SACHBUCH-BESTENLISTE August 2019

Aspekte des neuen Rechtsradikalismus
Ein Vortrag

von Theodor W. Adorno, Volker Weiß

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Politikwissenschaft/Politisches System
Umfang: 86 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.07.2019


Rezension aus FALTER 33/2019

Adorno über Rechtsradikalismus: „Niemand will ein Dummer sein, oder, wie man in Wien sagen wird, niemand will die ,Wurzen‘ sein“

Das Wieder-groß-sein-Wollen war auch damals schon aktuell: „Deutschland muß wieder obenauf kommen“, hieß es, und Theodor W. Adorno ordnete dieses Gefühl in seinem Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ vor allem Menschen zu, die „so als Fünfzehnjährige um 1945 den Zusammenbruch erlebt haben“.

Das Neue am Rechtsradikalismus waren weder seinen ideologischen oder sozialpsychologischen Aspekte, die noch stark im Nationalsozialismus und in dem wurzelten, was Adorno und das Institut für Sozialforschung bereits im amerikanischen Exil als „autoritären Charakter“ bestimmt hatten, sondern in der politischen Institutionalisierung. 1964 war die NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) gegründet worden und als rechtsextreme Sammlungsbewegung durchaus erfolgreich: 1968 zog sie in sieben Landesparlamente ein, bei den Bundeswahlen im Jahr darauf scheiterte sie nur knapp. Als Ursachen für diesen Zuspruch machte Adorno unter anderem den Verlust der Souveränität des Nationalstaates zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges angesichts der zunehmenden Konzentration des Kapitals, aber auch „das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit“ im Zuge fortschreitender Automatisierung aus. Weder sei der Rechtsradikalismus aus Konjunkturbewegungen zu erklären, noch bilde er eine konsistente Ideologie.

Als zentral erachtet Adorno vielmehr eine Mobilisierungstechnik, in der das Mittel der Propaganda, welche „die fraglose Differenz zwischen den realen Interessen und den vorgespiegelten falschen Zielen ausgleicht“, selbst zum Zweck und zur eigentlichen Substanz der Politik geworden sei. Die Bezüge zu aktuellen Entwicklungen – Pegida, AfD, Fake News, Mobilisierung des kollektiven Narzissmus à la Trump – liegen auf der Hand und werden vom Historiker Volker Weiß im Nachwort auch ausführlich analysiert.

Adornos Vortrag ist um einiges legerer, als man es von dessen manieriert ziselierten Essays gewohnt ist – „Disziplin für was?“ heißt es an einer Stelle reichlich kolloquial –, an pointierten Auslassungen, etwa zum schönen Begriff des „Vulgäridealismus“, herrscht indes kein Mangel. Schauderbar treffend auch die Beobachtung, dass ein Antisemitismus, der die Juden überlebt hat, das Schuldgefühl durch Rationalisierung abwehrt: „Etwas muß doch daran sein, sonst hätte man sie nicht umgebracht.“

Was die Strategien der Gegenwehr anbelangt, bleibt Adorno allerdings widersprüchlich und ein Gefangener der eigenen Aporien. Denn einerseits wird argumentiert, dass der Rechtsradikalismus irrationale Züge trage, eben nicht einem ökonomischen Interessenskalkül folge, dass der Untergang – wie schon von Hitler – einkalkuliert, in Kauf genommen, ja herbeigesehnt werde: „Wer nichts vor sich sieht und wer die Veränderung der gesellschaftlichen Basis nicht will, dem bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als wie der Richard-Wagnersche Wotan zu sagen: ,Weißt Du, was Wotan will? Das Ende‘ –, der will aus seiner eigenen sozialen Situation heraus den Untergang, nur eben dann nicht den Untergang der eigenen Gruppe, sondern wenn möglich den Untergang des Ganzen.“

Andererseits setzt Adorno auf die Kraft „der wirklich unideologischen Wahrheit“, empfiehlt, die verführten Massen über ihre wahren Interessen aufzuklären und die „autoritätsgebundenen Charaktere“, die ihm eigentlich als „unansprechbar“ gelten, gegen die Tricks der neuen Rechten „zu impfen“ – denn schließlich wolle „niemand ein Dummer sein oder, wie man in Wien sagen wird, niemand will die ,Wurzen‘ sein.“

Adornos Einwurf gegen die Frage nach der Zukunft des Rechtsradikalismus ist freilich aller Ehren wert. Diese empfindet er nämlich als „viel zu kontemplativ“, stecke darin doch „bereits eine Art von Resignation, durch die man sich selbst als politisches Subjekt eigentlich ausschaltet, es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit.“

Das hat der Herr Professor doch sehr schön und verständlich ausgedrückt.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2019 vom 16.08.2019 (S. 30)


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