Im Strudel

Eine Umweltgeschichte der modernen Welt
€ 50.4
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Vor 500 Jahren war der Eukalyptus ein in Australien heimischer Baum, der Dodo lebte friedlich auf einer Insel im indischen Ozean und Holz war das wichtigste Brennmaterial. Heute gibt es rund um den Globus Eukalyptusplantagen, der Dodo ist ausgestorben und die Welt verbraucht jeden Tag 95 Millionen Barrel Erdöl. Menschen und Materialien sind in nie gekanntem Umfang in Bewegung, die ökologischen Folgen unseres Lebensstils sind Schlüsselthemen der Weltpolitik.
Doch nur wenigen Menschen ist klar, in welchem Ausmaß unser Reden und Handeln über Umweltfragen von der Vergangenheit geprägt ist. Die Krise der Gegenwart – Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artensterben – versteht man aber erst dann wirklich, wenn man sie als Ergebnis einer langen, wechselvollen Geschichte begreift. Frank Uekötter verfolgt in dieser Umweltgeschichte der Moderne, wie sich ökologische Verwerfungen und Konflikte im Laufe der Jahrhunderte entwickelten. Er zeigt zudem die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren hinter den weltweiten Weichenstellungen auf, die von den reichen Gesellschaften des Westens geprägt wurden.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Schöne neue Umwelt

Es ist alles schnell kompliziert geworden. Noch vor kurzem pflügte der Bauer mit seinem Ochsen das Feld, um mit den Früchten seiner Arbeit die eigene Familie zu ernähren, während die Bäuerin über den Feldweg zum Markt marschierte, um im Dorf ein paar Eier zu verkaufen. Einen Wimpernschlag später sind aus Ochsen Traktoren geworden, haben sich Feldwege in stark befahrene Asphaltstraßen verwandelt und der Bauer wurde zum Spezialisten, der mit Dünger Hybridmais dopt, den er mit neuen Pestiziden vor eingeschleppten Insekten schützt. Die Ernte landet nicht mehr auf dem Mittagstisch, sondern auf dem Weltmarkt. Und die Eier stammen auch nicht mehr vom Hof, sondern aus Massentierhaltungsbetrieben. Das Rad der Zeit dreht sich immer schneller, wer ihm dabei zusieht, dem muss zwangsläufig schwindlig werden. So sieht es zumindest der deutsche Umwelthistoriker Frank Uekötter. Wo er den Zustand der Welt gerade historisch verortet, macht er im Titel seines neuen Werks deutlich: „Im Strudel“. Uekötter legt darin eine „Umweltgeschichte der modernen Welt“ vor, die die letzten 500 Jahre umfasst und auf die letzten beiden Jahrhunderte fokussiert.

Sein Vorhaben gleicht einer Herkulesaufgabe, die sich auch nicht mit einem 838-seitigen Wälzer bewältigen lässt. Der Autor erhebt diesen Anspruch deshalb erst gar nicht, sondern stellt stattdessen 41 Umweltgeschichten nebeneinander: Artensterben, Luftverschmutzung, Energie und Industrialisierung, Bodenerosion, internationale Umweltpolitik, Mobilität, invasive Arten, Wald, Müll, Atombombentests, Konsumrausch, fossile Rohstoffe, Bergbau und industrielle Landwirtschaft – damit wären die wesentlichen Themen des Buches umrissen.

Auf die klassische lineare Erzählart verzichtet Uekötter, weil sie der immer komplizierter werdenden Welt nicht mehr gerecht werde, zumal der mächtige Strudel die gängigen Vorstellungen von Kausalität und Handlungsmacht fraglich werden lasse. Schließlich leben wir in einer Welt, in der „französische Diplomaten ein Pariser Klimaabkommen aushandeln, das ein Tsunami namens Trump gleich wieder über den Haufen wirft, dann steht plötzlich eine junge Frau namens Greta vor dem schwedischen Parlament, und wenig später fallen die Treibhausgasemissionen, allerdings durch ein Virus, das [...] ein Nebenprodukt des illegalen Handels mit geschützten Schuppentieren ist, der wiederum seit den 1990er-Jahren boomt, weil Kleinbauern durch die Expansion der Massentierhaltung in neue Geschäftsfelder gedrängt werden“.

Uekötter orientiert sich in der Machart seines Buchs folglich nicht an den Klassikern der Umweltgeschichte, sondern nimmt sich jene Geschichtsbücher zum Vorbild, die in den letzten Jahren in mehreren Ländern erschienen sind und in denen Historiker europäische Erinnerungsorte essayistisch aufgearbeitet haben. Die 41 in sich abgeschlossenen Kapitel seines eigenen Buches bedeuten für Uekötter nichts weniger als eine „neue Art des Erzählens“ in seinem Metier. Geht es nach ihm, sollen die Leser sich gar nicht ans Skript halten, sondern sich je nach Lust und Laune ihren eigenen Weg durch den Wälzer bahnen, ohne auf die Kapitel­anordnung Rücksicht zu nehmen.

