Sachbuch-BESTENLISTE März 2021

Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard

Ein Rapport
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Kurzbeschreibung des Verlags:

»Du musst das halt in meinem Sinn machen«, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung, dieses Mal für ein schwieriges Erbe – so wie er es immer getan hat von Jugend an, wenn ihn der Ältere gebraucht hat. Den anderen galt er als »der liebe Bruder«, Fabjan selbst sieht sich eher als »Helfer in der Not«, denn oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.
Peter Fabjan, Bruder und gleichzeitig behandelnder Arzt Thomas Bernhards, gibt in seinen Erinnerungen einen Einblick in das Leben an der Seite, besonders aber auch im Schatten des österreichischen Dramatikers und Romanschriftstellers, der Weltruhm erlangte. Er erzählt von den schwierigen und vielfach belasteten familiären Verhältnissen genauso wie von der Kriegskindheit, von gemeinsamen Reisen in die USA oder nach Portugal und von seinen Bemühungen um das Leben seines von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. Ein offenherziger, freimütiger und ehrlicher Bericht.

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FALTER-Rezension

Thomas Bernhard, der Vampir

In wenigen Wochen jährt sich der Geburtstag von Thomas Bernhard zum 90. Mal. Nun meldet sich überraschend jener Mann zu Wort, der seit Bernhards Tod 1989 als Nachlassverwalter darüber wacht, dass dessen Testament entsprochen wird. Die Rede ist vom Halbbruder Peter Fabjan, Jahrgang 1938.

Bekanntlich hatte Bernhard verfügt, dass in Österreich nach seinem Tod nichts mehr von ihm gedruckt, vorgetragen oder aufgeführt werden dürfe. Diesen in der Praxis schwer durchsetzbaren Wunsch erfüllte Fabjan, der bis 2001 auch noch als Arzt in Gmunden praktizierte, nach Kräften. Er gründete die Internationale Thomas-Bernhard-Gesellschaft, eine Privatstiftung und das – mittlerweile nur mehr digital nutzbare – Thomas-Bernhard-Archiv. Noch 2015 blockierte er zusammen mit dem Suhrkamp-Verlag Bernhard-Lesungen im Literaturhaus Salzburg, manchmal schien ihm beim Verhindern das Augenmaß zu fehlen.

Auf den ersten Blick also ist Peter Fabjan, den Thomas Bernhard schon zu Lebzeiten für alle möglichen Tätigkeiten einspannte und der dem Schwerkranken als Arzt zur Seite stand, über den Tod hinaus ein treuer Diener seines Herrn geblieben.

In seinem Buch „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“ zeigt sich ein etwas anderes, vielschichtigeres Bild. Fabjan arbeitet darin das komplizierte geschwisterliche Verhältnis auf. Es intensivierte sich nach dem Tod von Bernhards „Lebensmenschen“ Hedwig Stavanicek im Jahr 1984. „Bei unserer nächsten Begegnung meint er: ‚Jetzt brauch ich dich!‘ Und so bin ich ihm in Zuneigung in seinen letzten fünf Jahren gefolgt, untertags in der Ordination, abends und jedes Wochenende bei ihm. Häufig bittet er mich jetzt, wenn ich mich verabschieden will: ‚Bleib noch zehn Minuten.‘ Diese Bitte habe ich heute noch im Kopf. Sie zeigt mir seine Einsamkeit.“

Bernhard erlebte in seiner selbstgewählten Isolation auch die unangenehme Seite des Alleinseins, diese Facette seines Wesens war bislang kaum bekannt. Dass er ein „Meister im Demütigen“ war, wusste man dagegen. Gerade sein nächstes Umfeld scheint das mit voller Härte getroffen zu haben: „Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung.“

Gleichzeitig konnte Bernhard ein großer Charmeur von einnehmendem Wesen sein. Wenn er wollte und sich von der Verbindung einen Nutzen versprach, wäre zu ergänzen. Hatte er für jemanden keine Verwendung mehr, war diese Person für ihn gestorben. Noch einmal Fabjan: „Mein Leben war ein Leben mit einem Phantom, ja einem Dämon an meiner Seite. Als ich merkte, dass er die Reaktion eines Widerparts benötigte, um sein eigenes Leben zu spüren, und begriff, dass er manchen, den er nicht mehr brauchte, der ihn zu belasten begann, wieder fallenließ, kam mir sogar die Vorstellung eines vampirhaften Verhaltens in den Sinn.“

Die Gründe dafür spürt Fabjan vor allem in der Kindheit sowie in der schwierigen Familienkonstellation auf. Seinen Vater, einen Alkoholiker, lernte Bernhard nie kennen, die Erziehung der Mutter bestand vor allem aus Maßregelungen, und vom Stiefvater, der im Grunde ein netter Kerl war, fühlte er sich ungeliebt. Als hehres Vorbild diente ihm der Großvater Johannes Freumbichler. Dieser blieb als Schriftsteller selbst weithin erfolglos, hielt jedoch unverrückbar an seinem Leben als Geistesmensch fest, und stand damit Pate für viele Figuren in Bernhards Büchern.

Bei allem Negativen, was Fabjan über Bernhard zu sagen hat, ist doch die tiefe Zuneigung und Verehrung des Halbbruders zu spüren. Er schwankt dabei zwischen Nähe und Distanz. Meist heißt der Protagonist des Buches Thomas, aber nicht konsequent. An anderen Stellen nennt er ihn Thomas Bernhard. Der eine scheint der Privatmensch zu sein, der andere die öffentliche Figur. Beim Lesen ergibt sich daraus manchmal eine unfreiwillige Komik.

Das Buch wirkt seltsam unfertig. Einige Passagen sind überhaupt Skizzen geblieben. Dazwischen stehen Fotos aus dem Familienalbum. In den schlechteren Momenten hat „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“ den Charakter einer moderierten Diashow. Dann plötzlich kommt wieder eine fesselnde Passage: „Ein andermal musste ich für Wochen jeglichen Kontakt abbrechen. Ein zufälliges Zusammentreffen – jeder in seinem Fahrzeug in der Gegenrichtung auf einer Bergstraße unterwegs – ließ uns anhalten und wieder aufeinander zugehen. Eine Szene wie im Film High Noon.“

En passant lässt Fabjan immer wieder despektierliche Bemerkungen über fehlerhafte oder schlicht verzichtbare Bernhard-Biografien fallen. Nach dem Motto: Er mag oft ein Scheusal gewesen sein, doch gilt es, ihn weiterhin in Schutz zu nehmen vor falscher Vereinnahmung. Das hat etwas Rührendes. Dazu passt eine Notiz aus dem Jahr 1986: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt.“

Sebastian Fasthuber in Falter 3/2021 vom 22.01.2021 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783518429471
Erscheinungsdatum 18.01.2021
Umfang 195 Seiten
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
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