Die Selbstgerechten

Mein Gegenprogramm - für Gemeinsinn und Zusammenhalt
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Urban, divers, kosmopolitisch, individualistisch – links ist für viele heute vor allem eine Lifestylefrage. Politische Konzepte für sozialen Zusammenhalt bleiben auf der Strecke, genauso wie schlecht verdienende Frauen, arme Zuwandererkinder, ausgebeutete Leiharbeiter und große Teile der Mittelschicht. Ob in den USA oder Europa: Wer sich auf Gendersternchen konzentriert statt auf Chancengerechtigkeit und dabei Kultur und Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerungsmehrheit vernachlässigt, arbeitet der politischen Rechten in die Hände. Sahra Wagenknecht zeichnet in ihrem Buch eine Alternative zu einem Linksliberalismus, der sich progressiv wähnt, aber die Gesellschaft weiter spaltet, weil er sich nur für das eigene Milieu interessiert und Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft ignoriert. Sie entwickelt ein Programm, mit dem linke Politik wieder mehrheitsfähig werden kann. Gemeinsam statt egoistisch.

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FALTER-Rezension

Hoch die nationale Solidarität!

Im Wiener Bezirk Neubau begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt. Menschen, die für offene Grenzen eintreten und ihre polnische Putzfrau schwarz beschäftigen. Sie zünden Kerzen für „Geflüchtete“ an und schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Der Zweifel an der eigenen sexuellen Identität genügt, um aus behüteten Mittelschichtskindern Mitglieder einer bedrohten Minderheit zu machen. Vor 20 Jahren hieß dieser Sozialtypus Bobo, ihre Kinder gelten als Woke. Die deutsche Autorin und Politikerin Sahra Wagenknecht nennt sie „Die Selbstgerechten“.

In ihrem Buch, das diesen Titel trägt, rechnet Wagenknecht mit einem Milieu ab, das sich zwar links nennt, aber in ihren Augen die Grundsätze sozialistischer Politik verrät. Die „alte Linke“ habe gegen die Macht der Finanz- und Betriebsvermögen aufbegehrt und sich für die Abschaffung der ökonomischen Ungleichheit eingesetzt.

Der linksliberale Lifestyle hingegen vertrete nicht mehr die Underdogs, sondern die Eliten. Diversity und Gendersternchen dienten lediglich dazu, den Interessen des globalen Kapitals ein fortschrittliches Image zu geben. Wenn sich, wie von vielen mit glänzenden Augen gefordert, die Grenzen für alle öffneten, bedeute das für die einen Reisefreiheit, für die anderen billige Konkurrenz aus dem Ausland.

Sahra Wagenknecht, Jahrgang 1969, stellt in der deutschen Politik eine Ausnahme dar. Als Tochter eines persischen Vaters weiß sie, was es heißt, anders zu sein. Die studierte Marxistin wuchs in Ostberlin auf und machte nach der Wende Karriere in der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) bzw. deren Nachfolgerin Die Linke. Wagenknecht stieg bei den Ex-Kommunisten bis zur Fraktionsvorsitzenden des Bundestages auf.

Anders als ihre oft hölzern wirkenden Genossen ist sie ein beliebter Gast in Talkshows, die brillante Rhetorikerin ringt ihre Gegner durch Sachkenntnis nieder. Im Jahr 2018 gründete Wagenknecht die Plattform „aufstehen“, wo sich jene trafen, die sich mehr mit sozialen als mit sexuellen Minderheiten beschäftigen. Außer ein paar Interviews blieb nicht viel vom Versprechen einer neuen Bewegung übrig.

Bei den Bundestagswahlen 2021 wird Wagenknecht wieder für Die Linke antreten, eine nicht unumstrittene Entscheidung, denn manche attestieren Wagenknecht eine inhaltliche Nähe zur rechtspopulistischen AfD. „Die Selbstgerechten“ befeuert die Emotionen gegenüber dieser unbequemen Denkerin.

