
"Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisu"
Klaus Nüchtern in FALTER 5/2026 vom 28.01.2026 (S. 31)
Mathematiker sind in der jüngeren österreichischen Literatur nicht schlecht vertreten. In "Die Vermessung der Welt"(2005) setzte Daniel Kehlmann Carl Friedrich Gauß ein literarisches Denkmal, und Michael Köhlmeier modellierte in "Abendland" (2007) eine Hauptfigur nach dem Vorbild des österreichischen Mathematikers Carl Jacob Candoris.
In Raphaela Edelbauers "Die Inkommensurablen" (2023) wiederum promovierte die (fiktive) Protagonistin als erste Frau an der Uni Wien über irrationale Zahlen. Elias Hirschl nun verhilft dem austro-amerikanischen Logiker Kurt Gödel (1906-1978), der zuvor schon im Mittelpunkt von Kehlmanns Theaterstück "Geister in Princeton" (2011) gestanden ist, in seinem soeben erschienenen Roman "Schleifen" zu einem weiteren Auftritt.
Dass Genie und Wahnsinn Zwillinge sind, ist ein gut abgehangenes Klischee, das von Hirschl, Jg. 1994, mit sichtlichem Gusto noch einmal abgemolken wird. Das betrifft nicht nur den tatsächlich paranoiden Gödel, der im Roman die Habsburger für das Verschwinden von Schriften des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz verantwortlich macht, sondern erst recht die beiden fiktiven Antihelden.
Franziska Denk und Otto Mandl sind beide Kinder mit erheblicher akademischer Vorbelastung väterlicherseits. Ihre Ambitionen auf dem Gebiet der Philosophie, Mathematik, Sprachwissenschaft und experimentellen Literatur werden nicht nur kontrovers rezipiert, sondern haben gar die Gründung einer terroristischen Sekte zur Folge, deren Mitglieder sich auch gerne selbst abfackeln. Die Germanistik wiederum treibt vor allem eine Frage um: "Haben die beiden jetzt gefickt oder nicht?"
So weit, so bizarr. Schon Hirschls vorangegangene Romane "Salonfähig" (2021) und "Content"(2024) wurden von der Kritik als brillante Satiren auf stromlinienförmige Polit-Inszenierungen à la Sebastian Kurz bzw. auf die sinnbefreite Plackerei des Digi-Prekariats in Content-Farmen akklamiert.
Hier liegt freilich ein Irrtum vor. Satire will eine als fragwürdig und verkommen empfundene und durchschaute Realität durch Übertreibung, Zuspitzung oder auch nur ungeschönte Abbildung zur Kenntlichkeit entstellen und damit deren Verbesserungswürdigkeit indizieren. Eine solche Intention aber kann man dem Autor beim besten Willen nicht unterstellen. Wie auch immer sie beschaffen sein mag, dient diesem die Wirklichkeit ausschließlich als Materiallieferantin für groteske Einfälle.
Wie schon in "Content" schert sich Hirschl auch in seinem aktuellen, 400 Seiten starken Werk nicht um verschmockten Creative-Writing-Class-Lehrstoff wie Handlungsführung, Erzähldramaturgie oder plausible Figurenzeichnung, sondern produziert Gags, Gags, Gags, haut eine launige Episode nach der anderen raus.
Russellsche Antinomie, riemannsche Vermutung, Collatz-Problem und was es sonst noch gibt an legendären mathematischen Paradoxien und Rätseln sind allemal gut genug, um die Leserschaft damit zu beballern. Wer allerdings je in einem linguistischen Einführungsproseminar gesessen ist, der weiß, dass die Spekulationen, die Franziska Denk über natürliche und Plansprachen anstellt, dermaßen verstiegen sind, dass sie damit nicht einmal Studienassistentin werden könnte - geschweige denn eine international umstrittene Koryphäe ihres Faches.
Hirschl ist ein belesener Autor, der weiß, was gut und teuer ist; zum Beispiel Jonathan Swift, aus dessen "Gullivers Reisen" er sich die Idee zu Denks Objektsprachenobsession geborgt hat. Eine Satire wird dennoch nicht draus, weil Hirschl viel zu selbstverliebt ist, um die Kanone des Dauergewitzels auf ein Ziel auszurichten oder auch einmal ausglühen zu lassen.
Das Nachladen aber nimmt ihn so in Anspruch, dass für die Sprache selbst kaum noch Aufmerksamkeitsreste mobilisierbar waren. Pleonasmen wie "phonetische Laute" oder "semiotische Zeichen" minimieren die Glaubwürdigkeit dieser unterlektorierten Wissenschaftsgroteske erheblich, der wiederholt falsche Einsatz von Präpositionen irritiert zumindest Leser, die auf solchen Kram Wert legen.
Wer sich indes an einer Plansprache erfreut, die für im Jahr 1979 in Deutschland lebende Zwerghamster das Wort "Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisu" bereitstellt, wird bestens bedient.


