Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Erzählungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Eines Tages ist es da. Steht am Ende einer Sackgasse mitten in der Stadt. Es ist ein großes Kind. Den Blick hält es demütig zu Boden gesenkt, seine Haut ist rissig. Tagsüber versammeln sich die Bewohner der Stadt um dieses Kind, veranstalten Kundgebungen und Konzerte. Nachts schlagen sie auf es ein, mit Fäusten, Stöcken und Ketten – auf die Skulptur aus weichem, niemals trocknendem Lehm, auf das "Mahlstädter Kind". Der Künstler hat es ihnen zur Vollendung überlassen, hat ihnen die Aufgabe übertragen, es »in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes zu bringen«.
Zuerst treibt die Kunstbegeisterung die Bewohner der Stadt, dann kommen sie als Pilger ihrer Wut, verlieren prügelnd die Kontrolle über sich und beinahe auch ihren Verstand.
Nach den beiden von der Kritik bejubelten und mit Preisen ausgezeichneten Romanen "Söhne und Planeten" und "Die Frequenzen" legt der österreichische Autor Clemens J. Setz nun einen Band mit Erzählungen vor. Es sind Geschichten gespickt mit grotesken Ideen und subtilem Horror, voller gewalttätiger Momente und zärtlicher Gesten. Wie in den Romanen präsentiert sich Setz auch in der kurzen Form als scharfer Beobachter der menschlichen Natur und einfühlsamer, geradezu liebevoller Porträtist ihrer Eigenarten.

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FALTER-Rezension

"Ich habe ganz schreckliche Verrisse erlebt"

Der Grazer Autor Clemens J. Setz ist eben mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden. Ein Gespräch über üble Verrisse und obszöne alte Männer

Vor einigen Wochen hat sich Clemens J. Setz die wohl bislang wichtigste Auszeichnung seiner Karriere abgeholt. Mit dem Leipziger Buchpreis hat er – wie unlängst auf diesen Seiten zu lesen war – "seinen Ruf als Junggenie endgültig zementiert". Erhalten hat er den Preis für seinen Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes". 18 Erzählungen, die sich um menschliche Abgründe drehen, skurrile bis surreale Gedankenspiele literarisch in Form bringen und einen Alltag zwischen Grauen und Gleichnis festhalten.
Während sein letzter, kontrovers diskutierter und 700 Seiten schwerer Roman "Die Frequenzen", der es im Vorjahr ins Finale der letzten fünf des Deutschen Buchpreises schaffte, noch im Residenz Verlag erschienen ist, steht der 28-Jährige mittlerweile bei Suhrkamp unter Vertrag. Nächstes Jahr bringt der deutsche Traditionsverlag einen neuen Roman und einen Gedichtband von Setz heraus.
Diese Woche wird der hochgehandelte Literat im Grazer Auschlössl gemeinsam mit der steirischen Autorin Andrea Stift (siehe auch Gastkommentar Seite 43) eine Lesung geben. Dort wird man die in Porträts gegossenen Erfahrungen, die die beiden mit den Megaphon-Verkäufern Robert Bogdan und Emmanuel Oliseh gemacht haben, zu hören bekommen. Robert Bogdan wird eine Roma-Band aus seinem slowakischen Heimatdorf mitbringen, und Setz schließt nicht aus, dass er auch die eine oder andere Erzählung aus "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" zum Besten geben wird.