Wagenknecht holt aus, um ihre Kritik an den Linksliberalen zu untermauern. Sie erzählt von der Kulturrevolution der 68er, die für proletarische Tugenden wie Fleiß, Disziplin und Normalität nur Verachtung übrig hatten, und von der Zerschlagung des Sozialstaates unter den Sozialdemokraten Tony Blair und Gerhard Schröder.

Mit harten Zahlen und verstörenden Beispielen zeichnet sie den Niedergang der einst stolzen Arbeiterklasse nach, durch Automatisierung, Auslagerung und einer überaus einflussreichen Erzählung: Die Aufsteiger der postindustriellen Arbeitswelt stellten Selbstverwirklichung über Solidarität, die Vereinzelung über das Miteinander. Nicht mehr Fleiß werde belohnt, sondern Performance, so der von der Soziologie vielfach bestätigte Befund.

Wagenknecht interessieren die Verluste. Sie hält der Polemik gegen die Privilegien „alter weißer Männer“ die statistischen Gesundheitsdaten entgegen. Der Wegfall von standardisierten Arbeitsverträgen und Aufstiegsmöglichkeiten in der erodierenden Mittelschicht hinterlasse körperliche Spuren. So gibt es in den USA seit Ende der 1990er-Jahre eine auffällig steigende Sterblichkeit weißer Arbeiter im Alter zwischen 45 und 54 Jahren.

Wagenknecht schrieb dieses Buch mit bebender Hand. Sie kann nicht akzeptieren, dass die Absolventinnen und Absolventen US-amerikanischer Eliteuniversitäten heute die Deutungsmacht darüber haben, was linke Politik sei. Bewusst überschreitet Wagenknecht die Grenze zur Polemik, wenn sie etwa die antirassistische Black-Lives-Matter-Bewegung oder die ökologische Fridays-for-Future-Gruppe zur selben linksliberalen Blase rechnet. In der jungen Zielgruppe dürfte sich die Bundestagskandidatin damit keine Freunde machen.

Die Autorin reißt mit ihrem Buch eine Kluft auf, die sich zumindest in den Feuilletons bereits seit geraumer Zeit abzeichnet. Die Political Correctness galt unter Linken lange Zeit als Schimpfwort, das von Konservativen erfunden wurde, um Feminismus, Antirassismus und generell den politisch engagierten Moralismus zu karikieren. Streckenweise liest sich Wagenknechts Spott über Gendertheorie und Cancel Culture daher wie ein Kommentar auf einem freiheitlichen Blog. Doch so einfach ist es nicht. Ihr Einwurf wird eine Kontroverse darüber auslösen, wofür linke Politik überhaupt noch steht.

Wagenknecht liefert reichlich Futter. In deutlichen Worten stellt sie die Luxusmoral ihrer vermeintlichen Bündnispartner bloß, die gegen das Einfamilienhaus agitieren und doch am liebsten in einer Villa wohnen. „Die einen weißen heterosexuellen Postzusteller mit 1000 Euro netto im Monat und Rückenleiden privilegiert nennen gegenüber dem homosexuellen Sohn eines höheren Beamten, der gerade sein Auslandssemester in den USA beendet.“ Das Resümee fällt vernichtend aus: „Am Ende werden wir feststellen, dass der Linksliberalismus dem Gesellschaftsbild des Neoliberalismus nähersteht, als viele seiner Anhänger glauben.“

Mit ihrer Polemik steht Wagenknecht in einer Tradition. Bereits um 1900 agitierten marxistische Aktivistinnen gegen bürgerliche Feministinnen, die über den Frauenrechten die Eigentumsverhältnisse vergessen würden. Im Leninismus stand auf Kosmopolitismus die Todesstrafe und die radikale Sixties-Linke bekämpfte in K-Gruppen den Narzissmus der Hippies.

