Bildung als Provokation

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Alle reden von Bildung. Sie wurde zu einer säkularen Heilslehre für die Lösung aller Probleme – von der Bekämpfung der Armut bis zur Integration von Migranten, vom Klimawandel bis zum Kampf gegen den Terror. Während aber „Bildung“ als Schlagwort in unserer Gesellschaft omnipräsent geworden ist, ist der Gebildete, ja jeder ernsthafte Bildungsanspruch zur Provokation geworden. Die Gründe dafür nennt Konrad Paul Liessmann in seinem neuen Buch. Dafür begibt er sich sowohl in die Niederungen der Parteienlandschaft als auch in die Untiefen der sozialen Netzwerke, er denkt über den moralischen Diskurs des Zeitgeists nach und darüber, warum es so unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen.

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FALTER-Rezension

Mehr Mut (zur Muße) in der Bildung

Tests, Rankings, Tablets in der Volkschule – der Wiener Philosoph räumt mit den Schlagwörtern aktueller Bildungsdiskussionen auf und setzt provokant auf literarische Bildung. Bildung nicht als Wunderglaube, sozialer Kitt und Lösung aller Fragen, sondern als Beitrag zur Ausbildung eines „europäischen Bewusstseins“. Wie wäre es mit einem Kanon europäischer Literatur und weniger „Professionalisierung“ des Lehrberufes? Der Intellektuelle in dürftigen Zeiten fordert mehr Mut zur Muße und zur Politik in der Politik; kurz – sapere aude – Aufklärung!

Erich Klein in Falter 46/2017 vom 17.11.2017 (S. 9)


„Bildung ist das neue Opium des Volkes“

Bildung: Konrad Paul Liessman legt eine Brandrede gegen Kompetenzen und für klassische Bildung vor

Konrad Paul Liessmann ist zornig. Denn Bildung gilt, so der als bedächtig bekannte Philosoph und Hochschulprofessor, mittlerweile als universelles Problemlösungsversprechen, während der Gebildete nicht mehr erwünscht scheint. Die nächsten 80 Seiten braucht Liessmann, um die aus dieser Diagnose abgeleitete These zu begründen, dass der dem Gebildeten entwendete Bildungsbegriff dem Primat der Nützlichkeit, Anwendbarkeit und schnellen Verwertbarkeit untergeordnet und auf diese Weise filetiert wurde.
„Bildung als Provokation“ heißt das Buch, und es stellt in seinem ersten Teil tatsächlich selbst eine dar. Die weiteren beiden Teile zu Europa als schöner Kunst und den Niederungen der Politik lesen sich dagegen wie brave Fingerübungen eines routinierten Teilnehmers am öffentlichen Diskurs.
Also zurück zur Bildung, zurück zur Wurzel des Übels und dem Grund, dieses Buch zu lesen. Denn auch wenn man nicht all seinen Thesen zustimmt, stellt es ein notwendiges Gegengewicht zu einem Diskurs dar, der allzu oft vor Selbstgewissheit strotzt, und einer Praxis der immer schnelleren Reformen, deren Ergebnisse oft in keinem Verhältnis mehr zu den Investitionen stehen, die für sie getätigt wurden.

„Bildung, ernst gemeint, wäre heute eine Provokation“, lautet seine Hauptthese. Als ihren Gegner sieht er eine „grassierende Kompetenzorientierungskompetenz“, die auf formale Fähigkeiten und Nutzen abzielt statt auf Wissen, Einsichten und Haltungen. Eine Bildung, die ihren Namen verdiene, brauche hingegen kritische Reflexion, Begegnungen mit der eigenen Tradition und fremden Kulturen sowie eine geschärfte Urteilskraft.
Unter Zuhilfenahme des Rilke-Zitats „Du musst dein Leben ändern“ beschwört Liessmann die persönlichkeitsverändernde Kraft von echter Bildung, die seiner Meinung nach nur von echten Kunstwerken angestoßen werden kann, weswegen er sich auch als Anhänger des vielgeschmähten Kanons deklariert. Literatur als Vorwand zur Einübung von Kompetenzen zu benutzen, grenzt für ihn hingegen an Barbarei, die nur in geistige Verwahrlosung führen kann.
Für Liessmann hat Bildung (auch) mit Muße zu tun, ja sogar mit Einsamkeit. Sie entzieht sich dem Effizienzgebot, bedeutet das Absehen von unmittelbarer Anwendbarkeit und hat eine Individualisierung zum Ziel, die mit Arbeitsaufträgen, Erschließungs- und Kontrollfragen nicht zu erreichen ist. Wer nun schon wähnt, Liessmann bete Bildung an, dem fliegt nach dieser Einführung die These entgegen, dass im Gegenteil Bildung als Kompetenzgenerierungsmaschine den Charakter einer Religion angenommen habe, jedenfalls den „mächtigsten Religionsersatz in einer säkularisierten Gesellschaft“.

