
Breithaupt: Die Rolle des Willkommenheißers und Helfers war für viele nicht wirklich lebbar. Sie haben das eher aus der Ferne mitbekommen und die positive Veränderung nicht gesehen. Die Situation stagnierte, immer mehr Flüchtlinge kamen. Es gab auch wenige Geschichten darüber, wie sich syrische mit deutschen oder österreichischen Familien befreundet haben. Empathie kann rasch in Ressentiment umschlagen: „Ich hatte so viel Mitgefühl mit dir, und du hast nichts daraus gemacht.“ Dieses Rachegefühl richtete sich dann auch gegen jene, die die Empathie vorgelebt haben, etwa Angela Merkel.

Auch beim Stalker schlägt Liebe in Hass um.
Breithaupt: Der Stalker denkt sich, weil er sich für den anderen aufgeopfert hat, hat er nun auch ein Anrecht auf den anderen.

Einige Kritiker sagten nach Trumps Sieg, die Linke habe den Kontakt zu den Arbeitern verloren. Klammern die Fahnenträger der Empathie ihre dunkle Seite aus?
Breithaupt: Die politischen Narrative fast aller etablierten Parteien laufen auf Einheit, Betroffenheit und Weltoffenheit hinaus. Was darin nicht vorkommt, ist das Gefühl jener, die sich abgehängt fühlen und denen auch noch zugemutet wird, sie müssten mehr Empathie zeigen.

Sie hatten im US-Wahlkampf Gefühle für Donald Trump. Warum so viel Sympathie für den Teufel?
Breithaupt: Trump hat es verstanden, Identifikation zu produzieren. Das hat auch mit einer politischen Kultur zu tun, die das Rededuell in den Medien zelebriert. Trump ist ein Meister der spontanen Situation. Es wird ihm etwa vorgeworfen, dass er Frauen sexuell belästigt habe. Da diese Angriffe berechtigt sind, denkt man sich, der kann jetzt nur mehr zusammenbrechen. Aber was macht er? Er findet einen Ausweg und tut seine sexistischen Äußerungen als Geschwätz unter Männern in der Umkleidekabine ab. Genau das macht ihn so anziehend für empathische Reaktionen. Jeder andere würde aufgeben, er schlägt zurück.

Lässt sich dieser Mechanismus als Muster beschreiben?
Breithaupt: Wir ergreifen spontan Partei, auch wenn diese Parteinahme nicht mit unserem moralischen Urteil übereinstimmt.

Sie nennen das Stockholm-Syndrom als Beispiel für eine Situation, in der ein Opfer sich nicht für den Guten, sondern für den Bösen entscheidet. Warum?
Breithaupt: Wir empfinden Empathie, wenn wir uns in Dreiergeschichten bewegen. Wenn wir zwei Parteien beobachten, entscheiden wir uns oft ganz spontan. Wir entwickeln Empathie für die eine Seite und gehören ihr immer stärker an. Beim Stockholm-Syndrom befindet sich der Geiselnehmer in einem Konflikt mit der Polizei. Die Geisel muss sich entscheiden.

Der Geiselnehmer befindet sich in einer ähnlichen Position wie die Geisel. Auch er ist ein Opfer.
Breithaupt: Richtig. Das Stockholm-Syndrom ist übrigens selten und kommt nur dann vor, wenn die Geisel in dem Geiselnehmer etwas erkennt, was ihr Hoffnung gibt. Das sind meist die etwas freundlichen oder auch ambivalenten Geiselnehmer. Entscheidend ist, dass die Opfer erkennen können, unter welch enormem Druck der Täter steht, dass er ein Outlaw ist, fast ohnmächtig gegen die Staatsgewalt.

Bei Empathie denkt man an Liebe, nicht an Hass. Wie passen diese Gegensätze zusammen?
Breithaupt: Ich würde sagen, dass der Hater zunächst einmal ein von Liebe getriebener Mensch ist. Wir nehmen die Hassseite stärker wahr, auch wenn sie mir in den meisten Fällen ein Nebeneffekt zu sein scheint. Der Hasser befindet sich häufig in einer Situation, in der er den Konflikt zwischen zwei Gruppen beobachtet. Dann entscheidet er sich für die, die er als Opfer wahrnimmt. Schließlich schlägt er gegen jene Kultur zurück, die er als übermächtig und bedrohlich wahrnimmt.

Trifft das auch auf Terroristen zu?
Breithaupt: Auch der Terrorist ist durch seinen Hass weniger zu verstehen als durch seine Zuneigung. Nach seiner Entscheidung für eine Gruppe entwickelt er immer mehr Empathie. Das kann eine islamistische Gruppe sein, die sich immer als Opfer des Westens begreift. Es kann aber auch ein Gewalttäter sein, der die herrschende weiße, männliche Bevölkerung gegen die als Übermacht wahrgenommene Political Correctness verteidigen will.

