Sexualität und Wahrheit
Vierter Band: Die Geständnisse des Fleisches

von Michel Foucault

€ 37,10
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Übersetzung: Andrea Hemminger
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Umfang: 556 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.06.2019


Rezension aus FALTER 29/2019

„Sexualität gibt es seit 200 Jahren“

Endlich liegt Michel Foucaults Geschichte der Sexualität vollständig auf Deutsch vor. Was hätte der Philosoph von Tinder gehalten?
Ein Gespräch mit dem Sexualhistoriker Franz X. Eder

Die Frage, die ich stellen möchte, lautet nicht: weshalb werden wir unterdrückt?, sondern: weshalb sagen wir mit solcher Leidenschaft, mit solchem Groll gegen unsere jüngste Vergangenheit, gegen unsere Gegenwart und gegen uns selbst, dass wir unterdrückt werden?“ Diese Worte finden sich in dem Band „Der Wille zum Wissen“, mit dem der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault 1976 sein monumentales Werk „Sexualität und Wahrheit“ eröffnete. Sie zielten auf nichts weniger als auf die Zurückweisung der „Repressionshypothese“, derzufolge das bürgerliche Zeitalter von der Unterdrückung und Tabuisierung des Sex begleitet wird.

35 Jahre nach seinem Tod ist Foucault, der mit Begriffen wie „Diskurs“, „Dispositiv“, „Bio-Macht“ oder „Gouvernementalität“ die akademischen Debatten prägte wie kaum ein Zweiter, noch immer einer der meistbeachteten und -zitierten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Der soeben postum erschienene vierte Band von „Sexualität und Wahrheit“ ist editionsgeschichtlich sicher eine Sensation. Darüber, ob „Die Geständnisse des Fleisches“ auch inhaltlich eine Offenbarung sind, gehen die Meinungen auseinander. Der Falter befragte einen, der es wissen muss: Franz X. Eder, Historiker mit Spezialgebiet Sexualitätsgeschichte.

Falter: In „Die Geständnisse des Fleisches“ wird folgender Satz zitiert: „Man kann nicht gleichzeitig eine Frau und Bücher lieben.“ Was sagen Sie, was sagt Ihre Frau dazu?

Franz X. Eder: (Lacht.) Ich würde schon hoffen und dafürhalten, dass sich die Liebe zur Wissenschaft und zu einer Frau oder einem Mann verbinden lässt.

Die Pointe des Zitats besteht darin, dass es nicht von einem der Kirchenväter, sondern von dem Aristoteles-Schüler Theophrast stammt. Für Foucault ist es ein Beleg dafür, dass die Opposition zwischen dem sexualfeindlichen Christen- und dem sinnenfrohen Hellenentum so nicht stimmt.

Eder: Wenn man sich die antiken Denker von Pythagoras über Platon bis zur Stoa ansieht, gibt es schon dort einige Skepsis gegenüber der Verselbstständigung der Libido. Das Christentum schließt hier aber nicht nur an die pagane, sondern auch an die jüdische Tradition an.

Die von Foucault ignoriert wird, oder?

Eder: Genau, wobei man überhaupt sagen muss, dass der jetzt erschienene Band aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren stammt. So herrlich es für Foucault-Freaks ist, ihn jetzt lesen zu können: Das, was drinsteht, ist für Historiker inzwischen längst Allgemeingut.

Der Zugang ist gar nicht mehr so originell?

Eder: Er ist vor allem sehr einseitig: Foucault wandelt auf dem Höhenkamm der theologischen und philosophischen Literatur. Er ist ein fröhlicher Exeget, der auf ungenierte Weise mit den Texten hantiert, sich aber um die sozialen Praktiken, die mit diesen Texten einhergehen, nicht groß kümmert. Bischöfe, die für ihre Gemeinde, und Mönche, die für ihre Klosterbrüder schreiben, sind eine wahnsinnig kleine elitäre Schicht, und das, was Foucault über sie herausarbeitet, war überhaupt nicht breitenwirksam.

Schon der Titel ist eigentlich irreführend: „Die Geständnisse des Fleisches“ sind in Wirklichkeit ein ziemlich ungeiles Buch!

