
Transition und Versöhnung
Thomas Edlinger in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 7)
Tag eins Oktober 2026“: So lautet die Überschrift zum ersten Kapitel von „Ein Leben lang gesucht“. Es ist dies der zweite Roman des Rappers, Spoken-Word-Künstlers und Autors Kae (vormals Kate) Tempest, der sich seit April 2025 als nichtbinärer Transmann identifiziert. Soll mit diesem Hinweis auf eine Unabgeschlossenheit eines sexuellen Transformationsprozesses verwiesen werden, der auch diesen Herbst noch andauern könnte? Jedenfalls widmet sich der Eröffnungsteil einem bereits in der Vergangenheit der erzählten Handlung angesiedelten Ereignis.
Die Hauptfigur Rothko ist nach 15 Jahren Haft aus dem Gefängnis in ihren Heimatort, die fiktive britische Küstenstadt Edgecliff, zurückgekehrt. Rothko füht das Pronomen dey, definiert sich also als queer. Sie navigiert zwischen den Zeiten, Identitäten und Geschlechtern. Dey stapft mit dem Hund Donovan über den „bitteren“ Strand und sieht in den Himmel, um „Gott in flagranti“ zu erwischen. Die Stadt mit ihrer Mischung aus Industriebrachen, Lagerhäusern und in Konsumzonen „ausgelagerten Hoffnungen“ erscheint wie eine Kulisse der Entwurzelung.
Rothko, das ist von Anfang an klar, gehört und gehörte nicht dazu, war lange nicht da – und kommt doch aus diesem Ort, dessen Ballast dey nicht abschütteln kann. Tempest bemüht sich um eine auktoriale Erzählperspektive, verzahnt mit treffsicherem Gespür für Rhythmus, Tempo und Verdichtungen das Herumstreunen der Halt suchenden Hauptfigur mit Rückblenden auf deren Kindheit und Jugend.
Vor allem im zweiten Kapitel „Früher April 2006“ gelingt es dem Autor, der auch in Musikalben wie „Let Them Eat Chaos“ (2016) oder „The Story of Traps and Lessons“ (2019) aus der Position einer jungen Outsiderin (damals eben noch als Kate Tempest) und später in Gedichtform den Wunsch nach Gemeinschaft und Verbundenheit in einem hartherzigen England beschwor, die Weltverlorenheit Rothkos und die zentrale Erfahrung einer nicht nur sexuell deutbaren Queerness mit großer Empathie zu schildern.
Das Leben dieser 16-Jährigen Person zwischen Abgrenzungswünschen und Sehnsüchten nach Liebe, Lust und Anerkennung erscheint auch ohne die nagenden Probleme mit der eigenen Sexualität als kompliziert genug: Die Beziehung von Rothkos Eltern Meg und Ezra Taylor ist nach einer längeren, subtil beschriebenen Phase der Zerrüttung endgültig zerbrochen. Am Ende hallt nur mehr das Geschrei der Unverstandenen. Rothkos Mutter Meg betäubt sich seitdem mit Alkohol und Drogen in den Straßen der Stadt, während sich der Vater Ezra um die beiden Töchter Rothko und Sarai kümmern muss.
In der Schule läuft es auch nicht viel besser, allein die schöne und begehrenswerte Dionne ist ein Lichtblick. Gemeinsam hören die beiden Teenager auf Drogen den „Sound in den Sounds“ und finden nächtens eine erfreulich unkitschig und nuanciert dargestellte verschwenderische Lust. Ihre Verliebtheit aber versteckt Dionne am Tag danach vor den zudringlichen Blicken der lästernden, heteronormativen Burschen, schließlich hat sie einen Ruf als „normales“ Mädchen zu verlieren. Dieses als Verrat empfundene Verhalten von Rothkos Jugendliebe trägt entscheidend zum Absturz der als hässliche Lesbe verhöhnten, labilen Hauptfigur bei.
Rothko kreuzt bald den Weg der in Verzweiflung und Weltanklagen versunkenen Mutter, sucht wie diese nach der Erlösung vom Schmerz im Rausch. Das Selbst und auch die Zukunft erscheinen in diesem Moment als wertlos, und so entsteht die Idee zu einem Einbruch, der wiederum zu einem Totschlag und einer 15-jährigen Haft führt. Die Wochen der zuvor vollzogenen Selbstbeschädigung und die darauf folgenden Jahre im Gefängnis sind Tempest nur wenige der knapp 400 Seiten des Buchs wert, gefüllt mit hastig ausgestoßenen, teils elliptischen Sätzen wie etwa den folgenden: „Freiheit ist das eine. Freisein etwas anderes. High auf den Klippen. Dunst ausatmen.“
Dann ist es – wieder einmal – Zeit für einen Cut, einen Sprung aus dem „Nirgendwo“ eines Lebens im freien Fall ins dritte und letzte Kapitel namens „Heute“, das chronologisch nach dem „Tag eins“ im Oktober 2026 angesiedelt ist.
Heute, das meint bei Tempest – der nach dem Ende des Romans noch ein Zitat von James Baldwin über die vorwärts und rückwärts laufende Zeit anführt – nicht nur das strikte Jetzt, sondern ebenso eine antizipierte Zukunft sowie eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
Konsequenterweise geht es in dem Roman immer wieder um die Auslotung von Befindlichkeiten, die sowohl vom Potenzial der Veränderung wie auch von den Nachwirkungen früherer Prägungen bestimmt sind, sich also weder als klarer Neuanfang noch als ewiges Trauma identifizieren lassen.
Am Ende dieser über weite Strecken sehr eindringlichen Prosa finden alle verlorenen Seelen ihren Platz, und die Wut über das vormals Unverzeihliche wird entsorgt. Rothko lässt die insgeheim schon lange ersehnte Transformation zum Mann zu und wird vom Dey zum Er; Dionne räumt nach ihrem lesbischen Coming-out als Mutter zweier Kinder für ihren geliebten Partner Rothko einen Platz am Familientisch frei; in einem Stream of Consciousness bittet die verbitterte Mutter um Vergebung.
Und zu guter Letzt meldet sich auch noch der Vater Ezra aus der Versenkung zurück – mit einem Gebet an Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. So viel Besänftigung mag zu viel des Guten sein, aber vielleicht hat Rothko/Tempest nach einer vergleichbaren Form der Aussöhnung mit seiner realen familiären Geschichte tatsächlich „ein Leben lang gesucht“.


