Sachbuch-BESTENLISTE Juli 2021

Alle Lust will Ewigkeit

Mitternächtliche Versuchungen
€ 26.8
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Liessmann denkt, und er denkt laut; und es gibt in unserer Republik niemanden, dem ich lieber zuhöre.“ (Michael Köhlmeier) In seinem neuen Buch holt der Philosoph zwölf zentrale Fragen aus Nietzsches ‚Zarathustra‘ in die Gegenwart.
Die zentralen Fragen des menschlichen Lebens innerhalb der zwölf mitternächtlichen Glockenschläge: Nietzsches „O Mensch! Gib Acht!“ nähert sich in nachtschwarzen Gedanken den Abgründen des Menschseins, den unbewussten Tiefen unserer Gefühle und Affekte und dem bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Spannungsfeld von Schmerz und Lust, von Leben und Tod.
Welch zentrale Dimension für unser politisches und kulturelles Selbstverständnis dieser geheimnisvolle Text darstellt, zeigt Konrad Paul Liessmann, indem er Nietzsches Denkbewegungen und Sprachfiguren auf überraschende, auf provozierende Weise in unsere Gegenwart und in unser Leben weiterführt – von der Mitternacht bis zur Ewigkeit.

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FALTER-Rezension

Ein Philosoph, der tanzen kann

Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen.“ So blickt Nietzsche in „Ecce Homo“ auf sein Hauptwerk zurück. Einem Höhepunkt dieser „philosophischen Selbstvergewisserung“ widmete Konrad Paul Liessmann die letzte Vorlesungsreihe vor seiner Emeritierung im Sommersemester 2018. Nun erscheinen diese Überlegungen als Buch, modifiziert unter Berücksichtigung jüngster Veröffentlichungen und gesellschaftlicher Entwicklungen. Beibehalten ist die zutiefst musikalische Form der Herangehensweise an den berühmten Zwölfzeiler, der unter so unterschiedlichen Titeln wie „Tanz-“ oder „Nachtwandlerlied“, „Mitternachts-“ und „Trunkenes Lied figuriert und vertont wurde: „O Mensch! Gieb Acht!“ …

Liessmann macht aus jeder der zwölf Glockenschlägen gleichenden Gedichtzeilen jeweils ein Kapitel. In rhythmischen Bewegungen werden Motive wiederholt und fortgeführt, die Tempi und Tonlagen variiert und in andere Themenkreise transponiert – eine Musikalität, die Nietzsche‘s Text gerecht wird. „Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.“ Und so spielerisch mutet es auch an, wenn hier leichtfüßig durch Disziplinen und Traditionen getanzt wird und sich der Ton vom philosophiehistorischen Exkurs – etwa einer vom elften Glockenschlag ausgehenden Figurologie des Dämonen von Sokrates über Descartes bis Laplace – hin zu ironischen Aphorismen wandelt. Das reicht von Nietzsches brachial begründetem „negativen Gottesbeweis“ – Gäbe es Gott, wäre ich ein solcher; nachdem ich es aber nicht bin, gibt es eben keinen – bis zu jenem Moment, in dem der Philosoph vor seinem eigenen Gedanken der ewigen Wiederkehr zurückschreckt – er müsste ja dann mit der gleichen Mutter und Schwester immer von Neuem wieder zusammenleben!

Ernster wird dieses zentrale Thema im Zusammenhang mit der Ablehnung der Kantischen Ethik. Den kategorischen Imperativ – die Richtlinien meines Handelns sollen jederzeit und überall für alle gelten können – tut Nietzsche so nachlässig wie großzügig ab. Er missversteht ihn als die uralte „goldene Regel“ des „Was du nicht willst, dass man dir tu ...“ und setzt ihm ein ganz anderes Kriterium zur Gewissensüberprüfung entgegen. Vom Gedankenexperiment ausgehend, dass wir unser Leben immer aufs Neue durchlaufen müssen, stellt sich die Frage: Könnten wir es rechtfertigen, uns noch ein oder etliche Male so zu verhalten, wie wir es in der Vergangenheit getan haben?

Ohne forciert zu klingen, fließen auch Bemerkungen ein, in denen Liessmann seine (zum Teil bekannten) Positionen zur Bildungspolitik und Medienwirklichkeit formuliert. Den größten Gewinn liefern die Ausführungen dort, wo die Musik selbst zum Thema wird. Dabei nehmen die Auseinandersetzungen mit Richard Wagner großen Raum ein: Zarathustra, Jesus, Dionysos und Parsifal werden leichter Hand zusammengeführt, die „höchste Lust“ in Isoldes Liebestod der Anrufung der „tiefen, tiefen Ewigkeit“ in der Schlusszeile des Gedichts gegenüber gestellt.

In Exkursen und einem eigenen Nachwort bespricht Liessmann die mannigfaltigen musikalischen Umsetzungen, wobei das breite Spektrum von den bekanntesten wie der Tondichtung von Richard Strauss und der 3. Symphonie Gustav Mahlers über die (fast) vergessenen Erich Zeisls und Julius Röntgens bis zu ganz aktuellen Vertonungen reicht.

Besonders dankbar ist man da für den Hinweis auf Pascal Dusapin. Dessen „O Mensch!“-Zyklus existiert in einer großartigen Aufnahme mit Georg Nigl auf CD (und ist auch im Netz nachzuhören). Vielleicht findet sich unter den begeisterten Leserinnen und Lesern des inspirierenden Buches ein Musikproduzent, der sich bereitfindet, „Das trunkene Lied“ (1904) des höchst bemerkenswerten Komponisten Oskar Fried (1871 – 1941) einzuspielen.

Thomas Leitner in Falter 20/2021 vom 21.05.2021 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552072077
Erscheinungsdatum 19.04.2021
Umfang 320 Seiten
Genre Philosophie
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
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