Der Widersprecher. Biografie
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Vieles von dem, was Kraus schrieb, trifft unsere Zeit noch genauer als seine eigene.“ (Jonathan Franzen) Jens Malte Fischer holt Karl Kraus mit einer großen Biografie zurück in die Gegenwart. Ausgezeichnet mit dem Bayerischen Buchpreis 2020
Im Alter von 25 Jahren gründet er "Die Fackel", die er von 1911 bis 1936 alleine schreibt, die "Letzten Tage der Menschheit" werden zur radikalen Abrechnung mit dem Weltkrieg, die "Dritte Walpurgisnacht" nimmt es auf mit der Hitlerei. Karl Kraus: Das sei der größte und strengste Mann, der heute in Wien lebe, heißt es bei Elias Canetti. Kraus, geboren 1874 im böhmischen Jicin, gestorben 1936 in Wien: Für die einen war er Gott, für andere der leibhaftige Gottseibeiuns. Sein Name ist legendär geblieben, doch wofür er stand, das verblasst mehr und mehr. Jens Malte Fischer holt ihn jetzt mit einer großen Biografie in die Gegenwart. Persönlichkeit und Werk, Freund- und Feindschaften, Sprüche und Widersprüche zeigen einen der größten Schriftsteller in seiner Zeit und darüber hinaus.

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FALTER-Rezension

Wir leben im Corona-Krieg. Es herrscht Ausnahmezustand, und vor allem herrscht die Phrase. Die Medien sind voll mit Durchhalteparolen, Halbwahrheiten und Mutmaßungen. Verhaltenswörter wie „Soziale Distanz“ werden ausgegeben, als wäre nicht gerade das Wesen des Sozialen die Aufhebung von Distanz. Der Tod, der beste Freund des Menschen nach dem Hund, in unserem Alltag sonst peinlich verschwiegen, wird zur Killerapplikation in Statistiken und Politikerdeklarationen. Generalstäbe dienen dazu, Propagandaparolen zu formulieren. Politiker geben militärische Direktiven aus. Widerspruch scheint sinnlos.

„Der Widersprecher“ nennt Jens Malte Fischer seine große Karl-Kraus-Biografie. Widerspruch wogegen? Gegen die Lüge, wie sie sich in der Presse manifestiert. Gegen verlogene Sexualmoral. Gegen Korruption in einem umfassenden Sinn. Gegen eine falsche Modernität, gegen einen Fortschritt, der keine Verbesserungen bringt. Diesen seinen Widerspruch trug Karl Kraus in der von ihm 1899 gegründeten und vom Jahr 1911 bis zum Todesjahr 1936 allein geschriebenen Zeitschrift Die Fackel vor, aber auch in 700 Vorlesungen von eigenen Texten und von ihm wichtiger Literatur; in Dramen, vor allem dem berühmtesten, den „Letzten Tagen der Menschheit“, einem Werk, dessen Maß als Zeitdokument und zugleich als Kunstwerk kein anderes Drama erreicht; und als Lyriker, als der Kraus vollends unterschätzt, wenn überhaupt bemerkt wird.

Jens Malte Fischer, emeritierter Münchener Theaterwissenschaftler und Autor bedeutender Biografien von Richard Wagner und Gustav Mahler, legt nun eine große Kraus-Biografie vor, die den widersprüchlichen, berühmten und doch unbekannten Schriftsteller in allen Facetten beleuchtet, zugänglich und verständlich macht.

Die schneidende Stimme des Rezitators, der an einem Pult sitzend ganze Säle füllte – in Wien vor allem den Mozartsaal im Konzerthaus –, faszinierte Zeitgenossen aus Kunst, Literatur, Politik nicht nur in Wien, sondern im ganzen deutschen Sprachraum. Vom Komponisten Alban Berg zum Philosophen Theodor Adorno, vom Literaturnobelpreisträger Elias Canetti bis zum Maler Oskar Kokoschka, von Komponisten wie Ernst Krenek und Arnold Schönberg bis zu so unterschiedlichen Autoren wie Bertolt Brecht und Georg Trakl reichte dieser Eindruck. Französische Professoren der Sorbonne schlugen Kraus für den Nobelpreis vor, vergebens. In Österreich versuchte ihn die Presse, die er kritisierte, mit wenigen Ausnahmen totzuschweigen.

