Die Hölle gibt es nicht

Roman | Das Ende eines Traums – wenn Lebenskrise und Epochenkrise zusammenfallen
480 Seiten, Hardcover
€ 28,80
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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783518433232
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 08.09.2026
Größe 21 x 14 cm
Verlag Suhrkamp
Übersetzung Eva Profousová
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Suhrkamp Verlag GmbH
Torstr. 44 | DE-10119 Berlin
info@suhrkamp.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Während sich der Journalist und Theaterautor Tomáš in Prag durch das Chaos seines Privatlebens kämpft, legt die Gesellschaft gerade die Covidmasken ab. Doch die Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Russlands Großangriff auf die Ukraine weckt nicht nur die Erinnerung an die Panzer auf dem Wenzelsplatz 1968, sondern befeuert auch die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien.

Jáchym Topol, der bedeutendste tschechische Autor seiner Generation, hat den Roman der Stunde geschrieben: das hochkomische, anrührende Porträt eines alternden Liebhabers und Vaters, der noch in den absurdesten Situationen versucht, bei Trost zu bleiben.

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ISBN 9783518433232
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FALTER-Rezension

Kopfweh ist sein Begleiter

Erich Klein in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 15)

Der Prager Journalist Tomáš wird 60 und spielt frühmorgens ratlos mit seinem Handy. Er und seine Ehefrau Fiona, eine Architekturhistorikerin, haben längst getrennte Betten. Er erinnert sich an heilige Momente – ihr Sohn Jeroným an der Brust der Mutter. Jetzt hat er Tamarka, eine viel jüngere Schauspielerin, von der er sich aber trennen will.

Der alte weiße Mann im mitteleuropäischen Normalzustand sinniert: „Willst du deine Beziehung am Lauf halten, tue so, als würdest du noch lieben. Den Abgrund überbrücken Rituale, doch das geht nur mit einer ordentlichen Portion Heuchelei.“ Eigentlich sollte sich Tomáš seiner Broschüre über Barock widmen, die er im Auftrag eines ominösen Mäzens schreibt.

Der befreundete Geldgeber aus den vergangenen Zeiten des Prager Undergrounds geistert als Deus ex Machina durch „Die Hölle gibt es nicht“, ohne je deutliche Gestalt anzunehmen. Ein Gang durch das morgennebelige Prag beginnt. Kopfweh vom Schnaps des Vorabends wird den Protagonisten aus dem Geist von Postmoderne und Postexistenzialismus auch weiterhin begleiten. Große Ereignisse kündigen sich an, ja Räusche. Das überrascht bei Jáchym Topol (Jg. 1962) nicht weiter.

Exzesse und Ekstasen aller Art sind die wichtigsten Ingredienzien eines jeden seiner bislang sieben Romane. Der Sohn eines Dramatikers und Dissidenten in Zeiten des Kommunismus war nicht nur jüngster Unterzeichner der Charta 77, er bewegte sich auch als Lyriker, Texter diverser Punkbands und Zeitschriftenherausgeber immer abseits des Mainstreams in anarchistischer Opposition.

Es war denn auch kein Zufall, dass Prags angesehenster Schriftsteller der mittlerweile fortgeschrittenen Generation einst durch einen Aufsatz des damaligen Premierministers Vaclav Klaus eine Art Ritterschlag erhielt, als dieser fragte: „Darf der Autor Jáchym Topol diesen Roman schreiben?“ Heute ist Topol Direktor der renommierten Václav-Havel-Bibliothek.

„Die Hölle gibt es nicht“ ist ein verschachteltes Konstrukt aus mehreren Romanen, die sich in weiten, barocken Bögen zusammenfügen. Katzenjammer ist dabei nicht nur für Tomáš angesagt, der ob seiner veraltet wirkenden Feuilletons knapp vor der Kündigung steht; im Auftrag seiner Redaktion soll er jetzt eine Kolumne über „Die Tschechen und die Nato“ schreiben. Sohn Jeroným outet sich als schwul und anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten, plant er, mit seinem Freund Nikofor einen Blumenladen zu eröffnen. Es ist aber vor allem das Datum, das für die apokalyptische Stimmung des Romans sorgt.