Eder: Ja, Details über konkrete sexuelle Fantasien und Praktiken darf man sich keine erwarten. Im Verhältnis zu den essayistischen Arbeiten Foucaults sind die „Geständnisse“ eher so etwas wie ein Textsteinbruch, der noch seiner finalen Überarbeitung harrt, und manche der zitierten Stellen sind in ihrer Langatmigkeit auch unerträglich.

Was weiß der Historiker mehr oder was könnte er mehr wissen?

Eder: Von der griechisch-römischen Komödienliteratur über juridische Texte bis hin zu den Bußbüchern, die etwas später entstehen, gibt es eine ziemlich breite Palette. Einen „Kinsey-Report“ der Spätantike gab’s natürlich ebenso wenig wie etwas, das mit den Onanie-Tagebüchern des Samuel Pepys vergleichbar wäre (der englische Beamte und Abgeordnete Samuel Pepys, sprich: Pieps, verfasste zwischen 1660 und 1669 sein legendäres „Geheimes Tagebuch“, das aber erst 1818 entdeckt wurde, Red.).

Apropos Onanie: Ein Rezensent hat etwas spitz angemerkt, dieser Begriff käme in den „Geständnissen“ kein einziges Mal vor.

Eder: Expressis verbis kommt die „manusturbatio“ tatsächlich nicht vor, in der Sache aber sehr wohl. Was die Mönche für Reflexionen über etwaige Erregungen anstellen, die sie beim Anblick einer verschleierten Jungfrau oder im Traum eventuell überkommen haben, hat natürlich schon mit ein- oder wechselseitiger manueller Befriedigung und damit zu tun, dass die Irritationen des Fleisches eine permanente Prüfung darstellen.

Feuchte Träume sind theologisch aber okay?

Eder: Das geht gar nicht! Zumindest für Hardcore-Theologen ist das so etwas wie ein Widerhall des Sündenfalls. Die permanente Selbstbeobachtung der Mönche fokussiert ja darauf, wie weit man den eigenen Körper und die Seele so befriedet – nicht befriedigt! – hat, dass die concubscentia ruhiggestellt oder zumindest willentlich beherrscht wird.

Für uns, die wir eher der Dampfkessel-Vorstellung von Sexualität anhängen, ist diese Vorstellung vollkommen verquer.

Eder: Aber das gilt vielleicht wirklich nur für unsere Generation der 50- bis 70-Jährigen. Wir sind mit einer freudianischen Auffassung von Sexualität aufgewachsen. Die psychoanalytisch informierte Geschichtswissenschaft hat die Kulturgeschichte der Begierde ganz stark als eine der Repression verstanden: Die als fraglos vorausgesetzte Sexualität wird unterdrückt.

Das klingt jetzt gerade so, als müsste man deren Existenz bezweifeln?

Eder: Na ja, man muss sich zumindest ansehen, wann und wie bestimmte Vorstellungen überhaupt entstanden sind. Der Begriff der „Homosexualität“ zum Beispiel taucht erstmals 1868 bei dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny auf, und jener der „Heterosexualität“ folgt überhaupt erst zehn Jahre später. Insofern hat Foucault, indem er die Frage nach den historischen Wurzeln unserer Vorstellung von Sexualität und sexueller Identität stellte, tatsächlich so etwas wie eine Kopernikanische Wende eingeleitet. „Sexualität“ selbst gibt es erst seit rund 200 Jahren – das ist ein Begriff des frühen 19. Jahrhunderts.

Der Onanie-Diskurs ist etwas älter?

Eder: Ja, das war noch im 17. Jahrhundert halt eine unmoralische, etwas peinliche und lächerliche Praxis, aber den Onanisten als Subjekt gibt es erst im 18. Jahrhundert. Solche Diskurse bestimmen tatsächlich, in welchen Kategorien sich die Menschen selber wahrnehmen. Viele „Onanisten“ und „Homosexuelle“ erkannten sich darin: „Ja, genau so ist es – endlich verstehe ich mich selbst.“ Der Diskurs produziert also jenen Effekt des Geständnisses und des „Wahrsprechens“, auf den Foucault abzielt.

Umstandslos bei allen?

Eder: Nein. Was Foucault eben nicht in den Kram gepasst hat, ist der Umstand, dass kein Zustimmungszwang herrscht. Es gab schon auch jene, die meinten: „Ich hab auch während des Gottesdienstes onaniert und leide weder unter einem schlechten Gewissen noch unter Rückenmarksschwund.“ Es existieren also Dynamiken des Widerspruchs, die die Ordnungen des Wissens in Bewegung halten.