Diese Stimme charakterisierte alle Figuren eines Dramas. Sie war eines Pathos fähig, das ihr Sprecher aus seiner moralischen Unerbittlichkeit bezog, und sie zeigte, hier macht einer keine Späße, sondern bei allem scharfen Witz Ernst. So einen, der öffentlich zu Gericht saß, hatte man besser nicht zum Gegner. Er machte sich seine Gegner sowieso selbst, vorzugsweise aus ehemaligen Freunden. Natürlich wirft solche Rigorosität viele Schatten auf den Richter, auch die vielen Ungerechtigkeiten des großen Gerechten verschweigt sein Biograf Fischer nicht.

Dieser Karl Kraus ist 84 Jahre nach seinem Tod in gewisser Weise noch immer eine Peinlichkeit, eine Verlegenheit für seine österreichische Nachwelt, die ihn höchstens als Zitatensteinbruch benützt, oft als Witzbold missversteht und noch immer gern falsch zitiert. Selbst eine aktuelle seriöse Rezension der neuen Biografie in der Süddeutschen Zeitung zitiert ihn falsch. „Heraus aus Wien“, hat er dem erpresserischen Zeitungszar nicht zugerufen, sondern rief ja von innen, mitten aus Wien: „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“

Das war übrigens die Antwort auf einen Kritiker, den Literaten Anton Kuh, der höhnisch einen komplizierten Satz von Kraus zitiert und gefragt hatte: „Wos will er?“ „Hinaus mit dem Schuft aus Wien! Dos will er“ war die ebenso öffentliche Antwort. Mit dem Schuft war Imre Békessy gemeint, der erpresserische Zeitungszar, der in seiner Zeitung Die Stunde Leute wie Kuh und auch Billy Wilder beschäftigte und der lange Zeit mit der Sozialdemokratie auf bestem Fuß stand, weil er eine moderne, „progressive“ Lebensweise propagierte. Anhänger von Kraus und Kuh lieferten einander physische Auseinandersetzungen vom Schreiduell bis zur Rauferei; auch die neue Musik kannte damals Watschenexzesse bei Schönberg-Uraufführungen. Die Wiener Moderne war leidenschaftlich, auch wenn es falsch wäre, ihr Kraus umstandslos zuzurechnen.

Der Schriftsteller Karl Kraus war ein Revolutionär und ein Konservativer, gehört aber nicht zur Konservativen Revolution, wie jene fatale politische Richtung hieß, die nach dem Ersten Weltkrieg mit zum Faschismus führte. Den konservativen Ideen Hugo von Hofmannsthals und anderer, die so etwas wie den mariatheresianischen Menschen wiedererschaffen wollten, stand Kraus verständnislos gegenüber, ja, mit seinem Pazifismus und seiner Fortschrittsskepsis war er vielmehr „der Typus des Reaktionärs, den die Konservative Revolution“ (Fischer) bekämpfte.

Was ihn weiters von den Neokons der 1920er-Jahre unterschied, war die Ablehnung von Wirkung. Die Konservativen wollten eine deutsche Nation formen – Hofmannsthal eine österreichische als die bessere deutsche –, doch so etwas war Kraus fremd. Er lehnte es ab, Einfluss auszuüben. Seine Pressekritik zielte nicht auf eine bessere Presse ab, sondern auf die Destruktion der bestehenden. Er identifizierte sie als zerstörerische Macht, gerade weil ihre besten Exemplare, wie die Neue Freie Presse, Kraus’ bête noire, teilweise hohes Niveau und fortschrittliche Momente aufwiesen. Die Neue Freie Presse druckte zum Beispiel Arthur Schnitzlers Novelle „Leutnant Gustl“ ab, worauf die k.u.k. Armee den Autor, Oberarzt und Leutnant der Reserve Schnitzler degradierte.

