Silverview

Roman | Deutsche Ausgabe des Sunday Times Bestsellers - „Der wohl größte englische Autor seiner Generation.“ The Guardian
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Kurzbeschreibung des Verlags:



In Silverview betrachtet John le Carré sein Lebensthema wie unter einem Brennglas – die Welt der Geheimdienste
Der letzte Roman des großen Meisters!
"Der beste, weiseste Erzähler von allen." Richard Osman


Julian Lawndsley hat seinen Überflieger-Job in London drangegeben für ein einfacheres Leben als Buchhändler in einem kleinen englischen Küstenort. Kaum ist er ein paar Monate dort, stört ein abendlicher Besucher seine Ruhe. Edward, ein polnischer Emigrant, der auf Silverview lebt, dem großen Anwesen am Ortsrand, scheint viel über Julians Familie zu wissen und zeigt großes Interesse an den Details seines neuen kleinen Unternehmens. 
Gleichzeitig erhält in London ein Agentenführer des britischen Geheimdienstes einen Brief, der ihn vor einer undichten Stelle im Dienst warnt, und die Ermittlungen führen ihn in einen kleinen Ort an der englischen Küste … 
Silverview ist die faszinierende Geschichte einer Begegnung, Erfahrung trifft auf Unschuld, Integrität auf Loyalität. John le Carré, einer der großen Chronisten unserer Zeit, konfrontiert uns mit der Frage, was wir den Menschen, die wir lieben, wirklich schuldig sind. 

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FALTER-Rezension

Ältere Herren im Trenchcoat

In "Silverview", seinem letzten, posthum erschienenen Roman, bündelt John le Carré noch einmal seine Lebensthemen

Es lohnt sich, John le Carré zu James Bond gegenzulesen. Der Vergleich drängt sich auf, denn der 25. Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" ist zeitgleich mit dem 26. Roman des britischen Großmeisters des Agentenromans auf den Markt gekommen: Le Carrés Sohn hat "Silverview" im Nachlass seines im Vorjahr 89-jährig verstorbenen Vaters entdeckt.

Zu studieren sind zwei britische Secret-Service-Fiktionen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die James-Bond-Filme sind aufgedonnerte, imperialistische Märchen, Le Carrés Spionage-und Politthriller das genaue Gegenteil. Sie sind geeignet, den Mythos des Superagenten James Bond und dessen Ladykiller-Glamour zu entzaubern.

Le Carrés archetypische Schattenkrieger à la George Smiley sind graugesichtige, ältliche Männer im Trenchcoat, desillusionierte Einzelgänger und enttäuschte Idealisten mit vielen trüben Geheimnissen, geplagt von Selbstvorwürfen und ihres anrüchigen Handwerks müde, dem täglichen Umgang mit Täuschung, Verrat, Lüge und moralischer Zweideutigkeit in einem Großbritannien, das seine Glanzzeiten seit langem hinter sich hat.

So ein angeknackster Le-Carré-Held ist auch Edward Avon, die Hauptfigur in "Silverview" - inklusive Regenmantel und Homburg-Hut, Ex-Agent des Secret Service im Ruhestand. Überhaupt steckt dieser Roman voller Wiedererkennungseffekte, angefangen von den süffisanten Umgangsformen, die unter den elitären Schnöseln der Londoner Zentrale Gepflogenheit sind, bis hin zum nagenden Verdacht, dass imperialer Anspruch und tatsächliche Bedeutung der britischen Geheimdienste längst bedenklich auseinanderklaffen. "Silverview" liest sich streckenweise wie ein Remix von Le Carrés Standardthemen: Selbstzweifel, Paranoia, Amoral, Klassendünkel, Empire-Nostalgie, ewig unklare Loyalitäten von Überläufern und Frontwechslern.

Sehr passend auch der Schauplatz, ein trostloses ostenglisches Küstenstädtchen im Winter, ganz in der Nähe der langsam verrottenden Militäranlagen von Orford Ness aus den Zeiten des Kalten Krieges samt unterirdischen Kernwaffen-Silos -Überbleibsel einstiger britischer Atommacht-Fantasien und inzwischen von den Amerikanern endabgewickelt.

In diesem verlorenen Winkel erfüllt sich Julian, ein reich gewordener junger Börsenhändler aus London, gerade einen Traum und beginnt ein zweites Leben: Er investiert sein Vermögen in die Gründung einer ehrgeizigen Buchhandlung. Einer seiner ersten Kunden ist Edward Avon, der sich als Pensionist und "einer von des Lebens Gelegenheitsarbeitern" vorstellt und behauptet, ein Schulfreund von Julians verstorbenem Vater zu sein. Damit erschleicht er sich Julians Vertrauen. Was der arglose junge Buchhändler die längste Zeit nicht merkt: Er wird von dem alten Herrn auf durchtriebene Art manipuliert und für dessen undurchsichtige strategische Manöver eingespannt.

