
Die verlorene Unschuld der Apfelbäume
Julia Kospach in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 16)
Über alles wächst irgendwann irgendwas, Haut, Gras, Narben, Rinde“, denkt der alt gewordene Marten Wilhelmsen, um sich zu beruhigen. Den norddeutschen Apfelplantagenbesitzer hat ein Brief erreicht, der ihn wie „etwas sehr Dumpfes und Dunkles überkommt“. Er enthält keine Drohungen oder Forderungen wie die Briefe, die seit einigen Jahren auch bei anderen Bewohnern der Gegend eintreffen, sondern die Ankündigung eines Besuchs. „Nicht dass er nie mehr an sie gedacht hätte, aber wenn, dann in dem Versuch, eben nicht an sie zu denken. Über Jahre war ihm das auch gelungen.“
Diese Szene bildet den Auftakt zu Svenja Leibers neuem, sechstem Roman „Nelka“. Er erzählt eine fiktive Geschichte, ist jedoch inspiriert vom realen Brief einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die als Mädchen in das schleswig-holsteinische Herkunftsdorf der Autorin verschleppt worden war – wie diese im Nachwort schreibt.
Es ist ein Schicksal, das rund 20 Millionen
Menschen vor allem aus der Ukraine und Polen ereilte, die während des Zweiten Weltkriegs in Nazi-Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Auch Leibers Titelheldin, die 16-jährige Nelka, wird im Sommer 1941 aus ihrem Lemberger Leben gerissen, in einen Zug gepfercht und steht bald darauf in einer langen Reihe, an der Bauern, Grundbesitzer, Verwalter und Fabrikanten entlangschreiten, die „Gebisse und Hände“ der Verschleppten taxieren und sich Arbeitssklavinnen auswählen.
Nelka und einige Leidensgenossinnen landen auf dem von Marten verwalteten Gut. Er holt sie – ein fürchterliches Privileg – von der Feldarbeit ins Haus und beutet sie über Jahre in mehrfacher Hinsicht aus. Zum einen stellt Nelkas Wissen über den Obstbau, das sie von ihrem ermordeten Vater hat, die Voraussetzung für Martens Nachkriegswohlstand dar; zum anderen wird ihr Körper zur Kampfzone: Der deutsche Herrenmensch begehrt ihn und fürchtet zugleich, sich zu besudeln. Es ist ein Teufelstanz zwischen All- und Ohnmacht, der in seiner schwelenden, allgegenwärtigen Bedrohung für die Protagonistin von der Autorin grandios inszeniert wird.
Leiber erzählt in Rückblicken, die Marten und Nelka umtreiben, während sie einander in der Rahmenhandlung des Romans nach Jahrzehnten für einen Abend wiederbegegnen. Das Erlittene hat Nelka, inzwischen Großmutter und in ihren Sechzigern, „für immer erschöpft“. Nun soll Marten an das erinnert werden, was sie endlich abschütteln möchte.
Das Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Peiniger ist weniger Abrechnung als wortkarges Kammerspiel. Die eigentliche Handlung vollzieht sich in den Köpfen der beiden, die nach dem gemeinsamen Abendessen schlaflos in ihren Betten liegen. Ihr Leben zieht in Gedanken an Nelka vorüber, während Marten seine Aufgewühltheit hinter der typischen Selbstrechtfertigungsrhetorik eines nie bestraften NS-Täters und Profiteurs zu verbergen trachtet.
In ruhigen, knappen Sätzen, die die vielen Zwischentöne umso klarer klingen lassen, erzählt Svenja Leiber in „Nelka“ ihre tieftraurige Geschichte einer stillen, widerständigen Überlebenden. Zugleich spiegelt sich in dieser das gesamte historische Unrecht von Zwangsverschleppung, Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit, die ihre Spuren nicht nur in Körpern, Frauenkörpern zumal, hinterlassen haben, sondern ebenso in der Landschaft, die bis in die Gegenwart sichtbar von den Händen der Versklavten mitgestaltet wurde.
In „Nelka“ sind es die Obstbäume, die, vor Jahrzehnten gesetzt, immer noch für die Sichtbarkeit der Vergangenheit sorgen. Auch Nelka selbst erinnert sich an das, was ihr ihr Vater einst über das Aufziehen junger Apfelbäumen beigebracht hat: „Es sei wie bei den Menschen, man müsse sie lehren, so zu wachsen, dass ihnen größere Last leichter werde.“ In manchen Momenten ist dieser Gedanke der jungen Zwangsarbeiterin eine Stütze.


