Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt

Roman
144 Seiten, Hardcover
€ 23,70
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ISBN 9783552075917
Erscheinungsdatum 16.09.2025
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Verlag Zsolnay, Paul
Übersetzung Maria Rajer
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Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Ein poetisches Debüt über die Unterdrückung von Frauenrechten. »Ein außergewöhnlicher Roman, der Körperlichkeit und Nicht-Zugehörigkeit in Sprache übersetzt.« Olga Grjasnowa

»Ein unverheiratetes, unschuldiges Mädchen lässt sich leicht von einer verheirateten Frau unterscheiden: Der erste und wichtigste Unterschied sind die Augenbrauen.« Die aserbaidschanische Community, die in Russland in der Diaspora lebt, ist streng konservativ. Schon als Kind kann sich die Erzählerin schwer in die patriarchale muslimische Gesellschaft einfügen. Eine Krankheit drängt und befreit sie zugleich aus ihrer Rolle der schönen, heiratsfähigen Tochter …
Jegana Dschabbarowa zeigt uns in ihrem ersten Roman eine verborgene Welt. Sie erzählt ihre eigene und die Geschichte der Frauen ihrer Familie ganz direkt und entlang ihres Körpers und verblüfft mit Eleganz und der poetischen Kraft ihres Erzählens.

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FALTER-Rezension

Von der Liebe zu Katzen und zu Menschen

Stefanie Panzenböck in FALTER 17/2026 vom 22.04.2026 (S. 36)

Jegana Dschabbarowa schaut lächelnd auf ihr Handy. "Meine Frau hat mir gerade ein Foto unserer Katze geschickt", sagt sie. Die zierliche Schriftstellerin, ganz in Schwarz gekleidet, strahlt. Dann wird ihr Blick wieder nachdenklich, wandert durch den Raum. Etwas später wird sie sagen: "Ich habe Schwierigkeiten, meinem Gegenüber beim Gespräch direkt in die Augen zu schauen." Sie wolle nicht unhöflich erscheinen, aber sie könne es auch nicht ändern. "Ich hatte das schon als Kind."
Dschabbarowa wurde 1992 in Jekaterinburg am Uralgebirge geboren. Ihre Eltern stammen aus Aserbaidschan und Georgien und haben sich in der viertgrößten Stadt Russlands niedergelassen, weil sie sich bessere Ausbildungsmöglichkeiten erhofften. Als Tochter einer Krankenschwester und eines Verkäufers wuchs Dschabbarowa im streng konservativen Umfeld der aserbaidschanischen Community auf.

Sie studierte russische Literatur und schloss ihre Dissertation über die Dichterin Marina Zwetajewa ab. "Seit ein paar Jahren interessiere ich mich mehr für postkoloniale und dekoloniale Studien. Ich versuche, die moderne russischsprachige Literatur aus dieser Perspektive zu erforschen." Vielleicht auch eines Tages in Deutschland. Denn dort lebt die Autorin seit ihrer Flucht.

Nach ständigen Drohungen aus nationalistischen und kirchlichen Kreisen -sie hatte sich gegen den Krieg Russlands gegen die Ukraine ausgesprochen - musste Dschabbarowa 2024 Jekaterinburg verlassen. Bei Nacht, mit ihrer Katze und nur einer Tasche. Und ohne die Möglichkeit, sich von Verwandten und Freunden zu verabschieden. Sie floh gemeinsam mit ihrer Partnerin, zuerst in die Türkei, dann nach Aserbaidschan. Doch beide Länder haben Auslieferungsabkommen mit Russland. Die Frauen suchten in Deutschland um ein humanitäres Visum an -und durften schließlich einreisen.

Zu Beginn lebten sie zehn Monate lang in einem Flüchtlingslager. Haustiere waren dort verboten, deshalb kam die Katze in einer Wohnung bei Freunden des Paares unter: in einer großen Drei-Zimmer-Wohnung mit Fernsehapparat und Balkon. Sie bekam das beste Futter. "Unsere Katze ist die Einzige, die ihren materiellen Lebensstandard durch die Flucht nach Europa verbessert hat", scherzt Dschabbarowa. "Mittlerweile haben wir in Hamburg eine eigene Wohnung, und die Katze lebt bei uns. Ich hoffe, sie wird sich daran gewöhnen, ohne Luxus zu existieren."

Der erste von drei Romanen der Autorin liegt seit vergangenem Herbst auf Deutsch vor. "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt", 2023 zuerst auf Russisch erschienen, ist stark autobiografisch geprägt. Dschabbarowa erzählt ihre eigene Geschichte, nämlich die einer Frau, die sich in der aserbaidschanischen Diaspora in Russland gegen die Macht der Männer wehrt. Eine besondere Rolle kommt dabei ihrer Krankheit zu, die ihrem Leben eine entscheidende Wendung gibt. Dschabbarowa stellt ihren Körper ins Zentrum der Erzählung. Poetisch, zugleich klar und plastisch, versucht sie, patriarchale Strukturen literarisch zu durchdringen. Dabei betrachtet sie nicht nur ihre eigene Rolle, sondern vor allem auch die ihrer Mutter und ihrer Großmütter.