Für echte Kollektivisten roch die zutiefst liberale Forderung nach Menschenrechten – die psychische und physische Integrität des Individuums – immer ein bisschen nach Abweichlertum. Tunlich vermeidet es Wagenknecht, Reizwörter wie Kommunismus, Produktionsmittel oder Enteignung in den Mund zu nehmen, aber das Ressentiment gegen die besitzende Klasse zieht sich, selbst etwas selbstgerecht, wie ein roter Faden durch „Die Selbstgerechten“.

In den Passagen über die goldenen Jahre des Wohlfahrsstaates spürt man, wofür ihr Herz schlägt. Fast übermütig beschreibt sie das etwas spießige Arbeitsethos von „Maß und Mitte“, jene Ära, als sich die gewerkschaftlich gut organisierten Facharbeiter in Sicherheit wiegten, genug verdienten, um mit dem Auto nach Italien auf Urlaub zu fahren. Sie waren stolz auf ihr Werk, solidarisch mit den Kumpels und gaben sich mit zwei Fernsehkanälen zufrieden.

Ähnlich wie der Philosoph Didier Eribon in seiner vieldiskutierten Autobiografie „Rückkehr nach Reims“ erinnert die Autorin an die Zeit der Vollbeschäftigung. Doch anders als Eribon erwähnt sie die Abgründe nur am Rande: den Hass auf Schwule und Gastarbeiter, die Gewalt gegen Frauen, den Stumpfsinn industrieller Arbeit, vor der die Jugend in Rock ’n’ Roll, Drogen und Literatur flüchtete. Wagenknechts Abneigung gegenüber den akademischen Großstadtmilieus speist sich aus der Verklärung des verlorenen Arbeiter- und Handwerkerparadieses.

Wenn Wagenknecht von Identität spricht, meint sie nicht Ethnie oder Geschlecht, sondern Klasse. Sie imaginiert eine Idylle, in der Familie, Heimat und Mäßigung Halt geben, ein Konservativismus, der angesichts regierender Machtzyniker in den christdemokratischen Parteien geradezu putzig wirkt. Die sonst so Bodenständige hebt ab. Für Wagenknechts vormoderne Identitätspolitik müssen erst noch Zielgruppen gefunden werden.

Jene Passagen schmerzen am meisten, wo Wagenknecht alles auspackt, was das linksliberale Publikum nicht gern hört: die Überlastung der Sozialsysteme durch unkontrollierte Zuwanderung oder die Entstehung migrantischer Parallelgesellschaften, in denen „Blondschöpfe“ zur Minderheit werden. Kritik am Ideal einer Einwanderungspolitik, die zwischen Flüchtling und Arbeitsmigrant unterscheidet, würde pauschal als rechts und rassistisch verdammt. Rechtspopulisten Matteo Salvini oder Herbert Kickl formulieren das ähnlich. Doch nun spricht eine unverdächtige Autorin Tatsachen aus und trifft die Sollbruchstelle linker Politik. Mit Antirassismus und Faschismuskeule lassen sich diese Probleme nicht lösen.

Das Ressentiment gegen die Gewinner schlägt im zweiten Teil des Buches in Sympathien für die Deklassierten um. Hier steigt Wagenknecht vom Gas und bemüht sich um eine möglichst sachliche Argumentation. Jene, die derzeit gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, sind in ihren Augen weniger Virus-Leugner, sondern Menschen, die Angst um ihre Zukunft haben.

Sie nennt auch gute Gründe für die oft als rechts verdammte EU-Skepsis, sieht sie in Brüssel doch in erster Linie Verbündete der Konzerne sitzen. Wie Wagenknecht den Nationalstaat als Solidargemeinschaft verteidigt, der Zugehörigkeit und soziale Gerechtigkeit ermöglicht: Chantal Mouffe, die Vordenkerin des Linkspopulismus, hätte es nicht besser formulieren können.

Matthias Dusini in Falter 16/2021 vom 23.04.2021 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783593513904
Erscheinungsdatum 14.04.2021
Umfang 345 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Campus
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