Zukunft machen wir später

Meine Deutschstunden mit Geflüchteten
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Seit September 2015 gibt die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger Deutschunterricht für Geflüchtete. Ihr Kreuzberger Anfänger-Kurs ist Teil einer freien Deutschkurs-Initiative für Menschen, die oft keine anderen Angebote zum Spracherwerb bekommen und die, wie es im Behördenjargon heißt, »keine gute Bleibeperspektive« haben. Aber nicht nur die Kursteilnehmer kämpfen mit trennbaren Verben und »den verdammten drei ›sie‹« der deutschen Sprache, auch Christiane Rösinger hat alle Mühe, das »Lernziel« zu erreichen und sich selbst zu integrieren. Bis das gelingt, schlägt sie sich mit den beiden größten Hindernissen für eine gelingende Integration herum - der deutschen Gesellschaft und der deutschen Grammatik.

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FALTER-Rezension

„Ich kann das Gejammer nicht mehr hören“

Die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger kommt nach Wien. Ein Gespräch über die Gentrifizierung Kreuzbergs, die Freuden des Älterwerdens, männliche Mitmenschen und andere Übel

Ob 9.30 Uhr ein passender Zeitpunkt für das Interview sei? Die Mailantwort aus Berlin kommt prompt. „Ab 10.30 ist besser“, schreibt Christiane Rösinger, ganz die alte Langschläfer-Bohème-Schule. Rösinger wurde in den 1990ern als Sängerin der Band Lassie Singers bekannt, in den Nullerjahren begann die studierte Germanistin, die so schön vieldeutig „ach“ sagen kann, auch Bücher zu schreiben. Nun kommt die 56-Jährige nach Wien, um ihr ausgezeichnetes zweites Soloalbum „Lieder ohne Leiden“ vorzustellen, ein neues Buch ist ebenfalls gerade erschienen (siehe Marginalspalte).

Falter: Frau Rösinger, ich erreiche Sie daheim in Ihrer Kreuzberger Wohnung, die Sie zu einem Lied Ihrer neuen Platte inspiriert hat. Sie müssen in absehbarer Zeit ausziehen, weil die Wohnung verkauft werden soll?
Christiane Rösinger: Ich wohne hier seit 30 Jahren zur Miete. Entsprechend billig ist sie, weil noch alte Verträge gelten. Durch den Immobilienboom werden in Berlin derzeit aber viele Wohnungen in Eigentum umgewandelt. Zum Glück ist der Gesetzgeber so weit eingeschritten, dass er diese Wohnungen unter Milieuschutz stellt, das heißt, ich kann erst in sieben Jahren rausgeworfen werden. Das hört sich nicht schlimm an, aber ich werde natürlich nie mehr eine leistbare Wohnung in Kreuzberg finden. Eine Zeit lang hat mich das sehr belastet, ich habe mir jetzt aber vorgenommen, nicht mehr drüber nachzudenken.

An sich wird der Spekulant in Kreuzberg aber nicht gerne gesehen, oder?
Rösinger: Inzwischen wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, dass man Mietwohnungen nicht mehr umwandeln darf, weil hier immer mehr Leute verdrängt werden. Für mich kommt das zwar zu spät, aber es gibt sehr viel Widerstand, der auch Erfolg hat und teilweise ein Umdenken bei Investoren bewirkt. Das Lied „Eigentumswohnung“ handelt aber nicht von mir als armem Opfer der Verdrängung, sondern von denen, die die Wohnung besichtigen.

Netten jungen Menschen, die auch mal ein T-Shirt Ihrer alten Band Lassie Singers tragen, wie das im Video zu sehen ist?
Rösinger: Diese Besichtigungssituation ist mir tatsächlich passiert. Die Kaufinteressenten sind nicht die feinen Münchener Herrschaften im Pelz, sondern junge Menschen, die in kreativen Berufen arbeiten oder studieren und Eltern mit genügend Geld haben. Als ich meinen Bekannten vorgejammert habe, dass ich meine Wohnung verliere, hieß es: „Ja, kauf sie doch!“ Wovon, dachte ich mir. Meine Eltern haben mir nicht viel hinterlassen, und welche Bank würde einer Songwriterin Mitte fünfzig schon einen Kredit geben? Offensichtlich bin ich in meinem Bekanntenkreis eine der ganz wenigen ohne Eigentumswohnung. Man spricht in Deutschland immer von verschämter Armut im Alter, hier aber hat man es mit verschämtem Reichtum zu tun. Alle tun so, als ginge es knapp her, dabei sind sie total abgesichert.

