Zazie in der Metro
Roman

von Raymond Queneau

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Übersetzung: Frank Heibert
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.05.2019


Rezension aus FALTER 22/2019

Hormo im Tutu und Göre in Bludschiens

Dass Raymond Queneaus Bestseller „Zazie in der Metro“ angestaubt wirkt, liegt nicht nur an der Neuübersetzung

Sogenannte Klassiker gelten als „zeitlos“, aber gerade damit dies bestätigt wird, müssen sie immer wieder neu entdeckt und auch neu übersetzt werden. Während die Romane von Dickens, Flaubert, Tolstoi oder Dostojewski so ziemlich alles aushalten und überstehen, wird es umso haariger, je näher man der Gegenwart kommt, denn der Abstand von einigen Jahrzehnten erweist sich oft als größer als jener von Jahrhunderten, und bekanntlich ist nichts so alt wie die Avantgarde von gestern.

„Zazie in der Metro“ ist der rare Fall eines Klassikers, der sich der Avantgarde zurechnen lässt und dennoch ein Bestseller wurde. Von seinem Erscheinen im Jahr 1959 bis zum Ende des Jahrhunderts verkaufte er sich über eine Million Mal und machte seinen Verfasser auch in Kreisen berühmt, die mit avancierter Literatur ansonsten nichts am Hut hatten. Nicht zuletzt Louis Malles erfolgreiche Verfilmung von 1960 mit der zehnjährigen, zahnluckerten Catherine Demongeot in der Titelrolle machte die rotzfreche Göre zu so etwas wie einer französischen Pippi Langstrumpf.

1960 brachte der Suhrkamp Verlag Eugen Helmlés Übersetzung von Queneaus Roman heraus, nun legt er diesen erneut in einer „virtuosen Neuübersetzung“ (Umschlagtext) von Frank Heibert vor. Und der steht 60 Jahre nach Erscheinen des Originals vor einem doppelten Transferproblem: Er muss nicht nur das stark umgangssprachlich tingierte und mitunter rein phonetisch notierte Idiom, das der Autor seinen Protagonisten in den Mund legt, in eine andere Sprache, sondern darüber hinaus auch noch in ein Deutsch übertragen, das 2019 noch lesbar ist, denn, wie Heibert in seinem Nachwort ganz richtig anmerkt, ist verschriftlichter Mündlichkeit stets „ein Verfallsdatum eingeprägt“.

Zazies Vater hat nicht nur seine Frau betrogen (weswegen diese ihm mit der Axt den Schädel gespalten hat), sondern sich auch an der eigenen Tochter vergriffen – beides nach der (nicht restlos vertrauenswürdigen) Auskunft eben dieser. „Besoffen wie n Schwein“ (Helmlé) oder „hackedicht“ (Heibert) fängt der also an „mich abzuknutschen und gewagte Griffe und so“ (Helmlé), „zuzelt an mir rum und tascht mich massiv ab“ (Heibert); er „rollt mit den Augen und macht dabei ah ah ah genau wie im Kino, es war einfach doll“ (Helmlé) bzw. „rollt mit den Augen und stöhnt rum, oah, oah, oah, wie im Film, das war der Hammer“ (Heibert).

Heiberts Übersetzung unternimmt den Kompromiss, den im Nachkriegsparis spielenden Roman – „Bludschiens“ aus „amerikanischen Restbeständen“ sind Dernier Cri – mit einer Sprache auszustatten, die nicht komplett knasterbärtig klingt und zugleich die Kollision mit einem endkrass rezenten Jugendjargon meidet. Das klappt manchmal halbwegs, mitunter weniger und immer wieder auch gar nicht. Wenn Zazies Mutter (deren sprechender Familienname Lalochère eingedeutscht wurde) ihr Früchtchen von Töchterl deren Onkel Gabriel zur zweitägigen Obsorge überantwortet, liest sich das bei Heibert so: „Endlich schafft sich Jeanne Grossestittes bei. ,Du wolltest ja drauf aufpassen, bitte, da hast dus.‘ ,Läuft‘, sagt Gabriel.“

Wenn Zazie ihren Onkel wiederholt als „Oheim“ anredet, wird der Anachronismus noch mutwillig forciert anstatt vermieden, und auch ansonsten finden sich immer wieder Ausdrücke, die einfach nicht in dieselbe Zeit und schon gar nicht in einen einzigen Satz gehören: „Damit kannst du zu den Kanaken gehen, wenn du Bock drauf hast, aber nerv mich nicht mit deinen Fisimatenten, verstanden.“

Es liegt allerdings keineswegs nur an der Übersetzung, dass die Wiederbegegnung mit Zazie gemischte Gefühle hinterlässt. So tapfer sich Heibert in seinem Nachwort auch müht, den zeitlosen Charme, das provokative Potenzial und die sprachliche Innovationskraft des Romans gegen dessen vollkommen zu Recht attestierte „Altherrenranzigkeit“ in Stellung zu bringen, so vermag er damit doch nicht zu überzeugen.

Abgesehen einmal davon, dass die Zotig- und Schlüpfrigkeiten, das ganze Getue und Gemutmaße um die „Hormosessualität“ Gabriels (der im Tutu einen Drag-Act in einer „Disco für Tunten“ performt) heute eher verklemmt als kühn wirken, entpuppt sich auch die sprachliche Kühnheit bei näherem Hinsehen meist als mattes Avantgardistengewitzel. Der „Cowboy“ wird „Kaubeu“ geschrieben, das „Trinkgeld“ mutiert zum „Schlürfgeld“, der Polizist wird als „Poliesmän“, „Bullmän“, „Bullermann“ durchdekliniert und ist „einem Mägdeleine in Minne verfallen“ … Zuletzt haben wir bei Arno Schmidt so herzlich gelacht. Wenn dann auch noch einer seinem Gegenüber „tief in die Hörnerhäute der Augen“ blickt, ist man endgültig auf Maturazeitungsniveau angelangt.

Die Handlung, soweit von einer solchen die Rede sein kann, macht das Kraut auch nicht fett. Wegen eines Streiks fällt die Metro aus (das Einzige, was Zazie an Paris wirklich interessiert), die am Schluss doch noch unternommene Fahrt verpennt sie – erschöpft von den Taxifahrten, Verfolgungsjagden und Kaffeehausschlägereien, die wohl als Slapstick gedacht waren, aber kaum je über seichten Klamauk hinausgelangen. Verglichen mit „Zazie“ sind Louis-de-Funès-Filme Feuerwerke des subtilen Witzes und vor allem eins: wirklich lustig! Der Running Gag hingegen, der sich durch Queneaus Roman zieht, besteht darin, dass ein Papagei namens Laverdure ständig denselben Satz von sich gibt: „Du quatscht und quatscht, sonst hast du nichts zu bieten.“ Und irgendwie hat das nervige Vieh damit auch recht.

Klaus Nüchtern in FALTER 22/2019 vom 31.05.2019 (S. 33)


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