
Es war einmal Jugoslawien
Verena Moritz in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 11)
ieser Roman ist besonders. Dass an seinem Ende ein Hinweis auf Laurence Sternes Werk „Tristram Shandy“ steht, vermag nach der Lektüre womöglich einen Aha-Effekt auszulösen. Immerhin steht Sternes Opus aus dem 18. Jahrhundert für eine Revolutionierung der Erzähltechnik, führt die Fabulierlust des Autors doch in alle möglichen Richtungen, wobei die angekündigte Lebensgeschichte des Tristram Shandy völlig ins Hintertreffen gerät.
Slobodan Šnajder hat mit seinem neuesten Opus „Engel des Verschwindens“ allerdings keinen zeitgenössischen „Tristram Shandy“ geschrieben und sein Thema auch nicht aus den Augen verloren. Der 1948 in Zagreb geborene Publizist und ehemalige Theaterintendant hat allerdings bei der Ausgestaltung seines historischen Romans reichlich Gebrauch von allen möglichen „Seitenblicken“ gemacht. Parallel dazu wird die Geschichte Jugoslawiens mit Leichtigkeit mitverpackt, von der es einmal heißt: „Unsere Geschichte ist eine Farce.“
Im Fokus aber bleibt die Geburtsstadt des Autors. Zeitlich beschränkt sich Šnajder indessen nicht nur auf das 20. Jahrhundert. Auch frühere Epochen werden mit Hilfe verschiedener sogenannter „Visionen“ aufgesucht. Gleich zu Beginn landet die Leserschaft im Jahr 1563, als die Pest in Zagreb wütete.
Eine erstaunliche Anzahl an Figuren tritt von da an auf – fiktive wie reale, darunter Staatschef Josip Broz Tito. Bei den meisten aber handelt es sich um die Bewohnerinnen und Bewohner eines 1911 erbauten Mietshauses, das – ein gelungener Kunstgriff – als Icherzähler durch das Buch führt.
Das zweistöckige Gebäude, das selbst die Träume seiner Mieter kennt (und mitunter auch von ihnen berichtet), beherbergt Täter und Opfer, Faschisten und Partisanen, Kroaten, Serben und ein jüdisches Kind, das ermordet wird: „1941 wurde das Blut gesäubert, 1945 wurde wegen Überzeugungen gesäubert.“
Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs ringen Šnajders Protagonisten um ihren Platz im Leben. Moralische Kategorien sind irrelevant, das Morden geschieht beiläufig. In kurzen, kraftvollen Sätzen greift Šnajder scheinbar Banales auf, um daraus Tiefgründiges abzuleiten. Die Bildhaftigkeit der Sprache, die Fülle an Assoziationen und zahlreiche Zeitsprünge erfordern Konzentration.
Angesichts des mit Gewalt und Absurditäten gespickten Reigens menschlicher Schicksale wird es mitunter unübersichtlich, was freilich auch auf die realen Geschehnisse zutrifft, die dem Roman zugrunde gelegt sind. Šnajder liefert sozusagen die erzählerische Entsprechung zum Chaos der Geschichte. Zum Glück bleibt die schöne Anđa Berilo, die sich den Partisanen anschließt, ständige Begleiterin bei der Lektüre. Bis zum Kriegsende 1945, aber auch noch Jahrzehnte später wird sie Zeugin von Gräueln, über die viele lieber nicht sprechen.
Anđa ist eine Liebende. Manche ihrer Zeitgenossen unterschätzen das aus einfachen Verhältnissen stammende, zerbrechlich wirkende Geschöpf, das Klugheit und Naivität gleichermaßen auszeichnet. Ein Nachbar, ein Gelehrter, führt das Dienstmädchen in die Philosophie ein. Anđa erweist sich als gelehrige und wissbegierige Schülerin. Aus Platons berühmtem Höhlengleichnis schließt sie, dass die Mehrheit der Menschen in der und mit der Lüge lebt und sich dieser nicht nur widerstandlos, sondern sogar mit Vergnügen hingibt.
Die Religion mit ihren Versprechungen sorgt für wiederkehrenden Gesprächsstoff. Glauben würde auch Anđa gerne – an den Fortschritt zum Beispiel, an ein „Zeitalter der Erneuerung“. Aber ihr Glaube ist nicht stark genug. „Viele Dinge zu wissen, bedeutet noch nicht, sie zu verstehen“, heißt es an einer Stelle.
Weil die Genossin die Politik des kommunistischen Jugoslawien nicht ohne weiteres gutzuheißen vermag, wird Anđa „umerzogen“. Dass sie sogar Tito während ihrer Zeit als Partisanin für kurze Zeit versteckt hielt, bewahrt sie nicht vor Gefängnis und anschließender geheimpolizeilicher Überwachung. Ihrer Enttäuschung über gebrochene Versprechen und eine „verratene Revolution“ verleiht sie in einem Brief an Tito Ausdruck.
„Engel des Verschwindens“ ist ein Buch gegen das Nicht-Wissen oder Nicht-wissen-Wollen. Immer wieder hat Šnajder sich in seinen Werken mit einer von Gewalt geprägten Vergangenheit beschäftigt, in der ein Ismus den anderen ablöste. Immer wieder spricht er an, was eine von nationalistischen Motiven geleitete Geschichtsbetrachtung verdrängen will. Seit dem 1982 uraufgeführten Drama „Der kroatische Faust“ dekonstruiert er ein dualistisches Geschichtsbild, das sich bei der Bewertung der Ereignisse zwischen 1941 und 1945 auf klare Zuordnungen festlegte: einheimische Verräter und ausländische Besatzer einerseits und heldenhafte Befreier andererseits. Sein nunmehr in einer deutschen Übersetzung vorliegender jüngster Roman (orig.: „Andeo Nestajanja“) arbeitet sich ebenfalls an jenen Schieflagen ab, die ein von Konjunkturen geleitetes historisches Gedächtnis produziert(e).
Dass eine nationalistisch grundierte Geschichtspolitik gefährliche Identifikationsangebote macht, lässt sich aktuell vielerorts beobachten. Šnajders grandios-vielschichtiger Roman verdeutlicht die Verführbarkeit der Menschen. Die Erkenntnis, betrogen worden zu sein, kommt oft spät oder zu spät. Der „Heldin“ in „Engel des Verschwindens“ bleibt am Ende vor allem eines: die Trauer. Šnajder hat indessen das „Verschwinden der Freiheit“ als zwangsläufige Folge politischer Freiheitsversprechen präsentiert. Seinen Roman beginnt er nicht umsonst mit einem berühmten Hegel-Zitat, demzufolge die Freiheit nichts anderes sei als die „Furie des Verschwindens“.


