Kleine Finger

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

In einem Karpatenstädtchen wird in den Ruinen einer römischen Festung ein Massengrab entdeckt. Alles scheint auf ein Verbrechen aus kommunistischer Zeit hinzudeuten. Da die Bevölkerung den Ermittlungen der zuständigen Militärstaatsanwälte nicht traut, werden argentinische Experten nach Rumänien geholt, die mit der Suche und Identifizierung der "Verschwundenen", den Opfern der Junta, befaßt waren.
Die Suche nach der Wahrheit, die nur zersplittert, perspektivisch, als Wahrheit einzelner Menschen zu haben ist, bestimmt auch die Dramaturgie des Romans. Im Zentrum steht der Archäologe Petrus, der sich der allgemeinen Hysterie entzieht und eigene Forschungen anstellt. Morgens sitzt er in der Gemeindebibliothek, die Nachmittage verbringt er bei Tante Paulina, die ihm aus dem Kaffeesatz liest, bei Lady Embury, der Witwe eines britischen Erdölingenieurs, oder bei Dumitru M., einem früheren Unternehmer, der nach dem Krieg enteignet wurde.
Die abenteuerlichen und wundersamen Lebensgeschichten, auf die Petrus stößt und die Filip Florian mit großer Sprach- und Imaginationskraft erzählt, lassen Epochen des 20. Jahrhunderts in Europa und Lateinamerika wiederauferstehen. Sein Roman schildert eine von Diktaturen malträtierte Welt, die sich nach Gerechtigkeit sehnt.

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FALTER-Rezension

Der Albtraum des Postkommunismus

Das Leben in und nach den kommunistischen Diktaturen bilden ein ungeheuerliches Reservoir an Stoffen für die Literatur. In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine ganze Reihe von Büchern osteuropäischer Autoren erschienen, die das Gesamtbild einer europäischen Gegenwartsliteratur ganz entscheidend prägen. Auch wenn sich nach einer kurzen Hochkonjunktur im deutschen Sprachraum nach 1989 die Buchmärkte wieder einzuigeln scheinen: Die Vitalität osteuropäischer Literatur ist ungebrochen.

