Die Grenze
Von der Durchlässigkeit eines trennenden Begriffs

von Francesco Magris

€ 18,50
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Übersetzung: Annette Kopetzki
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Ränder, Grenzen und die Infinitesimalrechnung

Essay: Francesco Magris lässt den Blick über Ränder und Grenzen schweifen – leider vom Elfenbeinturm aus

Wenn überall Grenzen dichtgemacht und Mauern hochgezogen werden, dann klingt ein Essay mit dem Titel „Die Grenze. Von der Durchlässigkeit eines trennenden Begriffs“ zunächst einmal nach dem richtigen Buch zur richtigen Zeit. Die Beschäftigung mit dem Thema dürfte dem in Frankreich lehrenden Wirtschaftswissenschaftler Francesco Magris, Jahrgang 1966, in die Wiege gelegt worden sein.

Sein Vater ist der Triester Germanist Claudio Magris, der mit seiner These vom „habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur“ und seiner literarischen Biografie eines grenzenlosen Donauraums („Donau. Biographie eines Flusses“, 1988) berühmt wurde.

Der italienische Originaltitel von Francesco Magris’ Buch lautet „Al margine“, also „Am Rand“, und er passt ungleich besser zum Text, der zunächst dem vieldeutigen Begriff „Rand“ in verschiedenen Kontexten nachspürt, von „randständigen“ Künstlern über die Infinitesimalrechnung bis zur Ethik. Warum sich der Autor in diesem Zusammenhang auch mit Begriffen wie „Handlungsspielraum“ oder „Zeitspanne“ auseinandersetzt, erschließt sich dem nicht des Italienischen kundigen Leser wohl weniger – italienische Begriffe wie „margine di manovra“ und „margine di tempo“ in Fußnote zu setzen hätte hier wohl nicht geschadet.

In sieben lose zusammenhängenden Kapiteln dekliniert Magris die Themen „Rand“ und „Grenze“ durch, was überaus aufschlussreich sein kann, etwa wenn es um die Ausführungen des Wirtschaftswissenschaftlers zur Grenznutzenschule geht. Diese führt den Wert von Waren auf individuelle Präferenzen zurück, reduziert das menschliche Handeln auf egoistische Motive und den Menschen auf den Konsumenten – die Folgen dieses Menschenbildes sind heute unübersehbar.

Auch seinen Umberto Eco und seinen Michail Bachtin hat Magris gelesen, er schlägt Brücken von der „Macht des Computernutzers, die ihn an der Herstellung von Informationen und der Entscheidung über ihre Verbreitung beteiligt“, zu Lawrence Sterns „Tristram Shandy“ (1759) und von dort zur Bildinterpretation eines Gemäldes von Velázquez.

Erschwert wird die Auseinandersetzung mit Magris’ mitunter etwas wolkigen Thesen durch seinen Hang zur Abstraktion. Fortschritt vergleicht er mit aus den Zentren „in alle Richtungen fallenden Sonnenstrahlen“, die „wohl oder übel auch die Peripherie erhellen“, Randgebiete verwickeln dafür gern „das Zentrum im Namen der Grenze in langwierige Kriege mit dem unvermeidlichen Blutzoll, doch deren Gründe werden von denen, die im Zentrum leben und die Realitäten an der Landesgrenze nicht kennen, kaum verstanden“.

Man stutzt: Werden Kriege nicht stets von Regierungen, also „Zentren“, erklärt? Und was sind die Gründe, die ausgerechnet diejenigen, die den Krieg erklärt haben, gar nicht verstehen? Konkrete Beispiele für seine Thesen bleibt Magris oft schuldig, und leicht verschwurbelte Banalitäten wie „Trotz ihrer Bedeutung als Rand, der sie tendenziell unbedeutend macht, hat die Grenze eine wichtige Rolle im Lauf der Geschichte gespielt“ helfen da auch nicht weiter.

Vom Krieg geht es zum weißen Rand der Buchseite, von dort zur etwas betulich vorgetragenen, wenn auch in der Sache nachvollziehbaren Klage, der zunehmend von sozialen Medien getragene öffentliche Diskurs verletze heute „immer häufiger die Gesetze der Gesprächskultur, die dem Barock lieb und teuer war, und missachtet die goldene Regel des gegenseitigen Zuhörens“. Und weiter geht’s zum mikroökonomischen Marginalprinzip.

Wer sich angesichts der Weltlage vor allem für die Folgen interessiert, die der überall zu beobachtende Aufstand der Marginalisierten auf unsere Gesellschaften hat, muss bis zum Schluss warten. Im Kapitel „Rand, Zentrum und Demokratie“, in dem viele Fäden zusammenlaufen, argumentiert Magris, dass Demokratie andere Spielregeln braucht als den „selbstbezüglichen Individualismus des homo oeconomicus“.

Er arbeitet heraus, warum sich die Grenznutzentheorie so gut als Interpretationsmodell für die Dynamiken totalitärer Regime eignet und warum die Akzeptanz von Rändern, also Minderheiten, für die Demokratie überlebensnotwendig ist. Diese theoretischen Überlegungen auf die aktuelle politische Landkarte Europas anzuwenden, wäre eine überaus spannende Übung – doch so weit wagt sich Francesco Magris nicht aus dem Elfenbeinturm heraus.

Georg Renöckl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 36)


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