
Ein Mädchen mit fettem Fighter-Score
Harald Gschwandtner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 12)
s ist 1992, die Erzählerin gerade in der fünften Klasse, als sie sich zum ersten Mal an die Schreibmaschine setzt: „Großartig“, befindet der Vater, nachdem er ihre Geschichte gelesen hat, und küsst sie liebevoll auf den Kopf. Zwei Tage später hat er eine halbe Flasche Vinjak-Schnaps intus und macht die Tochter zur Sau: „Du tippst da den ganzen Tag vor dich hin, und was da rauskommst, ist Scheiße!“ „Uppercut“, der Debütroman von Maja Iskra, stellt auch ein Ringen mit den eigenen Dämonen dar.
Das Buch, 2023 unter dem Titel „Aperkat“ im serbischen Original erschienen, handelt vom Aufwachsen im Belgrader Stadtteil Dorćol, erzählt aus der Perspektive einer Frau, die die Erinnerungen an damals nicht loslassen. Während sie in Wiener Clubs und Cafés abhängt, spuken ihr die Neunziger durchs Hirn. Es sind Flashbacks in eine Jugend im Zeichen von Krieg und Gewalt, nachgerade proustisch evoziert von Zigarettenrauch, Rosenduft in Joints und dem Geruch von warmem Fladenbrot.
„Mit neun Jahren hatte ich schon einen ziemlich beachtlichen Fighter-Score.“ Das Mädchen, von dem der Roman in Rückblenden erzählt, lässt sich von anderen, zumal von gleichaltrigen Burschen, nichts gefallen. „Ich liebe den Kampf“, raunt sie noch im Wien der Jetztzeit spätnachts ihrem angehenden Love Interest zu. Von ihren Eltern auf Wehrhaftigkeit getrimmt, lösen die Kinder in der Welt, in der sie aufgewachsen ist, Konflikte meist mit den Fäusten.
Als Jugendliche ist die Erzählerin oft draußen in Dorćol unterwegs, weil zuhause der unberechenbare Vater lauert. Mit „Slogans aus dem patriarchalen Bootcamp“ will er die Lebenstüchtigkeit seiner Tochter stärken, ist aber selbst ein schwacher, lächerlicher Kerl. Nur selten ergeben sich Momente der Nähe, wenn er, ein Mann, „schwer wie dunkle Erde, vor dem ich absolut alles verstecken musste“, sein toxisches Erziehungsprogramm vernachlässigt. Zu einer echten Aussöhnung kommt es nicht, obwohl der Vater kurz vor seinem Tod zu erkennen scheint, was er der Tochter über all die Jahre angetan hat.
Überhaupt ist „Uppercut“ erfreulich unversöhnlich, die erlebte Gewalt wird weder romantisiert noch verharmlost. Die, die damals Freude an der Erniedrigung ihrer Schulkollegen hatten, sind heute Direktoren und Bankangestellte: „Der gleiche Haufen Scheiße, dreißig Jahre später, angezogen wie ein erwachsener Mensch.“
In seinem Mix aus Härte und Komik erinnert der Roman an „Die verschissene Zeit“ von Barbi Marković, aber auch an Tijan Silas „Radio Sarajevo“. Hüben wie drüben haben die fatalen Neunziger im verminten jugoslawischen Gebiet seelisches Unheil angerichtet. Und manchmal bleibt, um das zu ertragen, nur die Pointe.
Spät im Buch die schönste Szene: In einem Belgrader Gastgarten schnorrt ein Bub die Erzählerin um Kleingeld an, begnügt sich dann damit, mit ihr zu plaudern, über Autos, Hunde und seinen Namen Adrian, auf den er mächtig stolz ist. Noch mehr fasziniert ihn, wie cool die Protagonistin beim Lesen aussieht. Und als sie ihn fragt, ob er es auch probieren will, mimt er mit vollem Einsatz den konzentrierten Leser : „Du wirkst glücklich, Adrian“, meint sie, fast ein wenig neidisch. „Nicht glücklich“, antwortet er. „Ich träume nur viel.“


