Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos
Roman

von Peter Handke

€ 30,80
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 760 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.01.2002

Rezension aus FALTER 4/2002

Peter Handke schickt eine Geldexpertin in die spanischen Berge und schreibt den "Don Quichotte" neu.

Am besten, man gewöhnt sich rasch daran: Ein Handy ist kein Handy, sondern ein "Handtelefon"; ein Hängegleiter kein Hängegleiter, sondern ein "Flugmensch". Auch die Hauptfigur des Buches ist der Gegenwart von Beginn an entrückt. Und so wäre es wahrscheinlich verfehlt, von so etwas Lapidarem wie der Sinnkrise einer Managerin oder gar einer "Aussteigerin" zu sprechen. Es ist schon so, wie Handke sagt: die Geschichte einer "Geldexpertin", die mit ihrem übernatürlichen Gespür weniger als eine Schülerin von Lee Iacocca als vielmehr als eine Inkarnation von Jakob Fugger erscheint.

Eines Tages verlässt sie ihren Arbeitsplatz in einer europäischen Finanzmetropole, hinter der wahrscheinlich etwas ähnlich Furchtbares wie Frankfurt steckt. Zu Fuß geht es zum Flughafen, durch Randgebiete, die an jene "Niemandsbucht" erinnern, in der sich Handke in seinem vorletzten Roman aufhielt. Es ist dies eine Zwischenwelt, für die sich ansonsten kaum jemand interessiert, geschweige denn dass jemand auf die Idee käme, durch dieses Nichts auch noch hindurchzuwandern. Die Geldexpertin aber passiert den Stadtrand und durchmisst dabei eine Strecke, in der alles eine Vorfreude ist: Die "Nun bald-" und "Noch nicht ganz"-Wendungen häufen sich.

Schließlich landet die Frau im spanischen Valladolid und macht sich von dort zu einem Fußmarsch auf, der sie über die titelgebende Sierra de Gredos hinweg in jenes Dorf führt, in dem der fingierte Autor der Geschichte lebt. Wie es sich für einen durchorganisierten Menschen gehört, hat sie mit dem Schreiber einen Vertrag geschlossen, der alle Details regelt. Er soll ihre Wanderung unter konsequenter Vermeidung von Reiseführerprosa nach Art einer Expedition erzählen. Als Voraussetzung dafür müsse sowohl auf jeglichen journalistischen "Storyeifer" (den Handke wie die Pest hasst) als auch auf "Realitätsgeprotze" (siehe oben) völlig verzichtet werden. Stattdessen sei die Geschichte der Frau wie ein "inwendiges" Abenteuer und jedenfalls so zu erzählen, dass bei dieser ein andauerndes Gefühl des "mich erzähltwerden spüren" aufkommt.

Vom "was" des Erzählens ist der Akzent solcherart rasch auf sein "wie" gelenkt. An manchen Stellen schweift der Autor dann entgegen seinem Auftrag doch zur Vorgeschichte der Frau ab. Er berichtet von einem lange inhaftierten Bruder und von einer verlorenen Tochter, der sie in stillen Momenten nachweint. Auch die Herkunft der Familie wird geklärt: Sie stammt aus einem sorbischen Dorf in Ostdeutschland, gehört aber innerhalb dieser slawischen Minderheit einer noch kleineren Gruppe an, nämlich der Nachkommenschaft eines arabischen Kaufmannes, den es vor Urzeiten in den Norden verschlagen hat und der wohl auch die besondere Affinität der Geldexpertin zu Spanien erklärt.

Unzweifelhaft ist es eine Ursprungsgeschichte, die Handke da erzählt. Der Gegenwart wird etwas Längstvergangenes entlockt. Allein für sich wäre die Jetztzeit trostlos, in der es (und diese Klage ist bei Handke zur Freude aller Kulturpessimisten mehr oder weniger wortwörtlich nachzulesen) weder Liebe noch Vertrauen und vor allem keine gute Nachbarschaft gibt.



