In Europa
Eine Reise durch das 20. Jahrhundert

von Geert Mak

€ 17,50
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Übersetzung: Gregor Seferens
Übersetzung: Andreas Ecke
Verlag: Pantheon
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 944 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.02.2007

Rezension aus FALTER 30/2013

Eine Reise durch das verdüsterte Amerika

Der Historiker Geert Mak reiste auf John Steinbecks Spuren durch die USA und schrieb ein Buch
über den moralischen Niedergang der Supermacht.
Eine Begegnung mit dem Autor

Die schönen Tage sind vorüber, Europas Freundschaft mit den Amerikanern wird allmählich ungemütlich. Die Begeisterung für das Land, das uns die Nazis vom Hals geschafft und danach die Sowjets auf Distanz gehalten hat, hat nachgelassen. Geschichte, 20. Jahrhundert. Das Amerika des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr die Befreiungsmacht von 1945. Die Gesellschaft, deren kulturelle und politische Ausstrahlung uns auf dem Weg in die demokratische Moderne geistig und sozial voranhalf, die uns mit einigen überlebensgroßen Figuren – von Abraham Lincoln über Franklin Delano Roosevelt bis zum Barack Obama des Jahres 2008 – ein paar Illusionen zum Thema bessere Welt mit auf den Weg gab, ist eine andere geworden.
Reagan, Neoliberalismus, G. W. Bush, Tea-Party-Extremismus und Nine-Eleven-Schock haben ganze Arbeit geleistet. Die deutlich weniger "schöne neue Welt" ist geprägt von superschneller Kommunikation, unbemannten Kampfflugkörpern, staatlichen Hackern und von den Antiterrorspezialisten mit der Lizenz zum Jagen, Fangen und Entführen von Menschen, zum Foltern und Töten. Und sie ist der Schauplatz einer weltweiten Jagd der Supermacht nach einem Whistleblower, der bei all diesen Veränderungen nicht mitmachen wollte. Willkommen in der amerikanischen "Postdemokratie" und machen Sie mit bei unserem Ergänzungsspiel. Ergänzen Sie bitte den folgenden Halbsatz: "Von Amerika lernen, heißt ...".
Zum Beispiel: "... dass wir das, was wir in Europa aufgebaut haben, mit aller Kraft verteidigen müssen". So fasst Geert Mak, einer der interessantesten europäischen Intellektuellen unserer Tage, seine jüngsten Lernerfahrungen in den USA zusammen. Amerika und Europa kennt Mak, 66, von vielen Reisen. Der Bestsellerautor aus den Niederlanden ist professioneller Reporter und Amateurhistoriker, beides mit Ernst und mit Leidenschaft. Er hat mehrere erfolgreiche Bücher geschrieben, eins der besten beschäftigt sich detailliert mit Europa ("In Europa"). Staat für Staat hat er den Kontinent besucht und beschrieben. Sein neues Werk nun handelt, auf mehr als 600 Seiten, von dem alten großen Freund, der sich zum Problemriesen wandelt: "Amerika! Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten." Unbegrenzte Möglichkeiten? Ein geflügeltes Wort: Geprägt wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts, es stand für Respekt und Bewunderung, wohl auch für Neid. Heute hat es einen anderen Klang. Drohend. Don't mess with us.
Mak war nicht das erste Mal in den Vereinigten Staaten unterwegs und er wird gewiss wieder hinfahren. Aber dies war doch eine besondere Tour. Sie wird Geert Mak in dieser Mischrolle als Reporter, Historiker und Geschichtenerzähler nicht mehr wiederholen können. Denn die Idee, quer durchs Land zu reisen und die "kleinen Leute" jenseits der Ballungsräume zu befragen, geht zurück auf einen prominenten Vorgänger, den Literaturnobelpreisträger von 1962, John Steinbeck (1902–1968). Der Autor von "Früchte des Zorns" (Pulitzer-Preis), "Jenseits von Eden" und anderen erfolgreichen Romanen hatte dem stolzen Amerika der Nachkriegszeit und dessen einfachen Bewohnern vor einem halben Jahrhundert ein literarisches Denkmal gesetzt, damals, als der westliche Kapitalismus in seiner Nachkriegsblüte stand. "Die Reise mit Charley", hatte er das Buch genannt, wobei es sich bei Charley, mit dem Steinbeck in seinem Jeep namens "Rosinante" durchs Land zockelte, um den Pudel von Ehefrau Elaine handelte.