Was hat Sie als alleinerziehende junge Mutter einst nach Berlin gezogen?
Rösinger: Ich komme aus einem wirklich kleinen Dorf, und ich dachte, ich gehe in dieser völligen Abgeschiedenheit ein. Erzähle ich jungen Müttern von heute aus meinem Leben, komme ich mir vor wie eine Trümmerfrau. Meine Tochter war in einem alternativen Kinderladen, der von zehn bis 16 Uhr offen hatte, dazwischen konnte ich zur Uni gehen. Nebenher habe ich gearbeitet und die Band angefangen. Abseits der Bühne war ich zwar über Jahre hinweg müde und erledigt, aber irgendwie ging das.

Wie ist die Musik in Ihr Leben getreten?
Rösinger: Ich wollte schon mit vier Jahren Sängerin werden. Als Petula Clark ihren großen Hit „Downtown“ hatte, habe ich den meinen Verwandten als Bauernkind stundenlang auf dem Acker vorgesungen. Mein Lieblingsspiel war, dass ich Sängerin bin und im Fernsehen auftrete.

Wann haben Sie Ihren Traum verwirklicht?
Rösinger: Als Teenager. Wir waren einige Frauen zwischen 17 und 19, aber das hat in der Provinz einfach nicht funktioniert. In Berlin hat es auch eine Weile gedauert. Ich dachte immer, irgendjemand würde fragen: „Hey, willst du nicht die Sängerin unserer Band werden?“ Weil nie wer gefragt hat, haben wir eben die Lassie Singers gegründet. Ab da war mir klar, dass man alles selber machen muss.

Mit den Lassie Singers ist es im Kleinen wie mit der US-Punkband Ramones im Großen: Sie waren nie in der Hitparade, aber wer sie kennt, liebt sie.
Rösinger: Früher haben mir Leute immer erzählt, dass sie eine Kassette der Lassie Singers in der WG hatten, inzwischen heißt es: „Meine Eltern haben im Urlaub immer so eine Kassette im Auto gehört …“ Hättet ihr mal lieber alle die Platten gekauft, kann ich da nur sagen! Nein, ernsthaft, es ist natürlich schön zu hören, dass wir offenbar viele Menschen berührt haben. Tatsächlich saßen wir zwischen allen Stühlen. Unserer Plattenfirma waren wir auch nicht geheuer, deshalb hat sie nie viel Geld reingesteckt. Es waren dann doch eher die Jungs, die die großen Vorschüsse gekriegt haben.

Mit Hamburger Jungsbands wie Blumfeld haben Sie sich aber gut verstanden, oder?
Rösinger: Die Berliner Rocktypen haben sich an den Kopf gegriffen, dass wir einen Plattenvertrag bei einem großen Label bekommen, in Hamburg hingegen wurde man ernst genommen. Daraus entstand ein Zugehörigkeitsgefühl. „Wir sind die Berliner Abteilung für Erwachsenenbildung“, habe ich irgendwann gesagt, denn ich war immer schon ein paar Jahre älter. Einzelne Vertreter der sogenannten Hamburger Schule haben mich oder uns als Band sehr unterstützt, aber es war halt eine reine Jungsveranstaltung. Heute ist das auch nicht anders. Es sind immer die Indie-Jungsbands, da hat sich über die Jahre nichts getan.

Mit Andreas Spechtl von der Indie-Jungsband Ja, Panik arbeiten Sie immer wieder zusammen. Was verbindet Sie?
Rösinger: Er ist ein wahnsinnig guter Musiker, der jedes wichtige Instrument spielen kann. Dazu hat er einen sehr guten Geschmack, was wichtig ist, denn was nützt mir ein guter Handwerker, der aber der letzte Mucker ist. Die gegenseitige Wertschätzung ist groß, und er ist auch genau so streng wie ich, wir finden beide fast alles andere scheiße. Wie ich hat auch Andreas manchmal einen Hass auf alles.