Aber es ging Foucault doch gerade um diejenigen, die von der Norm des Mainstream abweichen, oder?

Eder: Ja, und er hat die Geschichtswissenschaft auch dazu inspiriert, auf jene Bereiche zu achten, an denen die Kategorien zu verschwimmen beginnen. Für Transsexuelle und Transvestiten interessierte er sich eben genau deswegen, weil sich an diesen Übergängen bestimmen lässt, wie Kategorisierungen vonstatten gehen. Dahinter steckt auch die Wunschvorstellung, eine neue Form des grenzüberschreitenden Selbstentwurfs zu finden, ja, mich neu zu erfinden.

Aber ist das nicht auch verdächtig anschlussfähig an neoliberale Konzepte der permanenten Selbstoptimierung?

Eder: Man kann Foucaults Analysen der Selbstdisziplinierung als Kritik am Neoliberalismus verstehen, man kann ihn aber zugleich auch als einen Pfadfinder desselben kritisieren.

Es passt also ganz gut, dass Foucault ein Faible für Deutschland hatte, wo es in den 80er-Jahren noch kein Tempolimit gab. Der Mann, der durch die Zurückweisung der Repressionsthese berühmt wurde, war ein Gegner der Akzelerationsrepression.

Eder: Ja, Foucault hat das Paradox festgehalten, dass permanent über etwas gesprochen wird, was angeblich verschwiegen werden soll. Das Reden darüber, dass man darüber nicht reden soll, hat geradezu eine Geschwätzigkeit des Fleisches zur Folge. So gesehen produziert das Christentum ein permanentes Wissen über Sexualität, das die Sexualwissenschaften geradezu in den Schatten stellt.

Und der Geständniszwang funktioniert, so argumentiert Foucault, nicht nur im Dienste der Unterdrückung. Das erinnert an den Satz aus Woody Allens „Manhattan“, wo die Protagonistin einmal meint: „Gestern hatte ich einen Orgasmus, aber mein Arzt meinte, es sei nicht der richtige.“ Würde Allen als Augustinus auftreten, würde er vielleicht sagen: „Gestern hatte ich eine Erektion, aber es war die falsche.“

Eder: Es sei denn, der Akt wird mit reinen Gedanken, mäßig, zum richtigen Zeitpunkt, mit der eigenen Ehefrau und tunlichst zum Zwecke der Zeugung vollzogen. Dann gibt’s auch keine falsche Erektion. Das Hartwerden des Penis, das Nasswerden der Vagina beziehungsweise die Erregung der Klitoris stehen im Christentum allerdings immer auch im Verdacht, ein Symptom von Unreinheit und Lasterhaftigkeit zu sein.

Für Augustinus ist die Unwillkürlichkeit der sexuellen Erregung, die erst nach dem Sündenfall einsetzt, das große Problem. Er ist sogar der Auffassung, dass „jeder Freund der Weisheit und der heiligen Freuden, der im Ehestand lebt, lieber ohne solche Lust Kinder erzeugen“ würde.

Eder: Der „bessere Stand“ bei Augustinus sind die asketischen Mönche beziehungsweise Nonnen und ultimativ die ganz jungfräulichen Frauen und Männer. Es gibt aber immerhin auch den „guten Stand“, und das ist die Ehe. Man darf in diesem Zusammenhang allerdings nicht vergessen, dass die theologischen Schriften der Kirchenväter strategische Texte sind, die in einer Zeit entstehen, in der es sehr unterschiedliche Strömungen gibt und sich die Kirche erst konsolidiert. Damals war durchaus auch Kritik an einer überschießenden Körperlichkeit des Christentums zu hören!

Von welcher Seite?

Eder: Die Stoiker hatten mit der ganzen christlichen Küsserei ein großes Problem, denn die Grenze von philia und caritas zum eros sollte keineswegs überschritten werden.

Bei der heute in ihrer Heftigkeit kaum nachvollziehbaren Auseinandersetzung um Häresien der Spätantike ging es auch um Abgrenzung und Deutungshoheit?

