
Chronologie einer epochalen Fehleinschätzung
Reinhard Kiefer in FALTER 11/2026 vom 11.03.2026 (S. 19)
Im August 2021 absolvierte Angela Merkel ihren Abschiedsbesuch bei Wladimir Putin. Dieser lobte mit dem professionellen Lächeln des gelernten KGB-Offiziers die Jahre der vertrauensvollen Zusammenarbeit - und wusste, dass er Merkel und westeuropäische Politeliten über zwei Jahrzehnte erfolgreich manipuliert hatte. Täuschung, Verachtung der globalen Rechtsordnung, skrupellose Gewalt und Eskalationsdrohung waren seine Hauptinstrumente.
Putins Angriffsarmee stand an der ukrainischen Grenze marschbereit, die Geheimdienste der USA und Großbritanniens sagten den Angriff voraus. Putin leugnete, und die Deutschen wollten ihm nur zu gerne glauben.
Alexander Lukaschenko schleuste weiter gekaperte Iraker über die Grenzen in die EU -eines der vielen Manöver hybrider Kriegsführung, gegen die die Europäer keine legalen Mittel fanden. Merkel hatte 2015 eine Million Syrer, die vor Putins Bombenterror geflohen waren, ungeprüft ins Land gelassen, weil es keine europaweit wirksame Flüchtlingsregelung gab, und befeuerte so den Aufstieg der Rechtspopulisten, die von Moskau mit Geld und Desinformationen versorgt wurden. Die russischen Botschaften waren Spionagezentren, der Server des Bundestags war 2015 von russischen Hackern angegriffen worden. 2011 setzte Merkel überhastet die Wehrpflicht aus. Alle Mahnungen der US-Präsidenten seit Bill Clinton an die Europäer, verteidigungspolitisch eigenständig zu werden, wurden in Deutschland ignoriert. 2008 setzte sich Merkel gegen den Plan der USA und der Mehrheit der Europäer durch, die Nato-Beitrittsverhandlungen mit Georgien und der Ukraine zu beginnen - und ordnete stattdessen an, mit Russland militärisch enger zu kooperieren.
Merkel hielt bis zuletzt gegen erbitterte Proteste aus Osteuropa und den USA am Bau der gigantischen Gaspipeline Nord Stream 2 fest, die Deutschland zum Drehkreuz für die gesamte mitteleuropäische Gasversorgung und dementsprechend erpressbar gemacht hätte.
Gerhard Schröder hatte seine persönliche Bindung an Putin im Zeichen gemeinsamer Großmannssucht und Käuflichkeit nicht verborgen, sondern zur Schau gestellt. Kanzlerin Merkel dagegen glaubte, Europa wertbewusst zu führen, und wurde so zum Werkzeug der sich spätestens 2007 abzeichnenden neoimperialen Aggressivität des Putin-Regimes gegenüber dem wie in Sowjetzeiten wieder dämonisierten "Westen".
Es fällt schwer, nachträglich zu erklären, wie ein solch epochaler Irrweg möglich war, der zum Kollaps Europas hätte führen können. Katja Gloger, langjährige Moskau-Korrespondentin, und ihr Mann, der renommierte Investigativjournalist Georg Mascolo, geben keine abschließende Deutung dieser Vorgänge. Sie klagen nicht an. Sie befragten Zeitzeugen, Diplomaten, Militärs, Politiker, Historiker, durchsuchten Archive und geben den Lesern ein vielstimmiges und materialreiches Bild der Ereignisse, sodass diese sich ein eigenes Urteil bilden können.
Es ist das politische Buch der Stunde und Grundlage jeder kommenden "Aufarbeitung" der Sonderrolle Deutschlands in der europäischen Ostpolitik.
Allerdings würde sich das deutsche "Versagen" relativieren, wenn man es im europäischen Rahmen sähe: Europa glaubte nach 1991, allein kraft ziviler Potenz zum globalen Akteur werden zu können -mit einer eigenen Währung ausgestattet, doch ohne gemeinsame Hard Power.
Nicht nur, aber zuallererst Deutschland hat an dieser europäischen Illusion stur festgehalten in einer Zeit, die sich längst gewandelt hatte. Gloger und Mascolo sind die souveränen Chronisten dieser Illusion, die am 24. Februar 2022 in Rauch aufging.


