Sibiriens vergessene Klaviere

Auf der Suche nach der Geschichte, die sie erzählen
€ 26.8
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

„Eine außerordentliche Reise durch Musik, Exil und Landschaft.“ (Edmund de Waal) – Sophy Roberts‘ außergewöhnliche Spurensuche in die Vergangenheit und Gegenwart Sibiriens
Sibirien, das ist unerbittliche Kälte und enorme Weite. Sibirien, dieses Gefängnis ohne Dach, ist aber ebenso von verblüffender Schönheit. Welch bedeutende Rolle ausgerechnet hier Klaviere als Symbol europäischer Kultur spielen, zeigt die Britin Sophy Roberts auf ihrer extravaganten Spurensuche. Dabei gelingt es ihr nicht nur, zahlreiche einst berühmte Instrumente zwischen dem Ural und der Insel Sachalin ausfindig zu machen, sondern auch ihre Geschichten zu rekonstruieren: von der Pianomanie der Zarenzeit bis zur Leidenschaft des Lotsen der Aeroflot, von der sowjetischen Manufaktur „Roter Oktober“ bis zur jungen mongolischen Pianistin Odgorel, die in ihrer Jurte Bach spielt. Sophy Roberts‘ Erkundungen führen tief in das Herz der Geschichte und erzählen uns nicht weniger von der Gegenwart.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Die klingende Seele eines kalten Landes

Als sie den Beruf Reisejournalistin wählte, wollte Sophy Roberts Geschichten über Leute und Länder erzählen. Stattdessen wurde sie eine Reporterin, die nur aus einem Grund über Kontinente hüpfte: um von einer Luxushoteleröffnung zur nächsten zu gelangen. Nach ein paar Jahren bekam sie den Blues. Ihr Gegenmittel: Sie erstellte eine Liste von Orten, die sie wirklich bereisen wollte – abgelegene Gegenden, die ihre Kollegen von anderen bunten Magazinen nie anvisieren würden. Eines dieser Länder war die Mongolei, wo sie die junge Pianistin Odgerel Sampilnorov kennenlernte. Hier beginnt die verschlungene Geschichte, die schließlich zu Roberts’ außergewöhnlichem Debüt „Sibiriens vergessene Klaviere“ führte. Es ist Sachbuch und Erzählung in einem, eine große Reportage über Sibirien und seine wechselvolle Geschichte, eine Liebeserklärung an die Kraft der Musik und nicht zuletzt eine detektivische Suche nach alten Klavieren.

Die britische Journalistin machte sich zunächst auf den Weg, um ein geeignetes Instrument für ihre mongolische Freundin mit sibirischen Vorfahren zu finden. Damit begann eine große Obsession und eine jahrelange Reisetätigkeit, die Roberts zusammen mit ihrer Dolmetscherin Elena Wojtenko und dem Fotografen Michael Turek immer wieder nach Sibirien führten. Sie reiste per Flugzeug, Eisenbahn, Hubschrauber, Schneemobil, Rentier, Amphibienfahrzeug, Schiff, Tragflügelboot und Taxi.

So gelangte sie bis in die abgelegensten Winkel des riesigen Gebiets, das drei Viertel Russlands einnimmt. Oft ließ sie den Zufall die Route bestimmen und sich von spontanen Hinweisen leiten. Sie verliebte sich in das kalte, unwirtliche Land, über das Tschechow schrieb: „Ich fahre, fahre und ein Ende ist nicht abzusehen. Interessantes und Neues sehe ich wenig, dafür fühle und erlebe ich viel. Das sind Empfindungen, die man in Moskau nicht für eine Million erfahren kann.“ Die Suche nach dem einen Klavier wurde bald zur Nebensache.

„Sibirien ist viel bedeutsamer, als bloß eine Region auf der Landkarte zu sein“, schwärmt Roberts. „Es ist ein Gefühl, das haften bleibt wie eine Klette, eine Temperatur, das Geräusch schläfriger Flocken, die auf schneeige Kissen sinken, und das Knirschen von hinten kommender unregelmäßiger Schritte. Sibirien ist ein Problem der Garderobe – zu kalt im Winter, zu heiß im Sommer […]. Man kann Sibirien in den großen, weichen Akkorden der russischen Musik hören, die das Schweigen des Waldes heraufbeschwören und die Schneewogen des Winters.“ Heute ist der Norden Russlands aufgrund des Reichtums an Öl- und Gasreserven wirtschaftlich bedeutend – und vom Klimawandel hart getroffen. Doch Roberts ist mehr an der Vergangenheit interessiert.