Mak hielt sich mit seiner Routenplanung präzis an das Programm des Literaturnobelpreisträgers, dessen Reisebericht er in jungen Jahren mit Begeisterung gelesen hatte. Er suchte auf der Strecke nach dessen Spuren, interviewte Menschen, die Steinbeck seinerzeit begegnet waren, und rekonstruierte immer wieder, wie in einem Mosaik, das Amerika und die soziale Stimmung jener Zeit: die zu Ende gehende Eisenhower-Ära, die Jahre danach, beginnend mit dem Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon, die Johnson-Jahre der inneren, "sozialdemokratischen" Reformen ("Great Society").
Am Ende machte der holländische Erzähler daraus, wie zu erwarten war, mehr als nur "Reiseliteratur". "Amerika!" ist, verkleidet im Tonfall einer Erzählung, ein ungemein politisches Buch, mit vielen Beobachtungen, kleinen Geschichten und ernsten Denkpassagen. Mak spannt einen weiten Bogen, die Reise dient dazu als ideeller Rahmen. Der Autor greift, je nach Gelegenheit, episodenhaft zurück auf die turbulente, abenteuerliche und auch grausame Vorgeschichte der neuen Demokratie.
Die historischen Exkurse wirken wie Schwarzweißaufnahmen aus früherer Zeit in einer aktuellen, anspruchsvollen Dokumentation, informativ, auflockernd, entspannend. Mak nützt sie beispielsweise zur Erinnerung da­ran, dass in jener Gründerzeit der neuen Demokratie fernab des europäischen Feudalismus, in der die Einwanderer ihre neu gewonnenen Freiheiten genossen und gegen die alten Mächte verteidigten, für die amerikanischen Ureinwohner eine Leidenszeit begann, die nie mehr enden sollte. Die Menschenrechte der Ureinwohner waren für die frommen Pioniere keine Maxime, so wie sie auch mit der Sklavenrolle der afrikanischen Einwanderer keine Probleme hatten.
Mak, der Reporter, notiert interessante Details aus der Kolonialzeit nach der May­flower-Landung, Erfolgsgeschichten und Tragödien. Mak, der Historiker, erzählt anschaulich von der sozialen Situation nach dem großen Crash von 1929. Er beschreibt mit journalistischer Empathie das Amerika der Depression, das Elend der Armen, die Hoffnungslosigkeit in weiten Teilen des riesigen Landes. Und er würdigt den politischen Retter und Helden, der – historischer Glücksfall für die Nation – mit politischem Mut und Risikobereitschaft die Präsidentenwahl gewann, Franklin Delano Roosevelt. Ihn bewundert der Autor, ohne ihn zum Idol zu erheben. Aber kein Zweifel: In FDR, den er einen "harten Idealisten" nennt, sieht er das Modell für einen lernfähigen und verantwortungsbewussten Politiker, wie er heute, Obama her oder hin, in Amerika fehlt. Und nicht nur dort. Da­rüber sind wir uns schnell einig.

Die Vereinigten Staaten heute, erlebt auf John Steinbecks Spuren. Mak erzählt – im Gespräch noch lebhafter als im Buch – von der Erfahrung, die er im Schlussteil seiner Reise in einem kleinen Ort namens Lake Charles machte, auf dem Weg von Texas nach Louisiana. Der Ort wirkte verlassen, erinnert sich der Autor, ein Phänomen, dem er in den vielen Kleinstädten unterwegs immer wieder begegnet war. Keine Menschen zu sehen oder zu hören, nur ein Mädchenchor aus der Ferne, Cheerleader, die vermutlich für ein bevorstehendes Match probten. Unvergesslich der Boulevard am Ufer des Sees, der dem Ort den Namen gab: Hier, sagt Mak, hätten die großen Hotelkonzerne der USA sich offenkundig zu einem gemeinsamen Entwicklungsprojekt verbündet. Ein Hotelklotz neben dem anderen, Betonburgen in Reih und Glied. "Wir gingen den Boulevard entlang. Alles groß, alles anonym, nichts Kleines dazwischen, keine Bar, kein Kiosk, nirgends." Da habe er gedacht: "Sogar in Wolgograd hatten sie die Fantasie gehabt, einen kleinen Kiosk zwischen die Klötze zu setzen." Sonst war kein Unterschied: dieselbe seelenlose Betonkälte. "Dort in Lake Charles, fast am Ende unserer Reise, hatte ich plötzlich das Gefühl: Hier kommen die beiden kollektiven Systeme zusammen, die Anonymität des Kommunismus und die Anonymität des Kapitalismus und zwar der neue Kapitalismus, der privaten Initiativen keinen Platz mehr lässt, wie der alte Kommunismus." Kam da zusammen, was zusammengehört?
Geert Mak lächelt bei dieser Erinnerung an Lake Charles, lehnt sich zurück und sagt fröhlich: "Da dachte ich, es lebe unser europäisches rheinländisches Modell des gemäßigten Kapitalismus." Aber hat dieser europäische Kapitalismus nicht viele Gesichter, neben dem rheinischen das danubische, das sizilianische, andalusische und griechische, von den skandinavischen Varianten ganz zu schweigen? Ja, stimmt, sagt er, aber was ist das im Vergleich zum krassen angelsächsischen Kapitalismus und dem Modell Wall Street? "Ich habe gelernt, dass wir die Dynamik und Flexibilität des Kapitalismus verbinden müssen mit der Menschlichkeit, die auf die Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung Rücksicht nimmt. Das ist ein großes Gut, das in der Konfrontation mit dem angelsächsischen Kapitalismus gefährdet ist. Das verbreitet Unsicherheit in Europa. Wir dürfen uns aber nicht spalten lassen in Nord- und Südeuropa. Da ist leider schon einiges im Gange."