Eder: Es sind Schulstreitigkeiten, und es dauert immerhin bis zum Konzil von Nicäa im Jahr 325, bis sich diese Schulen überhaupt einmal zusammensetzen. Die zwei Jahrhunderte davor war das Christentum ja nicht viel mehr als eine Sekte. Solange es nur ein paar Verfolgte gibt, ist das alles kein Problem, aber wenn auf einmal Tausende in die christliche Gemeinde aufgenommen werden wollen und sich zwei- bis dreijährigen, enorm aufwendigen Aufnahmeprozeduren unterziehen müssen, stellt sich die Frage, wie sich das alles regeln und organisieren lässt. Es handelt sich schlicht um Institutionalisierungsprobleme. Und dabei geht es nicht nur um das Verhalten der Nonnen und Mönche, sondern auch um die ganz gewöhnlichen Gemeindeangehörigen, für die der ganze Askese- und Jungfräulichkeitsdiskurs ja völlig absurd ist. Für die muss man das Christentum popularisieren, ritualisieren und praktikabel machen.

Wie lang kann denn so eine „Longue durée“ werden? Anders gefragt: Wie weit kann man zurückgehen und sagen: Das ist auch heute noch in irgendeiner Form wichtig?

Eder: Das ist die große Frage. Eigentlich ist schon die Perspektive des ersten Bandes von „Sexualität und Wahrheit“, vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, sehr breit. Denn die Sexualisierung des Kindes im 18. Jahrhundert hat sehr wenig mit unserer Gegenwart zu tun: Über die körperliche und geistige Schädigung durch Onanie lachen wir heute. Andererseits waren die Beichtpraktiken des Christentums in den 1960er- und 1970er-Jahren bei uns schon noch sehr präsent. Und die Ähnlichkeiten zum Geständnissetting der Psychoanalyse sind ja tatsächlich schlagend: Dafür, dass jemand auf der Couch liegt, der frei assoziiert und in seiner Biografie nach der sexuellen Wahrheit sucht, während hinter ihm der „Beichtvater“ sitzt, haben die Kirchenväter gleichsam die Betriebsanleitung geschrieben.

Der Auffassung, dass sich im Sex unser authentisches Selbst manifestiere, begegnet man bis heute auf Schritt und Tritt. In seiner Herleitung dieser Auffassung aus dem frühen Christentum darf sich

Foucault bestätigt fühlen, oder?

Eder: Ja, wobei er selbst sehr doppelgesichtig scheint: Einerseits sagt er: „Nein zum König Sex“, andererseits hält er durch die eigenen Publikationen diese Suppe ja permanent am Köcheln. Das gibt auch mir als Sexualhistoriker immer wieder zu denken.

Der Universalismus der Aufklärung, dem diverse Emanzipationsbewegungen verpflichtet sind, zielte doch darauf, dass Unterschiede in Ethnie, Gender et cetera irgendwann einmal überhaupt keine Rolle mehr spielen würden. Zugleich gibt es heute geradezu einen Furor des Identifizierens: Vor Jahren fand man mit „Gay and Lesbian“ noch das Auslangen, dann kam LGB, LGBT, LGBTQ, LGTBQIA … Irgendwann wird das so lang wie das entschlüsselte menschliche Genom.

Eder: Wir hatten in unserem Polyamorie-Projekt tatsächlich die Frage gestellt, ob das „P“ auch noch in das Akronym aufgenommen werden soll. Mit der Identitätspolitik wird natürlich auch Anerkennungspolitik betrieben. Wenn man allerdings die heute 15- bis 30-Jährigen mit den 68ern und Post-68ern vergleicht, dann waren es natürlich Letztere, die den Sex tatsächlich ins Zentrum der Subjektkonstruktion gestellt haben. Die Jüngeren hingegen sind, wie die Sexualforschung zeigt, viel skeptischer: Denen geht es um Liebe, Intimität, Echtheit und Autonomie. Natürlich wollen die auch ein erfüllendes und abwechslungsreiches Sexualleben, aber wenn man mit Youporn aufwächst, erzeugt das auch einen Sexstress: Analverkehr und Bondage gehören offenbar irgendwie dazu, also soll man das offenbar alles ausprobieren. Auch das entspricht übrigens dem Leistungsimperativ des Neoliberalismus bestens.

Die Verbote wurden durch ein Transgressionsgebot ersetzt?

