Kybernetik und Kritik

Eine Theorie digitaler Regierungskunst | Fesselnde Geschichte unserer datafizierten Gegenwartsgesellschaft und des KI-Hype
800 Seiten, Taschenbuch
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Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft
Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Politik und Staat Politikwissenschaft und politische Theorie
ISBN 9783518300794
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 18.02.2026
Größe 18 x 10.8 cm
Verlag Suhrkamp
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HerstellerangabenAnzeigen
Suhrkamp Verlag GmbH
Torstr. 44 | DE-10119 Berlin
info@suhrkamp.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Elon Musk bezeichnet die Plattform X als »kybernetische Superintelligenz«, Mark Zuckerberg denkt Unternehmen als »lernende Organismen«, und der Erfinder der Datenbrille Google Glass sagt: »Die Kybernetik ist überall, wie Luft.« Diese Aussagen kommen nicht von ungefähr. Wer die Digitalisierung verstehen will, muss auf ihre kybernetischen Ursprünge schauen. In ihrem grundlegenden Buch zeichnet Anna-Verena Nosthoff ein umfassendes Panorama der Kybernetisierung der datafizierten Gegenwartsgesellschaft – von den ersten Prämissen der »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle« über die Emergenz des Cyberspace bis hin zum aktuellen KI-Hype und zu technikautoritären Strömungen. Es zeigt sich: Die Kybernetisierung erfasst auch die Kritik – die sich daher neu erfinden muss, um zu überleben.

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FALTER-Rezension

Die schillernde Vision der sanften Kontrolle

Robert Misik in FALTER 18/2026 vom 29.04.2026 (S. 20)

Was die Kybernetik überhaupt ist, ist keineswegs so klar: eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Mathematik, Technikforschung, viel Futurismus und KI-Utopismus, Steuerungstechniken, Philosophie und manchmal auch die Liebe zur steilen These miteinander kombiniert. Gelegentlich grenzt sie ein wenig an Scharlatanerie. Der Begriff selbst ist keine allseits vertraute Vokabel. Dabei bestimmt Kybernetik unser Leben, unseren Alltag und vor allem unsere Gegenwart. Sie ist überall -so sehr, dass uns das gar nicht bewusst ist.
Algorithmen steuern, was sichtbar ist. Doch Sie steuern die Sichtbarkeit durch Ihre Präferenzen gleich mit; wenn Sie online einen Flug buchen, beeinflussen Sie die Preisbildung; wenn Sie beim Händler ein Auto kaufen, setzen Sie sofort eine unendliche Kette an automatisierten Vorgängen und eine Produktionskette in Gang.

Kybernetik als Theorie der "Kommunikation und Kontrolle", als "Regelungs-und Steuerungswissenschaft" und damit als das Denken über das Verhältnis "von Mensch und Maschine" - so die Definition in Anna-Verena Nosthoffs "Kybernetik und Kritik" - hatte ein paar Voraussetzungen: Erstens, die Entstehung hochkomplexer technologischer Instrumente, die automatisierte Produktion, Datenverarbeitung und Computerisierung ermöglichten; zweitens die Erkenntnis, dass komplexe Gebilde (der Staat, große Konzerne, "die Gesellschaft") nicht einfach durch Befehl und Gehorsam zu steuern sind.

Nosthoff beschreibt dicht auf über 600 Seiten die Geschichte der Kybernetik, von Techno-Utopien und einer Gesellschaftswissenschaft, in der soziale Prozesse, die Wirtschaft, aber eben auch die Technologie aufeinander einwirken. Ein Schlüsselbegriff dabei ist "Gouvernementalität". Er beschreibt, wie Regeln, Wirtschaft, Moral, Technologie, Zeitgeist und vieles mehr Feedbacksysteme entwickeln, um einigermaßen erwünschte Ergebnisse in komplexen Systemen zu erzielen, die für planvolles Handeln zu kompliziert sind.

Karl Marx formulierte einmal, die Produktion produziere nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand, kurzum: die Menschen werden an die Maschinerie angepasst und verändert. Techno-Utopien können autoritäre Beherrschungsfantasien sein, wie der dunkle Autoritarismus der Tech-Bros und des "Muskismus". Sie können aber auch emanzipatorische Utopien inspirieren. In Salvador Allendes Chile wurde beispielsweise versucht, die Wirtschaftssteuerung mit Echtzeitdaten und Beteiligung aller mit einem echten demokratischen Sozialismus zu verbinden.

In den vergangenen knapp 80 Jahren hat die Kybernetik Computerforscher, Gesellschaftstheoretiker, aber auch Künstlerinnen und Künstler fasziniert. Der Aktionist Peter Weibel war von ihr gebannt, Philosophen wie Jean Baudrillard oder Autoren wie Hans-Magnus Enzensberger grübelten über kybernetische (Anti-)Visionen.

Zu den spannendsten -und auch abwegigsten - Aspekten des Themas gehört das Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Maschine. Nosthoff nennt es die "Kybernetisierung des Subjekts". Der Mensch wird häufig wie eine Maschine dargestellt, die nur auf Reize, Impulse reagiert -"zweckgerichtet" und mit einem "verdrahteten" Gehirn. Umgekehrt werden Maschinen vermenschlicht. Man denke nur an Begrifflichkeiten wie "KI denkt" oder die Vorstellung, dass die KI gegen uns rebellieren könnte. Oder an die Beschreibung von Datenflüssen in "neuronalen Netzwerken", die dem menschlichen Gehirn ähneln.

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