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| Themen | Belletristik Besonderheiten Kurzgeschichten |
|---|---|
| ISBN | 9783518433119 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 20.08.2026 |
| Größe | 21.1 x 13.6 cm |
| Verlag | Suhrkamp |
| Sammlung | Literatur aus Österreich |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Suhrkamp Verlag GmbH Torstr. 44 | DE-10119 Berlin info@suhrkamp.de |
Pauls Sprache ist Noise: monströs dahertosende Tracks, auf denen er mit verzerrter Stimme seine Verzweiflung hinausschreit. Abseits der Bühne herrscht Leere, niemand scheint ihn und seine Lyrics zu verstehen, sein Leben verbringt er weitgehend allein. Bis auf Mark, der Teil der Band ist, sich aber mehr und mehr zurückzieht – und bis Paul nach einem Konzert Annika kennenlernt. Sie teilt seine Faszination für Noisebands wie Hanatarash oder Atrax Morgue, und Paul verliebt sich übergangslos in sie. Als sie ein Kind bekommen, lässt sein Druck nach, alles in mörderisch lauter Musik auszudrücken. Doch was bleibt jetzt noch von seiner Kunst? Und wieso ist Mark endgültig abgetaucht Einzelgänger, Außenseiter, im Stillen Leidende – in Mein Leben als Noiseband versammelt Clemens J. Setz Erzählungen über Figuren am Rand der Gesellschaft. Mit so präzisen wie poetischen Alltagsbeobachtungen führen sie uns durch verschobene Realitäten, in denen das Vertraute, dass Groteske und das Obsessive umeinander kreisen. Gewalt und Einsamkeit stehen neben Momenten unkonventioneller Zärtlichkeit sowie der Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit.
| Themen | Belletristik Besonderheiten Kurzgeschichten |
|---|---|
| ISBN | 9783518433119 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 20.08.2026 |
| Größe | 21.1 x 13.6 cm |
| Verlag | Suhrkamp |
| Sammlung | Literatur aus Österreich |
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Sebastian Fasthuber in FALTER 39/2026 vom 23.09.2026 (S. 27)
Die gute Nachricht vorweg: Das Schreckliche ist in den Erzählungen von Clemens J. Setz meist schon passiert, bevor die Geschichte einsetzt. Wir bekommen das langwierige Aufräumen danach und die Bewältigungsversuche der Figuren geschildert.
Die schlechte lautet: Es nagt an den Protagonisten und bestimmt ihre Gedanken. Sie kreisen ständig um die traumatisierenden Vorfälle. Das macht die Lektüre beklemmend, ist aber zugleich die Stärke des Autors. Das Wohltemperierte und die Zimmerlautstärke sind seiner Literatur fremd.
Seinen Titel trägt der Erzählband "Mein Leben als Noiseband" zu Recht: Dieses Buch ist laut und enthält Frequenzen, die das Ohr als unangenehm empfindet. Daraus beziehen die Texte ihre Intensität. Setz führt aber nicht einfach ein Horrorkabinett vor, sondern strebt eigentlich das Gegenteil an: endlich Ruhe im Kopf, Wege aus der Einsamkeit, ein neues Leben.
Nehmen wir Hausmeister Harald aus der Erzählung "Das Kleid". Er möchte nach einer Reihe von Selbstmorden verhindern, dass sich weitere Männer aus dem Bürohochhaus stürzen, das er betreut. Dafür entwickelt er eine erstaunliche Abwehrstrategie.
In unregelmäßigen Abständen wird er in dem Damenmodengeschäft von Christa vorstellig, um ein schwarzes Kleid zu kaufen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der Inhaberin. Sie hält Harald, der ihr ganz gut gefällt, lange für einen heimlichen Crossdresser. Oder er tritt in einem Club auf, mutmaßt sie. Als sich die beiden dann annähern, verrät er Christa sein Geheimnis.
Er führt sie aufs Dach des Hochhauses. Von dort sieht man auf ein kleines Hofgebäude, auf dessen Dach Harald ein Kleid festgeklammert hat. Das helfe, erklärt er Christa. Zuerst habe es ein Kleid zufällig an diese Stelle geweht. Seither sei niemand mehr in den Tod gesprungen. Offenbar halte der Anblick des schwarzen Stücks Stoff die Männer von ihrem Vorhaben ab. Immer wenn Wind und Wetter einem Kleid stark zugesetzt hätten, tausche er es aus.
Es wäre nicht Setz, würde nach dieser Offenbarung eine schöne, glückliche Beziehung beginnen. Im Gegenteil: Christa verzweifelt an Harald. Er scheint sich nur bis zu einem gewissen Grad für sie zu interessieren. Seine große Obsession sind die Kleider, ständig ist er mit ihrer perfekten Positionierung beschäftigt, um ja Unheil zu verhindern. So entgeht ihm, dass er zwar vielleicht Menschenleben rettet, aber zugleich Christa ins Unglück stürzt.
In Sicherheit darf man sich in diesen Erzählungen ohnehin nie wiegen. Immer noch dreht Setz eine Schraube ein wenig fester und offenbart dabei menschliche Abgründe. Sehr gut zeigen sich diese im Internet, wo uns Christa in einer anderen Erzählung noch einmal begegnet.
Sie hat einen Hang dazu, sich junge Männer als Angestellte zu nehmen und diese zu verführen. Auf Sexplattformen wird ein Pornoclip, der sie beim brutalen Oralverkehr zeigt, zum Hit. Die Erzählung "Kommentare (78)" besteht nur aus User-Anmerkungen zu dem Video. Merkwürdig finden die Betrachter, dass eine weitere Frau die Szene durch ein Fenster beobachtet. Wenn man genau hinschaut, scheint es Christa selbst zu sein, die sich von außen betrachtet.
Setz geht es weniger um den Schockmoment des Ekelpornos als um das absurd-verstörende Detail am Rande. Dadurch bekommt der Text eine eigentümliche Poesie. Die Sprache in Internet-Foren trifft der brillante Stilist noch eine Spur genauer als sein aktuell sehr gefeierter US-Kollege Tony Tulathimutte ("Fiasko").
Die kürzeste Geschichte ist nur ein paar Zeilen lang, die am Schluss stehende Titelerzählung als längste umfasst etwas mehr als 100 Seiten. "Mein Leben als Noiseband" bündelt noch einmal alle Themen, die in den vorangegangenen Erzählungen angeklungen sind.
Die männliche Hauptfigur ist ein Twenty-Something, der in seiner Stube am Computer harsche Noise-Musik produziert und dazu in ein Mikrofon brüllt. Auf die Songtexte ist er sehr stolz. Umso mehr kränkt ihn, dass ihn nach seinen Konzerten nie jemand auf sie anspricht.
Setz erzählt von Einsamkeit, Missbrauchserfahrungen, psychischen Störungen und körperlichen Missbildungen, aber auch vom Wunsch nach Nähe und Vaterschaft als Chance.
In den Erzählungen klingen auch einige autobiografische Motive an. In einem Text tritt sogar ein gewisser Clemens Setz auf. Einst ein gefeierter Autor, hat er nun ein neues Leben und arbeitet als "Der Mann im Beißanzug" in einer Hundeschule.
Dieser Autor schont niemanden, am wenigsten sich selbst. Ein Buch des Jahres.
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