Falter: Angesichts Ihres Erfolges ist es fast verwunderlich, dass wir Ihnen in Graz noch begegnen können, Sie noch nicht verzogen sind.
Clemens J. Setz: Ich habe nie genau verstanden, warum das so attraktiv sein soll. Ich sehe keinen großen Vorteil darin, von allem Bekannten wegzuziehen und irgendwo von vorne zu beginnen. Mir wird immer wieder geraten, ich müsse doch nach Wien ziehen, weil da schon alle anderen österreichischen Schriftsteller sind. Aber gerade das ist für mich ein Grund nicht hinzugehen.
Ist es nicht wichtig für einen Literaten, in die Welt hinauszugehen?
Setz: Ich glaube, es ist eine unheilvolle Geschichte, dass viele junge Autoren in der Welt herumgeschickt werden. Dass sie Aufenthaltsstipendien in Anspruch nehmen und am Land in irgendeiner Villa wohnen oder in einem Haus, wo früher einmal eine Persönlichkeit gelebt hat. Daraus entsteht eine ziemlich sonderbare Literatur, die vergleichbar ist mit jener vor hundert Jahren, verfasst von Leuten aus besseren Familien während eines Kuraufenthaltes. In diesen Stipendiumsvillen leben Künstler, die dann irgendwelche Interventionen im öffentlichen Raum machen, ganz subversiv sind und nebenbei den ganzen Tag Party feiern. Aber das ist ein geschlossener Raum. Es wird im Grunde für einen gesorgt, man muss sich um wenig kümmern. Es gibt beim Bachmannpreis jedes Jahr einen Text an Aufenthaltsstipendiumsliteratur über die kleinen Komödien des Alltags. Das interessiert mich überhaupt nicht.
Sie werden also der Stadt noch einige Zeit erhalten bleiben?
Setz: Ich habe Graz ganz gern. Es ist so fein leer für mich. Es ist nicht wirklich leer, aber mir erscheint es so wie die Situation während der Sommerferien. Wenn alle wegfahren und man selber bleibt daheim und geht spazieren. Das mag ich ganz gern. Das ist hier das ganze Jahr so.
Für Ihre Arbeiten haben Sie bislang viel Lob bekommen, aber auch viel Kritik einstecken müssen. War das schmerzlich?
Setz: Als ich angefangen habe, war ich wie alle Schriftsteller, die anfangen, ein Kind. Wenn jemand gesagt hat, das ist der größte Blödsinn, den es je gegeben hat, dann war das wirklich ein Problem. Aber das hat sich verändert. Die nächste Stufe ist dann so eine pubertäre Haltung, wo einem das auch gefällt, wenn Leute wütend werden. Wie Handke zum Beispiel. Klar, ein großer, bedeutender und natürlich kein im herkömmlichen Sinn pubertärer Mensch. Aber eine Freude daran, dass er kontrovers aufgenommen wird, die hat er bestimmt. Ich habe ganz schreckliche Verrisse erlebt, wo ich sogar persönlich beschimpft wurde, als ‚Nichtskönner' und ‚dummer Junge'.
So schlimm war es?
Setz: Ja. Aber das hat die Leute nicht abgeschreckt, sondern neugierig gemacht. Sie haben auch Bücher gekauft, weil sie wissen wollten: ‚Wo sind denn nun diese entsetzlichen pornografischen Stellen?'. Es ist immer dasselbe. Es macht mir schon irgendwie Spaß, dass Leute wütend werden. Ich weiß nicht, ob es eine Phase danach gibt, die des völlig erwachsenen Autors. Eines Autors, der überhaupt nichts mehr wissen will vom Literaturbetrieb.
Lesen Sie die Kritiken regelmäßig?
Setz: Man erzählt mir von ihnen, und ich lese sie, wenn sie mir interessant erscheinen. Gerade der Leipziger Preis wurde ja überall kommentiert, das kann man nicht alles lesen. Aber die Kritiken in den großen Tageszeitungen lese ich schon, dann hat man einen Eindruck. Meistens sind die Kritiken bei mir entweder total negativ oder total positiv. Es ist selten, dass jemand schreibt: Manches ist ziemlich gut und manches ist schlecht. Würde sich bei einem Erzählband ja anbieten. Aber das könnte man wohl von jedem Erzählband dieser Welt behaupten, das ist wahrscheinlich fad.