An die Anfänge seiner Geschichten stellt Uekötter historische Schauplätze und bemüht sich redlich darum, sie nicht nur in westlichen Ländern, sondern auf der ganzen Welt zu finden. So führt er die Leserschaft etwa nach Mauritius, wo im September 1598 niederländische Seeleute an Land gingen und bald einen exotischen, großen, pummeligen Vogel namens Dodo entdeckten, dessen Fleisch gut zu essen war. Keine 100 Jahre nach der ersten Entdeckung waren alle Dodos tot.

Nächstes Thema: Costa Rica 1871, dort sollte ein junger Amerikaner eine Eisenbahn vom Zentrum des Landes an die Karibikküste bauen. Weil das Projekt aufgrund widriger Umstände wackelte, versuchte die Regierung den Unternehmer bei Laune zu halten und versprach ihm neben der Kontrolle über den Bahnbetrieb auch 800.000 Morgen Land entlang der Trasse, auf der er seine Arbeiter Bananen pflanzen ließ.

So entstand der Megakonzern United Fruit Company (heute: Chiquita Brands International), der die gesamte Warenkette von der Plantage über den Transport bis zum Verkauf bestimmte, Zwischenhändler und Kleinunternehmer aus dem Markt drängte und binnen weniger Jahre die Banane von einer exotischen Frucht zu einem Massenprodukt machte, das sich auch Arbeiter leisten konnten. Der Konzern wurde ebenso mächtig wie berüchtigt. Dass Jacobo Árbenz Guzmán als Präsident von Guatemala nach einem vom CIA orchestrierten Putsch aus dem Amt gejagt wurde, könnte durchaus damit zu tun haben, dass Guzmán eine Landreform zulasten des Bananenkonzerns geplant hatte, die der Bevölkerung zugutekommen hätte sollen.

Nächste Geschichte: Japan 1945, das im Zweiten Weltkrieg zunehmend von Erdöllieferungen abgeschnitten wurde. Verzweifelt machten sich die Generäle Gedanken darüber, wie sie ohne Treibstoff die Kriegsmaschinerie am Laufen halten konnten. Sie schickten nicht nur Kamikaze-Flieger in die Schlacht, die sich beim Angriff selbst töteten und der Armee damit den Sprit für den Rückflug sparten. Sie mobilisierten auch Alte und Junge, um massenweise Kiefern auszugraben und aus deren Wurzeln Rohöl zu gewinnen. Die Aktion scheiterte spektakulär. Das Öl reichte trotz nationaler Anstrengung bei weitem nicht aus und war von zweifelhafter Qualität. Dafür türmten sich entlang der Straßen nun Gebirge von Wurzeln und Baumstümpfen.

Uekötter schöpft aus einem bemerkenswerten Rechercheschatz, der Grundlage seiner scharfen, pointierten Analysen bildet, die er mit reichlich Anekdoten ausstattet. Er fürchtet sich dabei nicht vor Grautönen, die differenzierte Betrachtung liegt ihm jedenfalls näher, als plump Katastrophenstimmung zu verbreiten. Dem Leitbild des Buches macht er alle Ehre, sprichwörtlich strudelt er durch die einzelnen Essays, streift dabei allerhand Themen, lässt aber manchmal die Folgen des menschlichen Handelns auf Flora und Fauna unberührt. So drängt sich die Frage auf, wie die finale Auswahl der einzelnen Schlaglichter auf die Umweltgeschichte zustande kam. Einige der Kapitel lesen sich jedenfalls eher wie eine wirtschafts- und sozialgeschichtliche Abhandlung denn als Umweltgeschichte. Der Frage nach der Kapitelauswahl widmet Uekötter ein eigenes Nachwort. Eine zufriedenstellende Antwort liefert es nur bedingt.

Mäandernde historische Essays kann man mögen oder nicht. Ob sich die „neue Art des Erzählens“ durchsetzen wird, die Uekötter für seine Zunft einfordert und mit „Im Strudel“ selbst verwirklicht hat, werden Historiker beurteilen müssen. Einen Versuch war es allemal wert.

Benedikt Narodoslawsky in Falter 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 48)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783593513157
Erscheinungsdatum 16.09.2020
Umfang 838 Seiten
Genre Geschichte/Allgemeines, Lexika
Format Hardcover
Verlag Campus
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Lars Wagner
€ 45,40
Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Dr. Stefan Pätzold
€ 14,40
Sébastien de Courtois
€ 39,90
Daniel Bellingradt, Astrid Blome, Jörg Requate
€ 96,70
Charlotte Dellmann
€ 70,00
Andreas Frewer
€ 67,90
Klaus Bästlein, Enrico Heitzer, Anetta Kahane
€ 22,70