
Die Mutter, ihr Bub, die Lehrerin und das Kaninchen
Jörg Magenau in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 15)
eografisch lässt sich das „Innergebirg“ im Salzburger Hinterland klar verorten. Literarisch handelt es sich um einen abgeschlossenen Raum zwischen den Bergen, der Provinz nicht nur symbolisiert, sondern Provinz ist. Von dort stammt Birgit Birnbacher, und dort spielen auch ihre Bücher, die vom Weggehen, vom Zurückkommen oder auch von den Dagebliebenen handeln. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Sie wollen uns erzählen“. Autobiografische Züge trägt auch eine Protagonistin, die junge Mutter Ann, die wie Birnbacher eine Optikerlehre und ein Studium der Soziologie hinter sich hat.
Der soziologische Blick auf gesellschaftliche Phänomene kennzeichnet auch Birnbachers Literatur, gepaart mit liebevollem Sarkasmus und einem Hang zum Ungeschönten, Unspießigen, Unsentimentalen. „Sie wollen uns erzählen“ liefert dafür ein weiteres Beispiel – jedenfalls in der brillanten ersten Hälfte des Romans. Die zweite ist etwas zu handlungsintensiv geraten und verliert dadurch an Qualität. Ständig muss sich was ereignen, als ob die Autorin Angst hätte, andernfalls zu langweilen – eine Gefahr, die gar nicht besteht. Handlung kann dort zu einem literarischen Problem werden, wo sie, wie in diesem Fall, von der Verschrobenheit der Gedankenspiele und Geschichtenerfindungen ablenkt.
Dabei geschieht gleich zu Beginn schon sehr viel: Da gerät eine Häsin oder vielmehr ein Kaninchen unter den Rasenmäher des Hausmeisters der Grundschule, weswegen der neunjährige Oz (eigentlich Oswald Haag) sich schuldig fühlt, weil er das Schulhasengehege nicht richtig geschlossen hat. Aus Mitleid mit dem schreienden, blutenden Tier überwindet er sich und erschlägt es mit einem Stein, weil sich der zunächst benutzte Stock dafür als ungeeignet erweist.
Die Lehrerin, die die Szene vom Fenster aus beobachtet, ist geschockt über die Rohheit der Tat und schreibt daraufhin einen Brief an Oswalds Mutter Ann. Das kommt am letzten Schultag vor den großen Ferien nicht gut, weil der zu erwartende Ärger die ganze Sommerplanung über den Haufen zu werfen droht.
Oz laboriert an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, er denk über alles nach, bloß nicht über das Naheliegende. Ann ist Postdoc-Soziologin, die über die Akzeptanz von Pflegerobotern forscht, sich aber selbst einem Impulskontrolltraining unterzieht, weil sie zu keiner „Schreimutter“ werden will (zu der sie schon geworden ist). Weil sie aus dem Innergebirg stammt, wo es keine unschuldigen Kinder gibt, sondern nur den Katholizismus und die Erbsünde, möchte sie bei ihrem Kind alles anders machen.
Anns Besuch bei der „Bildungsberaterin“, die die „Beschulbarkeit“ des Kindes untersucht, geht gründlich schief, demonstriert aber zugleich, zu welcher Form Birnbacher auflaufen kann, wenn sie ihrer feinen Ironie freien Lauf lässt. Ganz wunderbar auch die Szene, in der Mutter und Sohn „Bärenbegegnungen“ imaginieren und vom Spielen ins Reden und vom Reden ins Erzählen geraten.
Dann aber verschwindet die Großmutter aus dem Krankenhaus und alles gerät durcheinander. Es folgen zahlreiche Auto- und eine Zugfahrt, ein heftiges Unwetter, ein Besuch beim etwas zu behaarten „Leipziger“ – viel Stoff für ein Buch, das sich ruckzuck und vergnüglich wegliest, in seiner anschwellenden Roadmoviehaftigkeit jedoch hinter das soziologische Niveau des Anfangs zurückfällt.
Österreich aber, so viel wird klar, muss ein sehr schönes Land sein. Der neunjährige Oz nimmt es zum ersten Mal während einer Autofahrt wahr. Vielleicht ist das der Moment, in dem er erwachsen wird und auf den alles hinausläuft. Da staunt er plötzlich über „die Schönheit der Felder. Der Himmel ist auf einmal so hoch! Seit er auf der Welt ist, lebt er ja schon in diesem Land, aber so schön war es noch nie.“ Da kann man nur neidisch werden.


