
Lieblingsfarbe Braun - Malerin Stephanie Hollenstein
Matthias Dusini in FALTER 47/2025 vom 19.11.2025 (S. 28)
Die Künstlerin Stephanie Hollenstein liebte Frauen - und Adolf Hitler. Die Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer, Chefredakteurin des Kulturmagazins Morgen, arbeitet in "Hitlers queere Künstlerin" die Widersprüche im Leben der in Vergessenheit geratenen Vorarlberger Malerin auf, die aus armen Verhältnissen stammte und in München die Akademie besuchte.
Wie kann es sein, dass eine lesbische Frau Sympathien für eine Ideologie entwickelte, die Minderheiten unterdrückte und vernichtete, lautet eine der Fragen, die Schedlmayer zu beantworten sucht.
Hollenstein verkleidete sich im Ersten Weltkrieg als Mann, um an die Dolomitenfront zu dürfen. Sie schloss sich im Mai 1915 unter dem Namen "Stephan Hollenstein" den Vorarlberger Standschützen an. Ihre Biografin will das nicht unbedingt als Akt der Emanzipation werten, sondern als Ausdruck eines heroischen Männlichkeitskults, der dem militärischen Ideal des Faschismus folgte. Privat war Hollenstein Abweichung, offiziell rechter Mainstream.
1926 war sie Mitbegründerin der Gruppe Wiener Frauenkunst und erlangte mit ihrer an van Gogh angelehnten Malerei immer größere Anerkennung. Die Autorin rekonstruiert aus Aufzeichnungen und Briefen eine innerlich zerrissene Persönlichkeit, die sich in Frauenvereinen engagierte und mit deren Mitgliedern überwarf. Das Buch berichtet von einem intensiven Liebesleben zwischen Hingabe und Abweisung.
Jargonfrei formuliert, hebt "Hitlers queere Künstlerin" den Einzelfall Hollenstein auf eine allgemeine gesellschaftliche Ebene. Die Autorin beschreibt nämlich auch die vielen Hindernisse, die eine Künstlerin im 20. Jahrhundert zu überwinden hatte, etwa die Geringschätzung durch die männlich dominierte Kunstkritik. Immer wieder blitzt in dieser außergewöhnlichen Künstlerinnenbiografie bei aller Kritik der Respekt Schedlmayers vor einer Persönlichkeit auf, die ihr Leben allen Widrigkeiten zum Trotz in die Hand nahm.