Sie zeichnet nach, wie Katharina die Große und die Zarin Elisabeth im 18. Jahrhundert das Klavier und die westliche Musikkultur nach Russland brachten. Später wurde das Klavier zum Statussymbol und mit Musikern wie Liszt, der wie ein Rockstar durch Russland tourte, kam auch die europäische Klavierbaukunst nach Russland. Von dort zogen die Klänge weiter bis nach Sibirien. Heute noch finden sich über Sibirien verstreut Klaviere, die Zeugnis von der Pianomanie des 19. Jahrhunderts ablegen.

Musikverrückte und Abenteurer brachten diese Instrumente auf Schlitten oder andere abenteuerliche Arten in Städte wie Irkutsk (das „Paris Sibiriens“), Nowosibirsk (das „Chicago der Sowjetunion“) oder Kjachta. Heute ein heruntergekommener Ort, war Kjachta früher eine bedeutende Teehändlerstadt, die Marx und Engels gar als ein Zentrum des Welthandels beschrieben. Manche Klaviere wurden während des Bürgerkriegs oder des Zweiten Weltkriegs zu Brennholz gemacht. Andere haben 100 Jahre und mehr überdauert und Kälte und Klima getrotzt. Katharinas Zumpe-Tafelklavier von 1774 etwa überlebte im 20. Jahrhundert einen kriegsbedingten Aufenthalt in Sibirien. Roberts fand einige dieser Instrumente in Gemeindezentren, Hinterzimmern von Konzertsälen, Wohnungen alleinstehender älterer Damen und in Kellerwerkstätten von Klavierstimmern. Manche davon waren erstaunlich gut erhalten.

Die Geschichten hinter anderen Pianos blieben im Dunkel, manche Wege und Eigentümerwechsel aber konnte Roberts erhellen. Bei einer dieser Spurensuchen stieß sie auf eine blinde Frau, die ihr geliebtes Klavier nach dem Zerfall der Sowjetunion für einen Pappenstiel verkaufen musste. Mittlerweile ist sie mit den neuen Eigentümern befreundet und kann sich wieder am Klang ihres alten Instruments erfreuen.

Großartig ist die Geschichte von Maria Wolkonski. Sie folgte ihrem Mann Sergej – einem der rebellischen Offiziere aus dem Kreis der Dekabristen, die 1825 erstmals gegen den Zaren aufbegehrten – freiwillig in die Verbannung und brachte ein Klavier mit. Nicht zuletzt durch die Musik schafften sie und ihr Mann es, die schwierigen Lebensumstände in den ersten Jahren in Sibirien zu überstehen. Andere Erzählungen sind schmerzhaft und tragisch. Ein düsteres Kapitel in der Geschichte Russlands ist die Ermordung von Zar Nikolaus II. und seiner Familie. Sie wurden 1918 monatelang im Ipatjew-Haus in Jekaterinburg festgehalten und in der Nacht auf 17. Juli erschossen. Roberts suchte nach dem Klavier des letzten Zaren. Sie fand eine nach wie vor offene Wunde in der russischen Seele.

„Sibiriens vergessene Klaviere“ ist ein so vielseitiges wie fesselndes Buch, dessen verschlungenen Wegen man nur zu gern folgt. Ganz am Ende schließt sich der Kreis und die Recherche gelangt zum Ausgangspunkt zurück. Wird Sophy Roberts das perfekte Piano für die junge Pianistin Odgerel Sampilnorov aufspüren?

Sebastian Fasthuber in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 40)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552072053
Erscheinungsdatum 21.09.2020
Umfang 400 Seiten
Genre Geschichte/Kulturgeschichte
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
Übersetzung Brigitte Hilzensauer
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Jens Arndt
€ 26,80
Förderverein Weltkulturerbe Hellerau e.V.
€ 49,40
Johannes Bosch, Jakob Fesenbeckh, Katja Patzel-Mattern
€ 20,50
Marcus Hernig
€ 24,70
Städtische Sammlungen Kamenz
€ 5,20
Johannes Bornmann
€ 67,90
Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Friedegund Freitag
€ 36,00
Hans-Jörg Czech, Stiftung Historische Museen Hamburg, Bettina Probst, Mu...
€ 49,40