Fischer zeigt schön, warum Kraus sich gerade das Beste unter den Blättern als Gegner vornahm. Weil es nämlich seine Korruption am besten verbarg. Berühmt ist sein Satz: „Es gibt zwei schöne Dinge auf der Welt: Der Neuen Freien Presse angehören oder sie verachten. Ich habe nicht einen Augenblick geschwankt, wie ich zu wählen hätte.“ Zuvor hatte er ein paar Kritiken für diese Zeitung geschrieben, und sie bot ihm spät, aber doch eine Stelle als Feuilletonredakteur an. Kraus lehnte ab, ein Jahr nach diesem Angebot erschien die erste Fackel.

Das technisierte Massenmorden des Ersten Weltkriegs bestätigte Kraus in seiner Fortschrittsskepsis. Moriz Benedikt, Herausgeber, Miteigentümer und Leitartikler der Neuen Freie Presse, erwies sich als Kriegstreiber und Kriegsgewinnler. Der Pazifist Kraus beurteilte alle Schriftsteller danach, ob sie sich der allgemeinen Kriegsbegeisterung entzogen. Wenige bestanden den Test; der Rest hatte hinfort Kraus als unerbittlichen Gegner.

Seine „Sehnsucht nach aristokratischem Umgang“ – überaus kompliziert erfüllt in seiner Liebe zur böhmischen Adeligen Sidonie Nádherný – war für Kraus prägend, ehe ihm der Erste Weltkrieg Dynastien und feudale Willkür einigermaßen vergällte, sodass er sich zur Republik und zur Sozialdemokratie wendete; deren tragische politische Unfähigkeit und Ambivalenzen führten dann dazu, dass er, der als einer der Ersten die alles überragende Gefahr des Nationalsozialismus erkannte, sich auf die Seite der Austrofaschisten schlug, die ihm als einziger Schutz vor Hitler erschienen. Eine Entscheidung, die – bis auf wenige – sämtliche Freunde und viele Anhänger in ganz Europa irritierte und dazu brachte, sich von ihm abzuwenden.

Schon vor dem ersten Krieg definierte sich Kraus als Mann des Ancien Régime: „Ich will ja nicht in Abrede stellen, dass ich, dessen politische Anschauungen, wenn ich überhaupt welche habe, hinter der französischen Revolution stehengeblieben sind, Grafen, Offiziere und Prälaten im Prinzip für bessere Verbündete der menschlichen Gesittung halte, als Spekulanten, Psychologen und Originalberichterstatter.“ Jens Malte Fischers Buch hilft, all das zu verstehen. Es erklärt die Winkelzüge im Leben des Mannes wie auch seinen Konservativismus, der aus einer tiefen Fortschrittsskepsis rührt. Der Fortschritt, das waren für Kraus Kommerz und Technik, das Gegenbild dazu die Natur und der Ursprung, die sich im gelingenden Wort versöhnen, wie sie im missratenen Wort auseinanderfallen und das Glück verraten.

Allein in diesen Sätzen zeigen sich die zahlreichen Widersprüche von Kraus. War er nicht der Sohn eines in der Hauptstadt Wien ankommenden, kommerziell erfolgreichen galizisch-jüdischen Papierfabrikanten, der von seinem Erbe bis fast zuletzt leben konnte? War es sein Judentum, das er so sehr ablehnte, dass er zum Katholizismus konvertierte (aber bald darauf austrat), das ihn nicht zurückhielt, in seine Kritik an den Schiebern und Geschäftemachern des Ersten Weltkriegs antisemitische Töne zu mischen? Und war der größte Kritiker des Journalismus nicht selbst Journalist, der seine Kritik in einer Zeitschrift ausbreitete?

Jens Malte Fischer zeigt anschaulich, wie all das zusammengeht. Seine Biografie ist materialreich und pädagogisch klug aufgebaut. Sie zeichnet Kraus’ Werdegang vom mit Hofmannsthal befreundeten Gymnasiasten über den Jungliteraten, der seinen Platz in den literarischen Cafés mit einer Satire aufs Spiel setzte („Mit dem kleinen Kraus verkehre man nicht mehr“, notierte Arthur Schnitzler in einem Tagebuch).