Sie sind vor allem für schiefe Metaphern gescholten worden.
Setz: Manches ist eben etwas riskant. Ich mag gerne extreme Bilder. Es ist wie in der Musik: Jeder kann Oscar Peterson hören, der schöne Skalen und Akkorde rauf- und runterspielt. Aber du hast auch einen Chick Corea, der plötzlich irgendwo so einen extrem dissonanten Akkord reinhaut, der sich wie eine Schraube ins Gehirn windet. Das überträgt sich auf mich als Energie. Ich mag eben auch Texte, die so etwas haben. Das fällt vielleicht unter die Kategorie ‚Nicht ganz so passend'. Ich verstehe durchaus, was gemeint ist, aber ich sehe das als ein anderes Spiel mit anderen Regeln. Und wenn es einmal ein wenig unfreiwillig komisch wird, gut, das kann schon mal passieren. Es gibt viele Autoren, die das gemacht haben. Natürlich, manche haben den Klassiker-Segen, wie Nabokov. Aber was der aufgeführt hat, welch wilde Bilder! Oder auch Autoren des Expressionismus, wo ja nichts mehr zusammenpasst, wo zum Stilprinzip erhoben wurde, keine herkömmlichen Metaphern zu verwenden.
Sie haben einmal gesagt, der Titel Ihres Erzählbandes "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" wäre Ihnen im Traum eingefallen. Fällt Ihnen öfters etwas im Traum ein?
Setz: Das passiert schon, aber das ist meistens nicht umsetzbar. Vieles ist zu übertrieben und plakativ. Selten ist es so, dass ein Traumeinfall verwendbar ist. Meine Texte sind ja keine Traumprotokolle oder Inneren Monologe. Sie sind ja handwerklich gebaut, so, dass sie ein Mensch nehmen und mit ihnen etwas tun kann. Das ist ja eine spezielle Form von Design, wir sind ja jetzt ‚City of Design'. Darf ich dazu was sagen?
Gerne doch.
Setz: Es werden jetzt auf Facebook die Formulierungen, die auf den City of Design-Plakaten stehen, ironisiert. Ich habe geschrieben: ‚City of Design zu sein heißt, anstelle der alten Bettler neue Brezenverkäufer aufzustellen'. Ich möchte das über diese dummen Plakate schreiben, auf denen eitles Geschwätz steht wie ‚City of Design zu sein heißt, Design und Kunst einander nicht ausschließen zu lassen'. Am 1. Mai wird das Betteln in Graz zum Verbrechen erklärt, damit sollte sich die UNESCO befassen.
Charlotte Roche hat einmal gemeint, sie möchte nicht, dass ihre Eltern ihr Buch "Feuchtgebiete" lesen. Auch bei Ihnen geht es mitunter deftig zu, wie halten Sie das?
Setz: Mir ist es egal, wer meine Bücher liest. Ich habe kein Problem, wenn meine Eltern und meine Verwandten sie lesen. Chuck Palahniuk hat einmal gesagt, wenn man beim Schreiben das Gefühl hat, uh, das würde ich meiner Mutter oder generell anderen Leuten nicht vorlesen wollen, dann sollte man keine Angst kriegen, sondern schauen, wo es hingeht, man ist vielleicht auf einem guten Weg. Manchmal habe ich das Gefühl, das darf man eigentlich nicht schreiben, dann sagt aber eine innere Stimme: ‚Das ist kein Argument, schreib' mal weiter und schau, wo du hinkommst'.
Haben Ihre Eltern Ihre Bücher gelesen?
Setz: Ich glaube schon. Aber ich habe mit ihnen nicht darüber gesprochen. Sie haben mir gratuliert zum Preis.
Ist es mitunter belastend für Sie, sich mit Ihren Figuren zu beschäftigen? Das sind ja nicht immer die Glücklichsten.
Setz: Jede Geschichte braucht ein bisschen die Vertreibung aus dem Paradies. Wie John Updike gesagt hat: Ein Erzähler ist immer Überbringer einer schlechten Nachricht. Es ist schon belastend, klar. Manchmal fürchtet man sich auch vor gewissen Dingen oder man macht sich Sorgen um das Wohlergehen einer Figur. Der gemeine Ausweg ist dann: Na gut, dann kommt sie halt nicht mehr vor. Das ist eigentlich fürsorglich von mir, weil ich es manches Mal für sehr wahrscheinlich halte, dass sie völlig verzweifelt. Da habe ich tatsächlich sehr starke Empfindungen. Aber nicht in einem pathologischen Sinn, dass ich die Figur für real halte und mich unsterblich in sie verliebe, so wie es Tolstoi angeblich mit Anna Karenina gegangen ist. Aber ich fürchte schon um sie. Das verdirbt mir manchmal die Stimmung – was hat der da angerichtet? Mein Gott, nein!
