
Radikale Erfahrung: Ein Jahr Theaterchefin
Sara Schausberger in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 12)
Am Theater kann man alles sein: Richard III. oder ein russischer Anarchist. Warum also nicht auch Schauspieldirektorin? Mit nur 30 Jahren steigt die Dramaturgin Dina zur Leiterin der Sparte Schauspiel am Nationaltheater Belgrad auf. Während die Intendantin, seit fast drei Jahrzehnten Chefin am Mehrspartenhaus, Dina als ihre Wunschkandidatin inszeniert, von der man „das Suchen lernen“ kann, ist diese in Wahrheit die einzige von zahlreichen „jungen und erfolgreicheren Kandidatinnen“, die zugesagt hat. Nun muss die Neo-Schauspieldirektorin alle davon überzeugen, dass sie tatsächlich „eine gute, vollkommen plausible Wahl“ ist.
Tanja Šljivar weiß, wovon sie schreibt: Von 2019 bis 2020 war die serbische Dramaturgin und Dramatikerin tatsächlich Schauspieldirektorin am besagten Haus. Als radikale Erfahrung beschrieb sie diese Zeit in einem Interview. Dennoch gerät ihr Romandebüt „Nationaltheater“ nicht zum selbstbezüglichen Erfahrungsbericht, sondern zu einer klugen und oft bizarren Auseinandersetzung mit dieser so renommierten wie veralteten Institution.
Die meisten Figuren tragen keine Namen, sondern Berufsbezeichnungen: die Intendantin, der Sicherheitschef, die Produktionsleiterin, der Dissidenten-Regisseur, die Ankleiderin. „Die Personen, die wir außerhalb des Theaters und vor dem Theater gewesen waren, sofern wir uns daran überhaupt erinnern können, verschmelzen mit der Rolle.“ Selbst Dina wird meist als „Schauspieldirektorin“ geführt, auch dann, wenn sie mit ihrem Gspusi, einem ebenfalls namenlosen Narzissten, im Bett landet und sich von ihm schwängern lassen will. Ein Baby erscheint ihr nämlich als einziger Ausweg aus dem von Anfang an verhassten Job.
Besonders skurril mutet Dinas erste Führung durch das Nationaltheater an: Im Untergrund des Theaters raucht in der Wäscherei die „Operative Spezialistin für Waschmaschinen“ Kette und verbirgt sich ein privates Tattoo-Studio. In der Schneiderei spukt seit 20 Jahren der Geist des alten Meisters für Herrenkostüme: Täglich zwischen Mitternacht und drei Uhr früh arbeite er, heißt es. Und manche Ensemblemitglieder sind seit Jahren nicht mehr auf der Bühne gestanden. Das Machtzentrum des Hauses bildet die Staatsschauspielerin: Berühmt wurde sie durch die Hauptrolle in einer Seifenoper.
„Nationaltheater“ handelt von einer Spielstätte, die stark von politischen Konflikten geprägt wurde: „Das schlimmste Jahr war das Jahr 1991, und eines Tages ergatterte eine Frau die Position des Intendanten, zum ersten Mal in der hundertzweiundzwanzigjährigen Geschichte der Institution. Sie schlich vorbei hinter den Rücken der Männer, die mit außerordentlichen Aktivitäten beschäftigt waren: Krieg und Embargo.“
Trotz der zahlreichen historischen Verweise wirkt der Roman nie belehrend. Mehrere Kapitel tragen den Titel „Was ist das Nationaltheater?“. Spielerisch und mit trockenem Humor spannt Šljivar den Bogen von Österreich-Ungarn über den Zweiten Weltkrieg, die Ära des Kommunismus und den Zerfall Jugoslawiens bis hin zu einer Gegenwart, die sich von ihrer Vergangenheit nicht lösen kann.
Šljivars Stil besticht durch sarkastische Metaphern, die das Geschehen immer wieder ins Groteske wenden: Sie beschreibt die Erscheinung der Intendantin als großen Strohhaufen, die Planung des Repertoires als wahlloses Herumstochern in einem finsteren Haus und die bankrotte Firma als krepierende Kuh.
„Du warst eine Staatsbeamtin“, sagt der Sicherheitschef zu Dina, nachdem diese gekündigt hat. „Damit wurden dir Pflicht und Würden anvertraut. Und das hast du jetzt verschissen.“ Die ehemalige Schauspieldirektorin nimmt stattdessen ein Künstlerstipendium in Split an. Sie möchte einen Roman über das Nationaltheater schreiben. Gut so.