Sie zeigt seinen Kampf gegen die Sexualmoral der Zeit, die zwischen bürgerlicher Verlogenheit und problematischer Pädophilie der Freunde Adolf Loos und Peter Altenberg changiert. Sie zeigt seine Beziehung zu Frauen, die sich von einer Auffassung der Frau als geschlechtlich dem Mann überlegenes, aber intellektuell unterlegenes Wesen zu emanzipierteren Auffassungen wandelt. Sie zeigt den Aufdecker korrupter Affären, den Kriegsgegner und Autor des gewaltigen Dramas „Die letzten Tage der Menschheit“, den in eine tragische Beziehung mit Sozialdemokraten und Austrofaschisten Verstrickten, der sich für die Zweiteren entschied, als ihn die Ersteren noch für ihren Freund hielten. Als einer der Ersten erkannte Kraus die Dimension der Nazi-Verbrechen, vor denen, wie er meinte, die Satire kapitulieren müsse, weil sie hier nichts ausrichten könne.

Die Hinwendung des späten Kraus zum austrofaschistischen Diktator Engelbert Dollfuß ist tragisch, ein tragischer Irrtum, aber unausweichlich, ebenso tragisch und unausweichlich wie die Irrtümer der sozialdemokratischen Führung und natürlich jene der antidemokratischen Dollfuß-Partei.

Anders als die monumentale, spät übersetzte zweibändige Biografie von Edward Timms wendet sich Fischer an ein breiteres Publikum. Er erklärt die politischen und intellektuellen Hintergründe, nennt die Feinde und die Freunde, die Frauen und die Begleiter, die Sympathisanten und Sykophanten. Stilistische Brillanz ist nicht Fischers Sache, aber bei diesem Gegenstand ist Zurückhaltung angebracht. Die Detailversessenheit mancher Schilderungen, etwa der Wohnung von Kraus, der Tische im Kaffeehaus oder der Sitzpläne bei Theateraufführungen empfindet man als Bereicherung, nicht als überflüssig. Ein Vorteil des Buchs ist, dass man an verschiedenen Stellen ein- und aussteigen kann, manche Wiederholungen sind der Preis. Dass Fischer die Ehrenrettung des Lyrikers Karl Kraus unternimmt, sei ihm besonders hoch angerechnet.

Die Kritik an der Phrase und den Praktiken der Presse und des Journalismus betrieb Kraus mit einer Konsequenz, die nicht nur unnachahmlich ist, sondern auch nicht nachgeahmt werden kann oder soll. Maß nehmen aber darf man an ihr durchaus. Der amerikanische Romancier Jonathan Franzen hat versucht, mit seinem „Kraus-Project“ den Autor in die Gegenwart zu retten. Auf der Rückseite von Fischers Buch steht der Satz von Franzen: „Vieles von dem, was Kraus schrieb, trifft unsere Zeit noch genauer als seine eigene.“ Das Buch bringt eine Rezeptionsgeschichte des Werks von Kraus bis zu Franzen. Aber Fischer enthält sich jeder Aktualisierung.

In einem Interview meinte er hingegen, Kraus wäre heute vermutlich ein Blogger; ähnlich äußerte sich auch der Internet-Skeptiker Franzen. „Seine Texte waren wie Blogger-Texte: eigene Sätze und Zitate, es fehlen nur die Hyperlinks. Er würde vermutlich 26 Stunden am Tag das Netz nach Material durchsuchen“, sagte Franzen in einem Gespräch über Kraus. Es ist wahr: Karl Kraus entwickelte die Methode, Zitate aus Zeitungen so zu montieren, dass sie für sich selbst sprachen. Von den „Letzten Tagen“ sagte er, die grellsten Erfindungen seien Zitate.