Ist es nach wie vor so, dass Sie um fünf Uhr aufstehen und zu arbeiten beginnen?
Setz: Idealerweise schon. Wenn man so früh auf den Balkon hinausgeht, ist der Himmel noch nackter Weltraum. Du bist im völligen Nichts. Und ich mag es, wenn der Himmel schon ein bisschen ahnt, was gleich mit ihm passieren wird. Eine Aura wie vor einem Migräneanfall. Wenn ich das in einem Text geschrieben hätte, würde man wieder sagen: Puuuh!
Sie leiden ja unter Tinnitus. Ist das nicht sehr störend bei der Arbeit, gerade wenn es so ruhig ist?
Setz: Es ist nicht mehr störend. Es war grauenhaft die ersten Jahre. Jetzt, nach 13 Jahren, hat sich das Gehirn gewöhnt. Es ist da, aber nicht mehr wirklich etwas, das mich noch stört. Gott sei Dank.
Apropos Gott: ‚Die Welt' hat geschrieben, Sie seien "erzkatholisch versehrt".
Setz: Aha.
Können Sie damit was anfangen?
Setz: Ich bin vielleicht nicht so erzkatholisch versehrt wie Josef Winkler. Aber klar kenne ich das. Ich habe als Kind auch Angst eingejagt bekommen vor Höllenstrafen, vor Masturbation und vor Priestern. Ich habe heute noch einen Horror vor diesen Menschen, vor diesen absonderlichen Figuren, die es da mit kleinen Kindern zu tun haben. Aber dass ich besonders versehrt bin, glaube ich nicht. Aber es ist die Kultur, in der man aufwächst, die manches Mal an Kindesmissbrauch grenzt. Wenn einem erklärt wird, dass man nach dem Tod bestraft wird – das ist ja völlig obszön. Nehmen wir einmal an, jemand sagt zu einem kleinen Kind: "Ja hallo, kleine Tatjana, du bist aber groß geworden. Übrigens, weißt du das? Es gibt da unter uns einen Ort, wo Höllenqualen gelitten und dir das Fleisch bei lebendigem Leib abgezogen wird, wenn du deinen Körper berührst." Und nur weil dieser Mensch eine Kutte trägt, darf er das. Die gehören doch rausgeohrfeigt aus unserer Lebenswirklichkeit. Diese obszönen alten Männer. Es sind ja nur Männer.
In einer Erzählung in "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" verliert sich ein Ehepaar in zermürbenden, sexuellen Perversionen. Interessanterweise eine der lustigsten Erzählungen in diesem Band.
Setz: Man soll manchmal lachen als Selbstverteidigung. Ich habe auch lachen müssen bei der Geschichte. Lachen als Befreiung, als Selbstschutz. Es ist eine Geschichte über völlige Ehrlichkeit. Über das Experiment, sich wirklich alles zu erzählen und dann auch alles auszuprobieren, was einem durch den Kopf geht. Das ist ein Akt der Befreiung. Aber das Lustige ist: durch diesen Akt der Befreiung entsteht eine unglaubliche Unfreiheit, weil du der totale Sklave deines nächsten Einfalls bist, den es für die Luststeigerung braucht.
Sie haben für Ihre anstehende Lesung im Auschlössl den slowakischen Megaphon-Verkäufer Robert Bogdan porträtiert. Was haben Sie erfahren?
Setz: Ich habe einen Menschen kennen gelernt, der sich nicht mehr beklagt. Für uns absolut unmöglich. Er hat kaum Geld oder schickt es heim in die Slowakei, hat eine Bleibe in einem Schlafsaal, wo es keine Privatsphäre gibt, wo 24 Stunden gesprochen und gestritten wird, er aber in der Früh aufsteht und sich bei jedem Wetter hinstellt. Er beklagt sich wirklich nicht mehr, hat eine unglaubliche Disziplin. Und ich habe mich für einen disziplinierten Menschen gehalten. Ich bin extrem begünstigt und trotzdem rege ich mich über alles auf. Es ist eine Lektion in Demut und weniger Eitelkeit.