Je schlimmer der Zustand der Welt, desto größer die Herausforderung ans Erzählen. Bei Handke sieht diese andere, poetische Welt zunächst recht idiotisch aus. Die Geldexpertin, die dem Mammon abgeschworen hat, durchwandert immer seltsamere Orte und trifft dabei auf immer seltsamere Menschen. Die Dramaturgie folgt, ohne auf gleiche Weise spektakulär und mit einem entsprechend schrecklichen Ende behaftet zu sein, dem Muster von "Apocalypse Now". Das "Herz der Finsternis" ist bei Handke dann aber doch zum Herzerwärmen: Die Heldin findet in einer Gebirgssenke in den obersten Regionen der Sierra den allerseltsamsten, für sie aber heilbringenden Stamm. Um diese Leute zu beschreiben, hat der fingierte Autor seinerseits einen Hilfsschreiber engagiert. Dessen ethnographischer Bericht steht dem ursprünglich erteilten Schreibauftrag entgegen und zeichnet von den so genannten Hondarederos ein zunächst jämmerliches Bild.

Die Leute, allesamt Überlebende eines nicht näher bezeichneten Unheils, haben der Zivilisation auf eine wirklich dummdreiste Weise abgeschworen. Objektive Längen- und Zeitmaße sind ihnen unbekannt, stattdessen teilen sie die Welt in Wurf- und Körperdistanzen sowie in eine lose Abfolge von Tagen ein. Als "Eintagesvolk und "Robinsonrotte" werden diese Muldenbewohner in dem Bericht bezeichnet, der ihnen auch einen ausgeprägten und sich bis in die Sockentracht manifestierenden Sinn für Hässlichkeit zuschreibt. Kindisch seien die Umwege, die sie bei jeder Gelegenheit gingen. Selbst ein über kurze Distanz hinweg zugeworfener Gegenstand beschreibe einen unnötig großen Bogen. Ganz so, als wollten die Hondarederos ständig etwas von dem in die Luft zeichnen, was sie nicht mehr in sich tragen - jene unaufhaltsame Serie von Bildern nämlich, von denen die moderne Welt überquillt.

Die Geldexpertin, die aufgrund der langen Reise Richtung Mancha (denn so wird das Zielgebiet tatsächlich genannt) offenkundig für eine neue Art des Denkens disponiert ist, sieht die Dinge naturgemäß anders. Im beschriebenen Bildverlust erkennt sie die Chance, die Metaphern vom Wesen der Welt noch einmal in voller Erkenntniskraft entfaltet zu sehen. Die Frau landet schließlich in einer mit Farn ausgekleideten Grube, wo sie von einem finalen Glücksgefühl heimgesucht wird.



Die europäische Literatur kennt ein Buch, das just den umgekehrten Prozess, nämlich die epochale Außerkraftsetzung der Bild- und Ähnlichkeitsbeziehungen, beschreibt. Es ist Miguel de Cervantes "Don Quichotte", ein Werk, das eben nicht das Ende des Rittertums, sondern die Abdankung imaginativer Erkenntnis zum Inhalt hat. Der Ritter von der traurigen Gestalt hält bis zum Schluss an seinen Analogien fest, die jetzt aber nicht mehr zur Welterklärung, sondern bestenfalls noch für die Literatur taugen.

Wie eine lockere Schraube dreht Handke seine Heldin aus der Gegenwart heraus und in eine Gedankenwelt hinein, die zwar von gestern stammt, mit der es in Zukunft aber doch noch eine Bewandtnis haben soll. Mit seinem Buch legt der Autor vorsätzlich einen neuen Don Quichotte vor. Gleich als Motto findet sich ein Cervantes-Zitat: "Aber vielleicht haben die Ritterschaft und die Verzauberungen heutzutage andere Wege zu nehmen als bei den Alten." Und gegen Ende heißt es sinngemäß, dass die unternommene Beschreibung des Bildverlustes nicht nur unserer Zeit, sondern auch noch den kommenden Jahrhunderten genügen muss.

Wo die Hybris dermaßen groß ist, macht sie schon fast wieder Spaß. Wenn man schon gegen Windmühlen kämpft, dann mit vollem Einsatz. Peter Handke macht vor, wie es geht und zu welcher Meisterschaft man es in dieser nur noch selten ausgeübten Sportart auch heute noch bringen kann.

Klaus Kastberger in FALTER 4/2002 vom 25.01.2002 (S. 60)


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