»Über der Tatra blitzt es«

Die umkämpfte Demokratie in der Slowakei
211 Seiten, Taschenbuch
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Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Politik und Staat Politische Strukturen und Prozesse Demokratie
ISBN 9783593522050
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 30.04.2026
Größe 23.3 x 15.2 cm
Verlag Campus
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HerstellerangabenAnzeigen
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
Werderstr. 10 | DE-69469 Weinheim
info@campus.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Seit dem erneuten Regierungsantritt des europafeindlich und russlandnah auftretenden Ministerpräsidenten Robert Fico in der Slowakei rückt das Land zunehmend ins Rampenlicht internationaler Politik. Innenpolitisch gebärdet sich die Regierung nicht weniger aggressiv. Ihre entschlossene Politik kann als Drehbuch für Rechtsstaatsabbau und Autokratisierung im 21. Jahrhundert gelten. In der deutschsprachigen Öffentlichkeit fehlen bislang jedoch gründliche Analysen der Situation des kleinen Landes an der Grenze der Europäischen Union. Martina Winkler schließt diese Lücke und vermittelt die gegenwärtige Situation in der Slowakei – auf der Folie anderer Länder in Ost- und Mitteleuropa – kompakt, gut lesbar und kritisch. Das Buch stellt die aktuellen Probleme und Konflikte vor und bezieht historische Zusammenhänge ein, sowohl für die Zeit vor 1989 als auch für die postsozialistische Phase. Es analysiert zudem die sich wandelnde Position der Slowakei im ostmitteleuropäischen Kontext, in den Strukturen von EU und NATO sowie in der Beziehung zu Russland. Das Buch zeichnet das Bild einer Demokratie unter Druck, untersucht die Strategien und Netzwerke autokratisierender Politik und fragt nach den Chancen der demokratischen Zivilgesellschaft.

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Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Politik und Staat Politische Strukturen und Prozesse Demokratie
ISBN 9783593522050
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FALTER-Rezension

Neben Robert Fico wirkt Herbert Kickl wie ein Lehrbub der Autokratie

Barbaba Tóth in FALTER 24/2026 vom 10.06.2026 (S. 18)

Jetzt, wo Viktor Orbán als Lehrbeispiel für chauvinistische Machtpraxis weggefallen ist, lohnt es sich, sich mit einem ideologischen Ableger des ungarischen Autokraten zu beschäftigen: mit Robert Fico, zum dritten Mal Premier der Slowakei und, wie Orbán, eine der prägenden Figuren der jüngeren Geschichte seines Landes.

Die deutsche Ostmittel-und Osteuropahistorikerin Martina Winkler, Professorin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hat praktischerweise gerade ein kritisch-präzises Porträt Ficos und seiner Heimat, der Slowakei, geschrieben. Auf knapp 180 Seiten erzählt Winkler in ihrem Buch mit dem poetischen Titel "Über der Tatra blitzt es"(das ist die erste Zeile der slowakischen Nationalhymne) alles, was man wissen muss über die politischen Eigenarten dieses Landes mit 5,45 Millionen Einwohnern, das gerne übersehen wird.

Dabei ist die Slowakei das ideale politische Versuchslabor für Feinde der Demokratie -und ihre Verteidiger. Es bietet die perfekte mitteleuropäische Gemengelage: eine komplexbehaftete, späte Nationswerdung - die Slowakei existiert als Nationalstaat erst seit 1993 -, wie geschaffen für emotional aufgeladene Vergangenheitspolitik, wie Fico sie betreibt.

Eine überschaubare Elite, in der jeder jeden kennt und Korruption schnell gedeiht. Eine lebendige Zivilgesellschaft mit einer starken, freien Presse und Justiz, die sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs pro-europäisch und westlich orientiert hat und hochmobil ist. Der Braindrain der jüngeren, gut ausgebildeten Generation ist eines der Hauptprobleme der Slowakei.

Ein zersplittertes Parteiensystem, in dem Volksparteien weggeschmolzen sind und mitunter extremistische Ad-hoc-Personenbewegungen die Wahlkämpfe dominieren. In Summe also ein komplexes, sehr volatiles gesellschaftspolitisches Milieu. Moskau hat das "Versuchslabor Slowakei" längst für sich entdeckt und infiltriert es mit seiner Propaganda.

Winkler taucht in anschaulich geschriebenen Kapiteln in die einzelnen Sphären des Fico-Systems ein, das sie als "chauvinistisch" charakterisiert, weil hier alles zusammenkommt: Sexismus, Nationalismus und Autokratismus.

Sie leuchtet den gefährdeten Rechtsstaat aus, ein Mediensystem unter Druck, eine Energiepolitik, die sich bis heute an Moskau anbiedert, eine Außenpolitik "in alle vier Himmelsrichtungen", mit der Fico die EU triezt. Dazu eine volkstümelnde Kultur-und scharfe Anti-Gender-Politik -in der Slowakei ist seit kurzem in der Verfassung festgeschrieben, dass es nur zwei Geschlechter gibt.

Fico ist so schwer greifbar, weil er sich sowohl des Links-wie Rechtspopulismus bedient, völlig ideologiebefreit, je nach Bedarf. Seine Partei Smer ist im EU-Parlament deshalb derzeit fraktionslos. Das macht den slowakischen Regierungschef zum nächsten Prototyp eines Demokratiegefährders. Neben Fico wirkt FPÖ-Chef Herbert Kickl (der natürlich mit ihm kooperiert) mit seinem im Großen und Ganzen schlüssigen Weltbild wie ein Populismus-Lehrbub.

Das macht Winklers Werk nicht nur aus Wiener Sicht so lesenswert. Es dekliniert die nächsten Eskalationsstufen im Kampf gegen die etablierten europäischen Demokratien durch. Winkler zeigt aber auch auf, wie die slowakische, in harten Zeiten des Kommunismus in Dissidenz und Widerstand geübte Zivilgesellschaft Ficos Angriffe auf die Demokratie zumindest streckenweise ausbremst.

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