Maria Motter in Falter 15/2011 vom 15.04.2011 (S. 41)


Die Blümchen des Bösen im Seerosenteich

Mit dem Preis der Leipziger Buchmesse hat Clemens J. Setz seinen Ruf als Junggenie endgültig zementiert

Im Rennen um den am häufigsten gesetzten österreichischen Autor war Clemens J. Setz zuletzt ohne Konkurrenz: Mit seinem zweiten Roman, "Die Frequenzen", schaffte er es 2009 auf die Liste der fünf Finalisten zum Deutschen Buchpreis und 2010 auf die Shortlist des neugegründeten, von den Casinos Austria gesponserten Nachwuchspreises Alpha. Im selben Jahr schließlich räumte er mit dem 700 Seiten starken Werk den traditionsreichen und mit 20.000 Euro dotierten Literaturpreis der Stadt Bremen ab.
Spätestens seit vergangene Woche der Preis der Leipziger Buchmesse (Dotierung: € 15.000,–) in der Kategorie Belletristik an Setz verliehen wurde, ist der 28-jährige Grazer quasi offiziell der Star der Post-Kehlmann/Glavinic-Generation. Die Überraschung des Autors über diesen großen Erfolg war gewiss authentisch und ohne alle Koketterie: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" gehört dem mäßig preisverdächtigen Genre "Erzählband" an und hatte sich unter anderen gegen Arno Geigers autobiografisches Vater-Buch "Der alte König in seinem Exil" und Wolfgang Herrndorfs literarisches Roadmovie "Tschick" durchgesetzt (das mit dem Publikumspreis bedacht wurde).
Ausschlaggebend dafür war "die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte", wie die siebenköpfige Jury ihre Entscheidung begründete, und dass er es sich, wie Elmar Krekeler in der Welt wohlwollend konstatierte, damit "eben nicht gemütlich gemacht" habe.

Dass sich die Jury also gegen "Tschick" und für "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" entschieden hat, ist argumentierbar, möglicherweise sogar sympathisch, hat aber mit dem Mut zur Ungemütlichkeit und der Qualität der beiden Bücher nur bedingt zu tun. Sie ist nämlich zu Ungunsten des Besseren ausgefallen.
"Man wird nicht warm mit ihnen, soll man auch nicht. Muss man nicht mögen, das, nur bewundern", schreibt Krekeler über Setz' 18 Prosatexte, und Iris Radisch befleißigt sich in der Zeit eines ähnlichen Argumentationsmusters: "Der Band, was immer man im Einzelnen sonst noch von ihm halten mag, hält zumindest, was man von ihm erwartet: Er zieht die Perspektiven auf, öffnet die Bildränder, erhöht rasant die Geschwindigkeit und die Dichte pro Erzählmeter. Das ist an und für sich schon ein Erfolg. Dafür müssen einem die Geschichten noch nicht einmal gefallen."
In einer Welt, in der jetzt alle Yoga machen und weniger Fleisch essen, votiert das Feuilleton gern für Radikalität. Den Artefakten, die als Projektionsfläche für diese herhalten müssen, wird dadurch aber nicht unbedingt der beste Dienst erwiesen. Setz' Geschichten mögen dem Leser kalte Bewunderung oder heiße Zuneigung abringen, mit dem Job, "das radikale Gegenprogramm zur hübsch verkasteten Literaturwerkstättenliteratur" (Krekeler) darzustellen, sind sie entschieden überfordert. Ob die Menschenfreundlichkeit, die in Wolfgang Herrndorfs ästhetisch vollkommen stimmig durchgearbeitetem Roman zum Ausdruck gelangt, tatsächlich "gemütlicher" oder gar "spießiger" ist als die programmatisch abgebrühte Misanthropie, die sich in Setz' Sammlung von Erzählungen höchst unterschiedlicher Qualität manifestiert, ist doch sehr die Frage.
Setz liebt es, den Figuren in seinen Erzählungen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Egal, ob sie nun eher dem Fantastischen, dem Satirischen oder dem Parabelhaften zuneigen, der in symbolischer oder ganz realer Gewalt kulminierende Kontrollverlust ist Programm. Das hat selbst dort, wo es nicht um mehr oder weniger konsensuell praktizierten Sadomasochismus geht, etwas leicht Sadistisches: Der greise Dichter Setz (!) ist dann nur mehr ein brabbelndes Etwas, das als "Das Herzstück der Sammlung" ins Gitterbett verbannt wird, in einer Geschichte, in der selbst die Kaffeemaschinen "dahinvegetieren".