Die Kapitel des Romans sind nach Körperteilen geordnet. Von den Augenbrauen, den Augen, den Haaren, dem Mund geht sie über zu den Schultern, den Händen, der Zunge, dem Rücken, den Beinen und dem Hals. Am Ende steht der Bauch.

In dieser Reihenfolge sind auch die Symptome von Dschabbarowas Krankheit -generalisierte Dystonie -aufgetreten. Begonnen hat es 2014,2017 kam die Diagnose. "Das Gehirn fängt an, eine falsche Anzahl von Signalen an die Muskeln zu senden", erklärt Dschabbarowa. "Wenn man gesund ist, braucht man für eine Handbewegung, sagen wir, zehn Signale. Und das Gehirn sendet zehn Signale." In ihrem Fall schicke das Gehirn, aus unbekanntem Grund, 100 Signale. Dadurch fangen die Muskeln an, unkontrolliert zu zucken.

Im Zuge einer Operation wurde ihr unterhalb des Schlüsselbeins ein Gerät eingesetzt, das mit dem Gehirn verbunden ist. "Wenn Sie mir jetzt gegenübersitzen, sehen Sie keine Anzeichen, weil die Maschine arbeitet und mir erlaubt, meine Muskeln zu kontrollieren", sagt sie. "Aber sie heilt mich nicht. Wenn man sie ausschaltet, verliere ich sofort die Kontrolle über meinen Körper. Der Krankheitsverlauf ist nicht zu stoppen."

Das Kapitel "Mund" beginnt mit dem Satz "Der Mund war nicht zum Sprechen bestimmt". Frauen durften singen, ihre Töchter maßregeln und das Essen kosten. Mehr nicht. Die Großmutter väterlicherseits widersprach ihrem Mann nie. "Alle Worte verwandelten sich in Taten ( ). Jedes Mal, wenn sie etwas sagen wollte, fingen ihre Hände an, Essen zuzubereiten." Der Großvater war rasend eifersüchtig und schlug seine Frau.

Ganz anders verhielt sich der Vater der Mutter. Als einzigen Mann beschreibt ihn Dschabbarowa als liebevoll und fürsorglich. Ihr eigener Vater trank und war oft gewalttätig. Nachdem er die Mutter verprügelt hatte, kaufte er den Kindern Süßigkeiten, "als Schweigegeld. Und wir konnten nicht widerstehen", schreibt Dschabbarowa. Die Mutter sprach nur mit ihren Töchtern, ihrem Mann antwortete sie meist gar nicht, "weil es nicht notwendig war". Im Alter verlor der Vater sein Gehör. "Und da fing Mutter an, mit ihm zu sprechen, beim Kochen sagte sie ihm nun alles, was sie in dreißig Jahren Ehe nicht hatte sagen können."

Aber auch die Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter den Mund aufmachte. Sie verstand nicht, warum Jegana Gedichte verfasste, und warnte sie davor, etwas zu schreiben, das sie in Schwierigkeiten bringen könnte. "Es beunruhigte sie, dass ich nicht schweigen konnte", heißt es im Buch.

Sie habe die Frage der Gewalt mit vielen Frauen in der Diaspora diskutiert, sagt Dschabbarowa im Gespräch. "Aber sie haben selbstverständlich das Recht, nicht auf mich zu hören. Was nicht bedeutet, dass ich aufhören werde, darüber zu sprechen."

Die einzige Konstante in Dschabbarowas Leben ist, dass sie immer als "die andere" wahrgenommen wird: als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft, als queere Person in einer ihr feindlich gesinnten Umgebung, als Kranke in einer Welt, in der man funktionieren muss, als Intellektuelle, die sich gegen den Krieg ausspricht. In Russland war sie Angehörige einer Minderheit. Und obwohl sie einen russischen Pass hat und die Sprache perfekt beherrscht, erlebten sie und ihre Familie ständig Anfeindungen. In den 1990er-Jahren seien rassistische Übergriffe besonders schlimm gewesen, sagt sie. Auch in ihrem Buch schreibt Dschabbarowa über eine derartige Szene. Als Schülerin musste sie einmal vor Skinheads fliehen.

Irritiert war Dschabbarowa, als sie am Arbeitsplatz ihrer Mutter hörte, dass diese nicht mit ihrem eigenen, sondern mit einem russischen Namen gerufen wurde. "Weil es für ihre Arbeitskolleginnen einfacher war. Als ich selbst Russisch als Fremdsprache unterrichtete, sagte ich meinen Studierenden immer: Russifizieren Sie Ihre Namen nicht. Ich werde sie mir merken. Das ist ein Zeichen des Respekts."