Die Erzählstränge des Romans laufen in zwei Richtungen: vorwärts in die Zukunft und zurück in die Vergangenheit. Der Secret Service beginnt, seinem eigenen Ex-Spion nachzuspionieren. Diese Aufgabe fällt dem arroganten Chef der Inlandssicherheit namens Proctor zu, dem "obersten Hexenjäger" im Service. Avons früheres Agentenleben mit seinen zahlreichen schattenhaften Rollen-und Stellungswechseln wird aufgedröselt und auf Widersprüche, Ungereimtheiten und ominöse Lücken durchleuchtet. Grund dafür ist der vage Verdacht, der Mann könnte irgendwann während seiner früheren Auslandseinsätze heimlich zur gegnerischen Seite übergelaufen sein -wer auch immer die gegnerische Seite gewesen sein mag, denn Avons einstige und künftige Absichten bleiben verpixelt bis knapp zum Romanende.

Das erinnert an Le Carrés berühmte George-Smiley-Saga, in der es gleichfalls darum ging, einen "Maulwurf" aufzuspüren, den Verräter in den eigenen Reihen. Abermals wird hier der Secret Service als ein ineffektiver Geheimdienst vorgeführt, der nur mehr mit sich selbst beschäftigt ist. Er scheint überdies in der analogen Welt steckengeblieben zu sein. Zwar klappt gelegentlich jemand einen Laptop auf oder nutzt ein Smartphone, aber die allergeheimste Nachrichten-Kommunikation läuft auf die altertümlichste Art: über persönlich zugestellte Briefe und Handschreiben, unter Umgehung der englischen Post.

Dem verdächtigten Edward Avon machen nicht nur seine traumatisierenden Erfahrungen, namentlich während des Bosnien-Kriegs, zu schaffen; er zweifelt auch insgeheim an der Sinnhaftigkeit des zugleich aufgeblähten und verknöcherten Secret Service. Und er ist damit nicht alleine. Wenn sie einmal ausnahmsweise ehrlich sind, müssen sich auch andere Agenten eingestehen: "Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder? So von einem alten Spion zum anderen, würde ich schätzen, ich wäre als Leiter eines Jugendclubs nützlicher gewesen."

Diese sehr grundsätzlichen Zweifel reichen bis hin zur Klage über "das arme, zahnlose, führerlose Großbritannien, das (den Amerikanern) hinterherdackelt, weil es noch immer von der alten Größe träumt und keine Ahnung hat, wovon es sonst träumen soll". Auch wenn ein Upper-Class-Mitglied wie Proctor von Geburt an zu wissen glaubt, "dass das spirituell Allerheiligste der herrschenden Klasse von Großbritannien in ihren Geheimdiensten verborgen liegt", so ahnt doch selbst er, dass das nicht (mehr) stimmt.

Auch in seinem letzten Roman erweist sich John Le Carré als Chronist des Niedergangs der Großmacht Großbritannien und als Kritiker des arroganten und korrupten Neoimperialismus des Westens, anstatt den Verfall der britischen Welthegemonie mit ironisch gebrochenen Fantasien von der Überlegenheit britischer Gentleman-Kultur zu kompensieren. Er hat den Geheimdienst als die dominante Metapher der Epoche etabliert. Sie steht für die Schattenzonen des nationalen Unbewussten: Hier werden geheime Ängste und Fantasien ausagiert, in Form von trickreichen Vexierspielen mit doppeltem und dreifachem Boden.

Mit dem Ende des Kalten Krieges sind die alten Feindbilder obsolet geworden und die bipolaren Weltbeschreibungsmodelle verblasst, die seit dem Bestseller "Der Spion, der aus der Kälte kam" von 1963 die Trademark dieses Autors waren. Le Carré hat sein Weltbild generalüberholt, seine Stoffe globalisiert, und er ist in das Genre des transnationalen Polit-Thrillers eingeschwenkt. Seit dem Zerfall des Sowjetimperiums geht es in seinen Romanen um die Verstrickung des Secret Service in alle möglichen Konfliktherde der Welt - bei abnehmender Wirksamkeit. Die Agentenaufträge sind heute schmutziger und schnöder, als sie es je waren. Ging es früher um Ideologie, so geht es heute um aktuelle Mischungen von Big Business, Terror und organisierter Kriminalität.

Und das ist John le Carrés singuläre und bleibende literarische Leistung: Er hat sich ein vollkommen fiktives Geheimdienst-Universum ausgedacht, das aber so täuschend echt wirkt, dass seine Romane das landläufige Bild davon prägen, wie Geheimdienste arbeiten, wie Spione funktionieren und wie sie reden. Der Branchenjargon der "Maulwürfe","Schläfer" oder "Honigfallen" ist zwar von Le Carré erfunden, hat sich aber längst als glaubwürdiges Agentenidiom etabliert. Dessen Spionage-Folklore wirkt nicht nur wirklicher als die Wirklichkeit. Sie wirkt auch auf die Realität zurück und prägt sie. Mehr kann Literatur nicht leisten.

Sigrid Löffler in Falter 46/2021 vom 19.11.2021 (S. 40)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783550202063
Ausgabe 2
Erscheinungsdatum 18.10.2021
Umfang 256 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Ullstein Buchverlage
Übersetzung Peter Torberg
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