Der Anthropomorphisierung der Dingwelt, die schon in den "Frequenzen" über Gebühr als Stilmittel zum Einsatz gelangte und in der Story "Die Visitenkarte" gruselige Realität wird, wenn selbst Alltagsgestände von ekelerregenden Krankheiten befallen werden, steht – wie man früher gesagt hätte – die Verdinglichung des Menschen gegenüber. In der Titelstory etwa beteiligen sich die Menschen an einem seltsamen Work in Progress, indem sie die dauerfeucht gehaltene Lehmskulptur eines Kindes mithilfe von Ketten, Rohren und Stangen in "die allgemein als vollkommen empfundene Form" bringen.
Clemens Setz hat ein Händchen für fantastisch verrückte Settings (ein Mann bewohnt unter einem Glassturz seinen eigenen Planeten; eine Frau hat eine Wohnung auf dem Riesenrad, was die Nutzung des nicht immer ganz verlässlichen Speichenlifts notwendig macht) und ist am souveränsten dort, wo diese von der Welt, wie wir sie kennen, nicht allzu weit entfernt sind; wo das Unheimliche auf unspektakuläre, aber umso nachdrücklichere Weise in den Alltag sickert.
Der mit Abstand überzeugendste Text des Bandes ist "Die Waage", mit dem sich Setz bereits 2008 den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb erlesen hat. Mit skurrilem Humor, ökonomischen und pointierten Dialogen (dass Setz sich auch auf der Bühne wohlfühlt, hat er mit "Mauerschau", dem von ihm besorgten neunten Teil des 10-Gebote-Zyklus im Schauspielhaus bewiesen) und einem hellwachen Sensorium für die Mikrophysik der Macht im täglichen Leben zeigt er am Beispiel seines nicht eben durchsetzungsfreudigen Protagonisten, dessen Frau und den gemeinsamen Nachbarn, wie soziale Kontrolle funktioniert, wie Infantilität in Infamie umschlägt und unterdrücktes Aufbegehren ein gefährlich aggressives Potenzial entwickelt.
Hinzu kommt, dass der Autor in dieser Geschichte dem Drang zu widerstehen weiß, immer gleich alle Register ziehen zu müssen, was an anderen Stellen oft zu einer Überinstrumentierung und dazu führt, die Texte just dort um ihre Wirkung zu bringen, wo sich diese am heftigsten um eine solche bemühen: "Unsere Ehe, unser Leben war zu einem furchterregenden Festkörper erstarrt, zu einem rechtlich und sozial verankerten Eisblock, in dem nur schädliche Bakterien und tödliche Rachegedanken gegenüber der Welt und ihren vielen verpassten Gelegenheiten gedeihen konnten", heißt es etwa in der mit knapp 50 Seiten umfänglichsten Erzählung "Die Blitzarbeiterin oder Éducation Sentimentale", in der ein ehemaliges Ehepaar nach der Scheidung sein Sexualleben drastisch aufpimpt, wobei auch Dritte in den destruktiven Bereich ihrer manipulativen Machenschaften geraten.

Dass mit der erotischen Entgrenzung oft eine sprachliche einhergeht ("sie war die Gärtnerin meines Seerosenteiches aus unterdrückten Zwangsvorstellungen"; "sie war ein versinkendes Schlachtschiff, eine brennende Kathedrale, eine berstende Glocke am Meeresgrund"), mag mancher der gepriesenen konzeptionellen Konsequenz des Autors zuschreiben – schön zu lesen ist es nicht. Setz indes scheint das selbst zu spüren, denn als der Wind seiner Riesenradbewohnerin als "ein betrunkener Mann auf der Flucht" erscheinen will, fährt sich der Autor gleichsam selbst in die Parade: "Nein, das passte nicht. Im Grunde ließ sich der Wind mit nichts vergleichen."
Man muss sich um Clemens J. Setz also wohl keine Sorgen machen. Er dürfte auch im heftigen Wind der jüngsten Erfolge über genügend Bodenhaftung verfügen, um seinen Weg konsequent fortzusetzen – aber vielleicht auch nicht konsequenter, als er es Not hat.

Klaus Nüchtern in Falter 12/2011 vom 25.03.2011 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518422212
Erscheinungsdatum 14.03.2011
Umfang 350 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
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