„Bildung ist das neue Opium des Volkes.“ Das neue „Bildungsglaubensbekenntnis“ besteht für Liessmann aus der Annahme, dass jedes Kind gleich, aber einzigartig sei, voll Talenten, die erst noch entdeckt werden müssten, dass es am besten wisse, was es lernen wolle, dass Inhalte und Frontalunterricht des Teufels sei, der Lehrer als Coach im Hintergrund autonomer Lernprozesse zu lauern, sich währenddessen aber in ständiger Selbstreflexion zu zerfleischen habe, worin Liessmann den pietistischen Grundzug des Kompetenzgedankens ausmacht.
Die Pilgerfahrt dieser Gläubigen geht natürlich nach Finnland. „Wie in der Religion der Erlöser nimmt in der säkularen Welt die Bildung die Schuld der Menschen auf sich. Alles, was Erwachsene tun – Vorurteile verbreiten, Intoleranz praktizieren, das Fremde ausgrenzen, Umwelt zerstören, Wirtschaftskrisen produzieren, Klima verändern, Kriege führen –, wird gut, wenn man mit dem Kampf gegen diese Übel nur früh genug anhebt.“ So verstanden, würde Bildung nicht nur individuelles Glück versprechen, sondern auch, die sozialen, politischen und ökologischen Probleme unserer Zeit zu lösen.
Statt ins Jenseits werden die Sehnsüchte in ein „Vorseits“ verlegt, konstatiert Liessmann, und nennt die Investitionen in das Bildungssystem eine „moderne Form des Ablasshandels“. Denn natürlich retten wir nicht selbst die Umwelt, aber wir bringen es unseren Kindern bei! Den Part der heiligen Wandlung nimmt dabei die Reform ein.

Natürlich sei das polemisch und überzogen, konzediert Liessmann, aber alle Übel der Welt und des menschlichen Charakters mit Bildung eliminieren zu können, sei eine naive Paradiesvorstellung. Im echten Leben mache sich diese im Gegenteil mit dem Neoliberalismus gemein, indem sie junge Menschen als Humankapital behandle. Auf der Strecke blieben nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer, gefangen in Feedbackschleifen, degradiert zu Sozialarbeitern, eingelullt von einer Pseudoverwissenschaftlichung der Pädagogik.
Es sei notwendig, innezuhalten und Fehlentwicklungen zu korrigieren, lautet sein Warnruf. Dazu liefert Liessmann selbst einen Beitrag, indem er einen bis zur Unkenntlichkeit verallgemeinerten Bildungsbegriff von Überfrachtungen, Ungereimtheiten und Paradoxien zu reinigen versucht.
„Es wäre fahrlässig zu glauben, dass Gesellschaften in den Zentren ihrer Reproduktion die Organisationen und Verfahren zur Verfügung stellen, um diese Gesellschaft radikal zu verändern. (…) Im digitalen Zeitalter bilden die Schulen in ihren Tablet-Klassen Kinder und Jugendliche nicht zu mündigen Bürgern, die den totalitären Versuchungen der Internet-Konzerne widerstehen könnten, sondern machen sie zu deren Agenten.“ Stattdessen schlägt er vor, Bildung wieder verstärkt inhaltlich und normativ zu definieren – und somit ihr Potenzial zu Veränderung freizusetzen.

Kirstin Breitenfellner in Falter 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552058248
Erscheinungsdatum 25.09.2017
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul

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