Woher kommt Empathie überhaupt?
Breithaupt: Es gibt eine Geschichte aus der Vorzeit der Hominiden. Die Gruppenverbände der frühen Menschen haben sich sehr eng aneinandergeschmiedet. Deren Überleben hat dadurch besser funktioniert, dass alle miteinander kooperiert haben. Sie konnten in komplexeren Situationen, etwa bei der Jagd oder der Aufzucht der Jungen, Rollen verteilen und wurden dadurch gemeinsam stärker. Evolutionsbiologen verstehen Empathie als Handlung, die dem anderen zugutekommt und einen Überlebensvorteil garantiert. Das kann etwas ganz Harmloses sein wie das Lausen. Der britische Psychologe Robin Dunbar vertritt die These, dass durch diese Tätigkeit bei Affen der Zusammenhalt der Gruppe gestärkt wird. Beim Lausen geht es nicht darum, tatsächlich Läuse zu finden. Affen pflegen ihre Beziehungen zueinander, indem sie sich das Fell kraulen. Dadurch werden Endorphine ausgeschüttet, die Wärme- und Wohlgefühle erwecken.

Gibt es das auch beim Menschen?
Breithaupt: Dunbar ist der Auffassung, dass Menschen das sehr zeitaufwendige und individuelle Kraulen durch etwas anderes ersetzt haben, nämlich das Tratschen.

Ausgerechnet Klatsch?
Breithaupt: Er löst ein ähnliches Gefühl des Wohlbehagens aus wie das Kraulen. Eine Sprachgemeinschaft hat den Vorteil, dass die Gruppe vergrößert werden kann. Es sind nicht zwei, sondern mehrere Individuen dar­an beteiligt. Dunbar sagt, dass sich die Verbände von 50 auf 150 Teilnehmer­ vergrößern konnten, weil das die Anzahl von Wesen ist, die ungefähr noch voneinan­der wissen, was bei ihnen los ist. Jeder klatscht über jeden. Für Dunbars These spricht, dass die heutigen Menschen viele Stunden täglich mit Klatsch und Tratsch verbringen.

Was tut gut beim Tratschen?
Breithaupt: Um die Gefühle des Gegenübers nicht zu verletzen, führen wir einen Eiertanz auf. Wir schätzen vorab ein, wie der andere das Gesagte aufnehmen wird und wo um den heißen Brei herumgeredet werden muss. Wenn jemand etwa einen Schwulenwitz erzählt, wäre es ihm peinlich, befände sich ein Schwuler unter den Zuhörern. Daher sind Gespräche von Angesicht zu Angesicht besser geeignet, Konflikte beizulegen: Wir sind gezwungen, die Perspektive des anderen einzunehmen.

Es gibt Leute, die Klatsch als unmoralisch ablehnen.
Breithaupt: Robin Dunbar und andere Anthropologen stellen Klatsch sehr positiv als Kitt der Gesellschaft dar. Um diese Hypothese aufrechtzuerhalten, stufen sie den negativen Klatsch zu einer Nebensache herab. Da bin ich mir, genau wie Sie, nicht sicher. Klatsch schließt andere aus.

Wer nicht dabei ist, bekommt das Fett ab.
Breithaupt: Ja, Klatsch hat diese aggressive Dimension. Der Einzelne steigt und fällt mit seinem Stand im Klatsch. Wer jetzt noch am Klatsch teilnimmt, kann im nächsten Moment sein Gegenstand sein und an sozialem Status verlieren.

Ist die Empathie denn nun wirklich so schlimm?
Breithaupt: Wir tun viele schlimme Dinge nicht aus einem Mangel, sondern aus einem Zuviel an Empathie. Wir unterdrücken andere Menschen, um dieses schöne Gefühl zu produzieren. Wir reduzieren andere auf Bilder unserer selbst und werden zu empathischen Vampiren, die durch den anderen etwas erleben wollen und ihn dadurch seiner Freiheit berauben. Aber das heißt natürlich nicht, dass Empathie nicht zu dem führen kann, was wir eigentlich wollen, nämlich dazu, sich einzusetzen für jene, die es brauchen.

Wie geht das?
Breithaupt: Was jetzt kommt, klingt etwas altvaterisch. Wir brauchen Moral. Niemand redet mehr von der inneren Stimme, die uns leiten soll. Wir müssen diese innere Stimme kultivieren, denn sie kann uns sagen, was richtig und falsch ist. Moral hilft uns, ein gutes Verhältnis zum anderen zu finden, vor allem, wenn man sich vor dem Moralisieren und Bevormunden hütet. Das andere, was hilft, ist Neugier. Wir können die dunklen Seiten der Empathie zumindest ein bisschen aufhellen, indem wir eben nicht davon ausgehen, dass wir fremde Menschen verstehen können. Wir würden dann zum Flüchtling oder auch zum Hater sagen: Okay, ich will mehr von dir wissen. Was ist passiert, was willst du? In einer mit Neugier gepaarten Moral sehe ich noch ein wenig Hoffnung.

Was empfinden Sie nach der Wahl des neuen US-Präsidenten?
Breithaupt: Seit Donald Trump gewählt wurde, nehme ich seine Perspektive nicht mehr ein. Seine Anziehungskraft für mein empathisches Miterleben galt dem Schlagabtausch des Wahlkampfs. Davon bin ich nun befreit.

Matthias Dusini in FALTER 6/2017 vom 10.02.2017 (S. 24)


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