Doch auch in Aserbaidschan wurde Dschabbarowa "anders" wahrgenommen. Denn dort war sie das russische Kind. "Das Recht auf Existenz wird immer infrage gestellt, wenn man 'der Andere' ist. Als müsste man immer das Recht auf das eigene Dasein nachweisen", sagt die Autorin. Sie hält sich fern von Selbstmitleid, analysiert lieber die Machtstrukturen und erzählt, wie sie sich wehrt.

"Wo gehöre ich hin, wo ist Raum für mich?", fragt sie sich. Die Literatur und das Schreiben wurden irgendwann zu diesem sicheren Ort. "Dort habe ich einen Platz und werde nicht verdrängt."

Dschabbarowa schrieb ihre erste Kurzgeschichte mit neun Jahren, mit 14 verfasste sie ihr erstes Gedicht. "Wenn man viele Bücher liest, hat man natürlich die Tendenz, den Stil anderer Autoren zu übernehmen, so war es auch bei mir. Aber irgendwann merkt man, dass die wahre poetische Sprache -oder wahres Schreiben -dann entsteht, wenn man sich selbst treu bleibt, sich selbst gerecht wird."

Das erste Mal sei ihr das mit einem Gedichtband im Jahr 2017 gelungen, meint sie. Das Buch heißt "Romberg-Stehversuch". Der Titel bezieht sich auf einen neurologischen Test, den Ärzte machen, um das Gehirn zu überprüfen. "Man stellt die Beine zusammen, schließt die Augen und berührt seine Nase." Als Dschabbarowa 2017 ihre Diagnose bekam, lag sie gerade im Krankenhaus in einem Zimmer mit vielen anderen schwerkranken Frauen. "Eine Sache hatten wir gemeinsam. Keine von uns hat den Test bestanden."

Dschabbarowa wusste nicht, wie sie mit der Diagnose umgehen sollte. "Ich habe also angefangen Notizen zu machen. Über meinen Körper, die Veränderungen, die anderen Frauen und darüber, worüber sie sprachen. Damals hatte ich das erste Mal das Gefühl, mir selbst gerecht zu werden -vielleicht war das gerade wegen der Krankheit möglich." Dasselbe sei auch in ihrem ersten Roman geschehen. "Irgendwann hat die Auseinandersetzung mit der Krankheit mir geholfen, mich selbst zu sehen. Als wäre mein Körper durchsichtig und als könnte ich durch ihn hindurch mich selbst erkennen."

Die Krankheit erfüllt im Roman "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" nicht nur eine destruktive Rolle. Dschabbarowas Körper entsprach nicht mehr der Norm, und so konnte sie endgültig aus dem Korsett der ihr zugedachten Rolle ausbrechen.

Für ihre Familie war das eine Katastrophe. "Die Krankheit bedeutete für meine Eltern, dass ich keine Braut sein würde. Wer wollte schon mangelhafte Ware?", schreibt Dschabbarowa lakonisch. Und weiter: "Mein Körper hatte mich von der Erfüllung dieser Pflicht befreit."

Dschabbarowas Eltern haben den Roman ihrer Tochter bisher nicht gelesen, erzählt die Autorin. Und sagt dann etwas Unerwartetes: "Dieses Buch ist auch ein Liebesbrief, obwohl es unschöne Seiten der Diaspora sowie Gewalt in der Familie aufdeckt. Dennoch geht es um Liebe." Ihr Vater habe Alkohol und Gewalt gewählt, um die Leere in sich zu füllen. Dafür trage er Verantwortung. "Aber ich liebe meinen Vater trotzdem."

Ihre Eltern seien nach der Flucht aus Russland wütend auf sie gewesen: "Wir haben dir gesagt, dass du deinen Mund halten sollst, und du hast nicht zugehört", warfen sie ihrer Tochter vor. "Aber sie lieben mich trotzdem." Obwohl sie vieles im Leben ihrer Tochter nicht verstünden. Zum Beispiel, dass sie mit einer Frau zusammenlebt. "Meine Mutter fragt immer noch, wann ich endlich einen Mann finden werde. Dennoch halten wir unsere Beziehung aufrecht und sprechen miteinander." Natürlich wäre es einfacher, wenn ihre Eltern ihre Entscheidungen voll akzeptierten. "Aber wenn sie dazu nicht bereit sind, bedeutet das nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Es bedeutet nur, dass sie es nicht können."

Ihre Eltern fragen oft nach der Katze. "Ich schicke ihnen Fotos, und sie freuen sich darüber." Im Grunde, findet Dschabbarowa, entspreche vieles an ihrem Leben dem, was ihre Eltern sich gewünscht hätten. "Ich bin verheiratet, habe eine Katze, und Familie ist mir wichtig. Nur ein paar Details haben sie sich anders vorgestellt."

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