Der Figur des einsamen Bloggers entspricht Kraus dennoch nicht (es sei denn, man denke an eines der Pseudo-Blogs, hinter denen sich in Wahrheit Redaktionsbetrieb verbirgt). Es ging ihm um Sprachkritik, darum, zu zeigen, wie Sprache die Perversion der Wirklichkeit vorwegnahm, wie pervertierte Sprache eine solche Wirklichkeit erst möglich machte. Die Objekte seiner Satire sind vergessen, das Ziel der Satire bleibt: wenn nicht die Wiederherstellung eines reinen, vom Kommerz unbefleckten Zustands, dann doch die Erinnerung, dass es so etwas einmal gegeben haben muss. Ursprung und Nachwelt, das sind die Orte, an denen es sich zu leben lohnt. Dem zielgerichteten, planungsbewussten, seines sozialen Orts gewissen Karriereleben zieht Kraus jederzeit das Dahinleben an der Seite einer schönen Frau vor: „Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten“, lautet einer seiner Aphorismen.

Den Mechanismen der Social Media hätte sich Kraus nicht ausgesetzt. Die Preisgabe persönlicher Daten, die algorithmisch getaktete Steigerung der Aufmerksamkeit, die daraus resultierende Zuspitzungssucht und zugleich Abstumpfung hätte er nicht nur nicht hingenommen, er hätte Wege gefunden, sie zu unterlaufen, offenzulegen und zu kritisieren. Kaum anzunehmen, dass er, der unerbittliche Kritiker heimlicher Geschäftemacherei, nicht erkannt hätte, dass in den digitalen Medien alles auf Geschäft angelegt ist und wie sehr das auch die Darstellungsformen dessen prägt, was man so leichthin Kommunikation nennt.

Die Beziehung zu seinem Publikum mag oberflächlich betrachtet aussehen wie die eines publikationssüchtigen Influencers, aber sie war doch ganz anders. Er faszinierte sein Publikum, aber wohl nicht, weil er es beeinflussen, sondern vielmehr, weil er es nicht beeinflussen wollte. Er hielt das Publikum auf Distanz und strich notfalls Abonnenten die Bezugsmöglichkeit der Fackel, wenn sie ihm auf die Nerven gingen.

Jeglichem Sofortismus war schon durch die Langsamkeit des Mediums Druck ein Riegel vorgeschoben, und Kraus tat alles, um die immanenten Mechanismen der Schwarzen Magie, des Druckgewerbes, außer Kraft zu setzen, den Zeitdruck und den Kommerzdruck. Er hatte Mitarbeiter, die ihm freiwillig, manchmal auch bezahlt, halfen, das überreiche Material zu ordnen und zu sichten und wandte beim Druck selbst eine ans Verrückte grenzende Sorgfalt auf.

Kraus wohnte in der Lothringerstraße 6 im ersten Bezirk, vis-à-vis dem heutigen Hotel Intercontinental. Die Wohnung diente Kraus als Arbeitsstätte. Er arbeitete stets nachts, das war seine „verkehrte Lebensweise“. Stundenlang konnte er über der Setzung eines Beistrichs brüten oder ganze Texte in seiner fast unleserlichen Handschrift redigieren, ergänzen, ja umschreiben. Sein Büro war nicht groß, eine Zweieinhalbzimmerwohnung, aber dem alleinigen Zweck der Arbeit untergeordnet. Um acht kam der Bürobote, brachte die neuen Korrekturbögen aus der Druckerei und warf sie in den großen Briefkasten. Kraus hatte sich da schon schlafen gelegt. Seinen Drucker Georg Jahoda, der mit und für Kraus alles unternahm, um Druckfehler zu verhindern, und seinen Setzer betrachtete er als wichtige Mitarbeiter an der Fackel.

Immer ging es um die Gestaltung und die Gestalt von Sprache. Ein Zitat, das Kraus vom später in den USA berühmt gewordenen Germanisten Erich Heller erfuhr – dieser wiederum hatte es von Konfuzius –, fasst zusammen, worum es ihm bei all dem ging: „Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, weiß die Nation nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man nicht, dass in den Worten etwas in Unordnung sei. Das ist es, worauf alles ankommt.“

Armin Thurnher in Falter 17/2020 vom 24.04.2020 (S. 28)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552059528
Erscheinungsdatum 09.03.2020
Umfang 1104 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
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