Seit einiger Zeit gewinnt Rumänien an Konturen auf der literarischen Landkarte. Der erste Band von Mircea Cartarescus Trilogie "Die Wissenden" (2007) war ein fulminanter Auftakt; eine literarische Spurensuche nach den mentalen Auswirkungen der Diktatur, die mit Filip Florians Roman ihre weitere Ausgestaltung erfährt.
Beide Autoren erzählen die Geschichte Rumäniens in den Jahrzehnten nach 1945, ohne auf die Sicherheiten eines konventionellen Realismus zu vertrauen. Sie verfügen über vielfach gebrochene Erzählweisen, sie arbeiten mit stilistischen Brüchen, das heißt, sie erschweren die Orientierung. Dabei ist der Ausgangspunkt des 1968 in Bukarest geborenen Filip Florian ein Faktum brutum scheinbar unausweichlicher Offensichtlichkeit: Bei Ausgrabungen an einer spätrömischen Festung in einem Kurort in den rumänischen Karpaten wird ein Massengrab entdeckt.
Für den Polizeichef, für den Vertreter der ehemaligen Lagerinsassen, für die Bevölkerung liegt der Fall klar: Die Gebeine können nur von den Opfern einer geheimen Massenerschießung in den 50er-Jahren stammen. Allerdings sprechen alle Indizien gegen die scheinbare Evidenz stalinistischen Terrors. Anstatt nun die Lösung eines kriminalistischen Rätsels zu beschreiben, verliert sich der Roman in scheinbaren Abschweifungen.
Vor allem die Identität des Erzählers ist äußerst unsicher: Er tritt in der ersten Person in Erscheinung, verschwindet dann wieder hinter einem Er-Erzähler – Diese Unbestimmtheit ist kein literarischer Manierismus, der die Lektüre künstlich erschwert. Sie entspricht vielmehr jener "Zeit der Schatten", die ungreifbar zwischen den Fingern zerrann.
Für die bleiernen Jahrzehnte nach dem Krieg galt: "Die Menschen wiederum trugen zwar kaum noch Uniformen, doch verhielten sie sich, als seien ihnen die Messingknöpfe, Schulterstücke und Koppel in ihr Innerstes gedrungen, sie hatten sich daran gewöhnt, Kasernenluft zu atmen, aus Angst, aus Eigennutz, aus Schicksalsergebenheit, aus Gleichgültigkeit." Man wusste nie genau, woran man war, und wusste man es, dann verschwieg man es lieber. Diese Prägung verschwindet nicht einfach, sie transformiert sich.
Der ausführlichste Erzählstrang berichtet in Anlehnung an mittelalterliche Heiligenlegenden vom Leben eines Findelkindes und späteren Mönches, der ein göttliches Zeichen trägt. Exakt alle vier Stunden muss sich Bruder Onufrie seinen ständig nachwachsenden Haarschopf abschneiden. Lange Jahre verbringt er als asketischer Einsiedler in den Bergen, verborgen vor Suchtrupps und damit beschäftigt, ein absurdes Lebenswerk anzufertigen: Auf Baumrinden rekonstruiert er die Heilige Schrift und schreibt sie dabei völlig neu.
Dem großen ungarischen Autor Péter Nádas zufolge haben sich die Bürger der neuen Demokratien im Osten für den "totalen Gedächtnisverlust" entschieden, wenn es um die Vergangenheit nach 1945 geht. Onufrie ist das Gegenbild zu dieser Verdrängung, sein scheinbar sinnloses Tun eine Metapher für die Literatur, wie sie Filip Florian versteht.
Die Diktatur hat sich tief in ein kollektives Bewusstsein eingegraben, und der Schriftsteller legt die Schichten wieder frei. Was er bei dieser Spurensuche aufs Papier bringt, lässt sich keineswegs in die Ordnung einer chronologischen Erzählung packen. Wie bei der Datierung und Zuordnung der Knochen aus dem Massengrab kommt es zu einer Zerfransung der Fakten. Filip Florian selbst hat Geologie und Geophysik studiert und jahrelang als Journalist für eine Kulturzeitschrift und für das legendäre "Radio Freies Europa" gearbeitet. Dann zog er sich zum Schreiben in den rumänischen Gebirgsort Sinaia zurück.
Der Mönch Onufrie muss erkennen, dass seine Einsamkeit eine Chimäre ist. Über geheimnisvolle Zeichen gibt sich ihm ein Fremder zu erkennen, dem er in kurzen brieflichen Botschaften die Beichte abnimmt. Der Fremde ist ein Partisan, der im Gebirge Zuflucht gesucht hat und nun über den weltfremden Mönch wacht – die beiden bilden ein mythisches Zwillingspaar.

Diese legendenhafte Erzählung wird konterkariert von anderen bizarren Figuren: Da gibt es einen Fotografen, der sich ein Dromedar hält, einen Oberstaatsanwalt, der sich die menschlichen Kleinfingerknochen als Fetische auserwählt hat, und vor allem Tante Paulina und ihre Freundinnen, die der Wahrsagerei frönen, dabei aber ganz genau wissen, was zum Beispiel der Erzähler-Archäologe mit der bildschönen jungen Jojo treibt.
Wieder eine andere Sicht auf die Dinge bieten die Zeitungsberichte, die sensationslüstern und tendenziös das Massengrab und die Legende von Onufrie, dem Mönch mit dem göttlichen Zeichen, vermarkten. Gespiegelt wird das Geschehen außerdem in der episodenhaft erzählten Geschichte der argentinischen Diktatur mit ihren spurlos Verschwundenen.
Filip Florians "Kleine Finger" spinnt die Fäden, aus denen die Albträume der postkommunistischen Gesellschaften gewebt sind. Dieses intelligente und hoch ambitionierte Buch verdient die Aufmerksamkeit, die es einfordert.

Bernhard Fetz in Falter 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518420140
Erscheinungsdatum 18.08.2008
Umfang 268 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Georg Aescht
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