Eder: Absolut. Und das kriegt man mit, noch bevor man überhaupt die ersten eigenen Tastversuche in welche Richtung auch immer unternommen hat. Die Geständnisse des Fleisches finden nicht mehr im Beichtstuhl, sondern im Fernsehen statt, wo man enthüllt, dass man halt ein bissl auf Ausgepeitschtwerden steht – was mit Ehe und Familie aber friktionsfrei vereinbar ist.

Die Regenbogen-Paraden sind ja auch von einer gewissen karnevalesken Unverbindlichkeit: Jede und jeder darf teilnehmen, ohne sich auf bestimmte Orientierungen und Praktiken festzulegen.

Eder: Die Erinnerungen an den Christopher-Street-Day sind natürlich ein politischer Akt. Im Zuge der weitgehend durchgesetzten Emanzipation ist dieses politische Moment aber vom Performativen überlagert worden: Man zelebriert das Leben und konsumiert dabei auch. Und zugleich ist es eine Ausnahmesituation, denn in dem Outfit, in dem ich zum Life Ball gehe, komme ich ja nicht ins Büro oder zum Elternsprechtag.

Was hätte Foucault denn zu Tinder gesagt?

Eder: Tinder ist eine Form der Selbstbespiegelung und des Wahrsprechens über sich selbst, auch wenn jeder weiß, dass da permanent gelogen wird. Es ist aber bedeutsam, ob man ein Foto mit Hündchen da reinstellt oder nur sein Genital abbildet. Das Medium verlangt jedenfalls, dass man seine Begierden sehr genau befragt und beschreibt, um sie denjenigen der potenziellen Partner passgenau zu machen. Fester auf dem Thron sitzen kann König Sex eigentlich nicht.

Wie sieht es im Kontext von Tinder mit anderen Körperpraktiken aus?

Eder: Auch das Tattoo ist heute ein Zeichen, über das sich das wahre Selbst erschließt, und im Fitnessstudio wird demonstriert, dass man in der Lage ist, ein im wahrsten Sinn des Wortes selbstgestaltetes Leben zu führen, seinen Körper in Form zu halten und zu kontrollieren – im Unterschied etwa zu fettleibigen Personen aus den unteren sozialen Schichten, denen man quasi am Körper ablesen kann, dass sie den Leistungsanforderungen des Neoliberalismus nicht gerecht zu werden vermögen.

Apropos Unterschicht. Die Historikerin Lynn Hunt hat an Foucault kritisiert, dass dessen Konzeption von Macht „surprisingly genderless“ sei. Man könnte vielleicht auch hinzufügen: „suprisingly classless“?

Eder: Da war er tatsächlich erstaunlich einäugig. Ob er sich nun mit dem Gefängnis oder der Sexualität befasst: Fragen der Klasse oder sozialen Zugehörigkeit interessieren ihn kaum. Dass die Frauen in den theologischen Diskursen der Bischöfe und Monastiker im vierten Jahrhundert vor allem als Objekte vorkommen, nimmt er einfach hin. Angesichts dessen, was seit den 80er-Jahren in den Gender Studies aufgearbeitet wurde, sieht er da heute einfach sehr altväterisch aus.

Darf ich Sie abschließend mit einem Satz aus Ihrer „Kultur der Begierde“ konfrontieren. Sie bemerken dort, dass „eine nichtessentialistische Sozialpsychologie des sexuellen Subjekts, die die individuelle und kollektive Einschreibung des Sexuellen theoretisch bestimmen könnte, ohne dabei von sexuellen Objekten, sondern von der historischen Konstruktion des ,Selbst‘ zu sprechen“, noch nicht in Sicht sei. Dazu zwei Fragen: Was daran ist beklagenswert? Und was bedeutet das überhaupt?

Eder: (Lacht.) Was ich mit diesem zugegebenermaßen komplizierten Satz sagen wollte, war: Es wäre schön, wenn man dieses Drängen und Triebhafte der Begierde und die kulturellen, sozialen und lebensgeschichtlichen Bedingungen, in und unter denen sie sich artikuliert, klarer fassen könnte. Freud meinte, der Trieb sei die große Mythologie, mit der man arbeiten müsse, und mir scheint, dass wir da noch nicht viel weiter gekommen sind.

Klaus Nüchtern in FALTER 29/2019 vom 19.07.2019 (S. 24)


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