Wir schreiben den 22. Februar 2022 und Putins Vollinvasion in die Ukraine hat gerade begonnen. Für Tschechen eine höchst lebendige Erinnerung, dass die Russen kommen. Im Gespräch mit einem Bekannten beginnt sogleich das Schwadronieren über die Weltlage: „Würde Russland verschwinden, hätte die Menschheit kaum etwas verloren“, heißt es da. Nur ist aktuell das Gegenteil der Fall. Sogleich erinnert sich Tomáš an Sex mit seiner Tamarka, Touristen tauchen auf der Karlsbrücke mit Corona-Masken auf und im nächsten Schritt wird eine Barockkirche inspiziert.

Topol entfaltet in seinem Roadmovie in Gehgeschwindigkeit durch Prag ein wild herumspringendes erzählerisches Chaos, das überraschenderweise kaum verwirrt. Mal wird thesenhaft über Tschechiens aktuelle Kultur räsoniert: „Masaryk und Havel sind Anomalien ihrer Zeit. Kafka als intellektuelles Symbol von Prag ist verblasst, Schwejk vergessen. Havel von der Allgemeinheit nicht angenommen.“ Mal bleibt nur Luitgard, die Sandsteinfigur der Zisterziensernonne, die auf der Karlsbrücke von Touristenhorden verständnislos begafft wird. Jesus hat sich voller Erbarmen zu ihr herabgebeugt.

Tomáš erinnert sich an schnellen Sex mit einer Theaterdirektorin, doch weiter geht es wiederum mit Ignatius von Loyola und der Kunst des Barock. Auch damals zerfiel alles aus Schrecken über Pest und Krieg, doch der liebe Gott hielt in ausladenden Schnörkeln die Welt zusammen. „Nur ein paar Hundert Jahre später, und wir stecken im totalen Chaos.“

Mit Tamarka bricht Tomáš zu einem südböhmischen Kloster auf, wo es zur Begegnung mit einem tschechischen Verehrer des russischen Obskur-Philosophen Dugin kommt – und Zweifel auftauchen: Vielleicht gibt es die Hölle doch? In der Krypta einer Kirche zeigt der aus Russland zurückgekehrte Künstler Cornelius, auch er ein altgedienter Haudegen des einstigen Undergrounds, eine Performance à la Marquis de Sade. Er setzt sich ein Messer an den Hals und ein Snuff-Video wird gedreht. Die Hölle gibt es also. Doch was Sohn Jeroným betrifft, müssen „Fahrradwege und All-Gender-Toiletten vorerst warten“.

Der Tod des Vaters, der sich aufs Land zurückgezogen hatte, wo er mit einer späten Geliebten zusammenlebte, führt den sichtlich erschöpften Tomáš aufs Dorf zum Begräbnis und zurück in die Kindheit. Er überlegt, was er mit dem geerbten Haus dereinst anstellen könnte, um sich aus Prag und seinen Frauengeschichten zu verabschieden. Die Idee löst sich in nichts auf: Der Vater hat alles seiner Begleiterin vererbt.

In meisterhaft erzähltem Slapstick stolpert Tomáš ans Grab und versinkt in Rührseligkeit und Weinen. Es folgen noch der Versuch eines Terroranschlags und einige unangenehme Geheimnisse über die eigene Familiengeschichte werden gelüftet. Der Traum vom eigenen Garten, den es gegen alle Unbill der Welt zu bestellen gilt, wie es bei Voltaire einst hieß, ist geplatzt.

Am Schluss steht eine Art Happy End, allerdings in der Pose des Märtyrertums. Jáchym Topol gelingt es, große Fragen in einen schaurig-schillernden Bilderbogen zu verwandeln.

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