Der Wunsch zu verschwinden

Über Fingerabdrücke
288 Seiten, Hardcover
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ISBN 9783552076143
Erscheinungsdatum 17.03.2026
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Verlag Zsolnay, Paul
Übersetzung Lisa Mensing
LieferzeitLieferung in 2-5 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
Vilshofener Straße 10 | DE-81679 München
info@hanser.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Literarische Essays über neun Leben in 200 Jahren. »Die Fingerabdrücke von Geertjan de Vugt machen Eindruck. Ich fühlte mich berührt und gepackt.« Robert Menasse

Der Fingerabdruck ist der Inbegriff persönlicher Identität. Seine Geschichte ist eine von Magiern, Detektiven, Wissenschaftlerinnen, Genies, Scharlatanen und Handleserinnen. In seinem fabelhaften Buch umkreist Geertjan de Vugt die sozialen, philosophischen, kunsthistorischen und existenziellen Themen rund um den Fingerabdruck und bewegt sich dabei zwischen Fakten und Erzählungen. Er erzählt von dem böhmischen Mediziner, der sich als Erster eingehend mit dem Fingerabdruck beschäftigt hat, und davon, wie er für Verträge und in der Kriminologie interessant wurde. Aber auch von jener Ärztin, die aus Virginia Woolfs Fingern gelesen haben wollte: „Ich glaube, Virginia Woolf ist gestört.“ Eine rasante Reise durch die Geschichte mit verblüffenden Funden: ein reichhaltiges, gelehrtes und spielerisches Buch über unsere Besessenheit von Einzigartigkeit und Unsichtbarkeit.

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ISBN 9783552076143
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FALTER-Rezension

Es wird vielleicht so gewesen sein müssen

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 30)

as haben die Schriftsteller Mark Twain und Virginia Woolf, die Künstler Piero Manzoni und Arnulf Rainer, der englische Gelehrte Francis Galton und der deutsche Urologe und Illusionist Arthur Kollmann gemeinsam? Ganz genau, sie hatten irgendwann mal irgendwas was mit Fingerabdrücken zu tun. Zu dieser tiefschürfenden Erkenntnis gelangt man nach der Lektüre des Buches „Der Wunsch zu verschwinden“, verfasst vom studierten Literaturwissenschaftler Geertjan de Vugt, der hauptberuflich Direktor des mit 150.000 Euro dotierten Erasmuspreises ist.

Dem Autor zufolge besteht sein Opus „[ü]ber Fingerabdrücke“ aus neun „Essays“. Tatsächlich sind es biografische Skizzen, deren Protagonisten sich entweder tatsächlich für Fingerabdrücke als Insignien der Individualität interessieren, diese irgendwo hinterlassen oder sonst was mit ihren Fingern gemacht haben.

Der böhmische Mediziner Jan Evangelista Purkyně etwa, mit dem de Vugt den Reigen von Ausnahmemenschen beginnt, hat in seiner Habil-Schrift von 1823 eine erste Typologie von Fingerabdrücken erstellt. Er hat aber auch eine Reihe von lebensgefährlichen Selbstversuchen unter anderem mit Digitalis, dem Fingerhut also, unternommen, dessen Wirkstoff je nach Dosierung Herzinsuffizienz bekämpft oder den Herztod herbeiführt. Purkyně war jedenfalls 15 Tage lang kotzübel, er hatte Herzrhythmusstörungen und darüber hinaus visuelle Halluzinationen, in denen zumindest Geertjan de Vugt „mühelos abstrakte Fingerabdrücke erkennen“ kann. Ein Zufall? Vielleicht, aber schon auch aufregend und bedeutsam – irgendwie.

Bedeutsames Geraune ist fraglos der stilistische Grundmodus dieses papillarleistenfixierten Parforceritts durch zwei Jahrhunderte. Dabei nimmt der Autor nicht nur menschliche Hände, sondern zum Beispiel auch Eier in den Blick: „Eier sind merkwürdig. Mit ihrer einfachen, eleganten Form kommen sie in ihrer harten, zerbrechlichen Schale mit unzähligen Möglichkeiten daher.“ Nun ja, Rühr-, Spiegel-, hartes oder pochiertes Ei, Mayonnaise oder Eierstich – „unzählig“ ist vielleicht etwas hochgegriffen, aber gewiss wurde tief Gedachtes über Eier kaum je so luzid und elegant formuliert wie bei Geertjan de Vugt.

Die Passage stammt aus dem Kapitel über den frühverstorbenen italienischen Konzeptkünstler und „Meister der Manipulation“ Piero Manzoni, der im Rahmen einer am 21. Juli 1960 durchgeführten Performance seinen Fingerabdruck auf Eiern hinterlassen und „vielleicht das einzige radikale Kunstwerk überhaupt“ geschaffen hat; der „sich für einen Gott gehalten haben [muss]“ und in dessen Kopf „die künstlerischen Auffassungen wie Eier [kochten]“.

Worüber wenig bis nichts verraten wird, ist alles, was man sich von einem Buch über Fingerabdrücke erwarten und was einen tatsächlich interessieren würde. Gut, Darwins Cousin, der erwähnte Francis Galton, der als Vater sowohl der Eugenik als auch der Daktyloskopie, der Fingerspurkunde, gilt, hat ebenso einen Auftritt wie der englische Kolonialbeamte William James Herschel, der Inder – die bekanntlich für Europäer schwer zu unterscheiden und notorisch unaufrichtig sind – Verträge mit einem Fingerabdruck unterzeichnen ließ.

Dass Scotland Yard 1901 das Fingerprint Bureau gründete, wird in einem Halbsatz erwähnt, die an spannenden Fällen gewiss reiche Geschichte der daktyloskopischen Forensik ansonsten aber links liegen gelassen. Mit der detektivischen Genauigkeit ist es aber ohnedies nicht weit her: An gleich drei Stellen vertut sich das so schlampig lektorierte wie schludrig übersetzte Buch um ein ganzes Jahrhundert, und wie der Schotte Henry Faulds zeitgleich mit Herschel zu den nämlichen Einsichten gelangte, bleibt ebenfalls im Dunklen, weil: „Wie bei fast allen Entdeckungen in der Geschichte des Fingerabdrucks kann auch hier der Ursprung nicht bestimmt werden.“

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