Fazit einer langen Reise durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft: Amerika, dieses große, dynamische, gewaltige, machtbewusste und zugleich nervöse Land, ist kein Modell. Nicht mehr. Weder ökonomisch noch sozial, schon gar nicht politisch. Die Demokratie in Amerika stecke in einer Selbstblockade, sagt Mak. Demokratischer Konsens sei kein anerkannter Wert, gelte eher als Zeichen von Schwäche. Im Buch schreibt er über die außenpolitische Indolenz des Riesen noch vergleichsweise milde: "Amerika ist eine in verschiedenster Weise ignorante Weltmacht ohne das notwendige Wissen – von einigen Spezialisten und einer gut informierten Elite abgesehen – über die Regionen in seinem Machtbereich." Gefährlich wird es, wenn die wenigen Sachkundigen von einer machtbewussten Koalition aus Ideologen und Ignoranten ausgeschaltet werden, wie zu Zeiten der Bush/Cheney/Rumsfeld-Herrschaft.
Da hält sich auch der freundliche Holländer nicht mehr zurück, wenn er das Schwinden des prinzipiellen Konsenses über Demokratie, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit beschreibt und auf die Gründe für diesen Niedergang des westlichen Überlegenheitsanspruchs insgesamt eingeht. Nicht nur die amerikanische Bankenkrise 2008, die Eurokrise von 2011, die Erfolgsgeschichte der einstigen Schwellenländer, allen voran die ökonomische Großmacht China, hätten das westliche Selbstbewusstsein erschüttert.
Ein zusätzlicher Faktor sei das "moralische Versagen" und eine Politik, die mit den oft beschworenen demokratischen Prinzipien nichts zu tun habe: "Man denke nur an die Invasion im Irak und die Lügen, die sie rechtfertigen sollten, an die fast bedingungslose Unterstützung der israelischen Hardliner, an die mit Drohnen ausgeführten Exekutionen in Afghanistan und anderen Ländern oder an die Situation in den Gefangenenlagern von Guantánamo Bay."

Als Geert Mak sein Buch 2012 abgeschlossen hat, waren NSA und die der Megaüberwachungsmaschinerie der Geheimdienste noch kein Thema. Edward Snowden war noch nicht der meistgefährdete Geheimnisverräter auf dem Globus, der an keinem Platz vor dem Zugriff der Vergeltung suchenden Supermacht sicher sein wird, weder vor Greifkommandos noch vor Drohnen. Korrigieren muss Mak am Gesamtbild wegen Snowdens Enthüllungen also nichts. Seine kritischen Beobachtungen werden bestätigt, seine Befürchtungen womöglich übertroffen.
Am Ende des Buches fragte er voller Skepsis, ob Amerika die Grenzen seiner Möglichkeiten kenne. Daran darf nun freilich noch mehr gezweifelt werden.

Werner Perger in FALTER 30/2013 vom 26.07.2013 (S. 14)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Reise mit Charley (John Steinbeck, Burkhart Kroeber)
Amerika! (Geert Mak, Andreas Ecke, Gregor Seferens)

Rezension aus FALTER 49/2009

Europa erleben

1989 ist heuer in aller Munde. Dem Fall des Eisernen Vorhangs begegnet die Öffentlichkeit mit zahlreichen Feiern und Ausstellungen. Es ist ein guter Zeitpunkt, um ­Geert Maks Buch "In Europa" aus dem Regal zu holen. 1999 fuhr der Journalist von einem geschichtsträchtigen Ort zum nächsten. Die Reise beginnt in Paris und bei der Weltausstellung 1900 – ein hoffnungsvoller Start ins neue Jahrhundert. Rund 800 Seiten und zwölf Monate später sieht Mak leise den Schnee auf die Häuserruinen in Sarajevo fallen. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, Francos Diktatur, die 68er-Revolution oder der Aufstand der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, der entscheidend an der Wende 1989 mitwirkte. Brillant verwebt der Niederländer historische Fakten mit Augenzeugenberichten, Reiseeindrücken und aktuellen Ereignissen. Wer die Gegenwart verstehen möchte, der ist bei Mak gut aufgehoben.

Marion Bacher in FALTER 49/2009 vom 04.12.2009 (S. 20)


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