Die Musikwelt beispielsweise?
Rösinger: Unser Album „Songs of L. and Hate“ hatte 2010 lauter gute Besprechungen und für Indie-Verhältnisse hat es sich auch gar nicht schlecht verkauft. Unterm Strich haben Andreas und ich aber weniger Geld dafür bekommen als wir reingesteckt hatten. Unter diesen Bedingungen erschien mir vorübergehend alles als sinnlos. Früher hat man als Girlband nichts gerissen, jetzt ist es als ältere Frau erst recht so. Irgendwann dachte ich aber: Ach, was soll’s, ich mache jetzt einfach noch eine Platte!

Auf gewisse Weise spielen Sie mit „Lieder ohne Leiden“ in einer eigenen Liga.
Rösinger: Es mag sich ein bisschen arrogant anhören, aber ich dachte mir wirklich: Die Themen, über die ich singe, behandelt in Deutschland sonst niemand. Also mache ich es halt noch einmal.

Eines dieser Lieder, die außer Ihnen niemand singt, heißt „Joy of Ageing“. Worin liegen die Freuden des Älterwerdens?
Rösinger: Der Titel zitiert ein Buch aus den 60ern, „The Joy of Sex“. Als Witz, weil „The Joy of Sex“ ja so ziemlich das Gegenteil vom „Joy of Ageing“ ist. Älterwerden ist aber unvermeidlich, es sei denn, man stirbt. Natürlich gibt es viele Sachen, die nicht so schön sind, aber ich kann das Gejammer nicht mehr hören. In der Zeitung lese ich ständig von der Unsichtbarkeit der Frau über 40 oder dieses ewige „Oh Gott, Wechseljahre, schrecklich, da ist es vorbei!“. Mich nervt das total. 50 zu werden gibt dir eine neue Freiheit: Alles ist plötzlich ein bisschen egal, aber auf eine total gute Art. Männer werden auch nicht jünger, aber sie machen nicht so ein Theater darum. Und warum? Weil auch um sie nicht so ein Theater gemacht wird.

Im Text zitieren Sie den britischen Schwermutkaiser Morrissey. „Sixteen, clumsy and shy“ hat der mit seiner Band The Smiths gesungen, Sie machen daraus „Fifty, clumsy and shy“.
Rösinger: Bei den Smiths geht es um eine Melancholie, die man in der Jugend hat. „Joy of Ageing“ dagegen durchzieht eine Grundmelancholie, die einen ein Leben lang begleitet. Ich glaube auch nicht, dass ältere Leute groß anders sind als jüngere. Anders sind nur die zwischen drin. Im Seniorenalter kannst du auch wieder mehr rumhängen, lange schlafen …

„Männliche Mitmenschen, statt XX seid ihr XY, bitte macht was draus“, haben Sie mit den Lassie Singers gesungen. Auf der neuen Platte heißt es nun: „Manche Dinge, die versteht ihr nie, Diversity und Gendertheorie. Andere nehmen eure Plätze ein, sie werden nicht so weiß und männlich sein.“ Ist das eine weniger fröhlich gestimmte Fortsetzung?
Rösinger: Die männlichen Mitmenschen haben sich diskreditiert. Das Lied würde ich heute nicht mehr so schreiben, es ist zu freundlich. „Was jetzt kommt“ soll eine Art Abgesang sein. Die Männer sitzen nach wie vor überall an den Hebeln, aber das Lied ist eine Utopie. Von wegen: „Damals, da gab es das alles noch, da haben die Männer alles bestimmt. Jetzt aber ist alles anders!“ Ein bisschen habe ich dabei an Bob Dylans „The Times They Are A-Changin’“ gedacht, in dem er sagt: „Autoren, Kritiker, Kongressabgeordnete, geht mal ein Stück zur Seite, jetzt kommt was Neues!“

Laut aktuellem Bescheid steht Ihnen ab 2021 eine Pension in Höhe von 180 Euro monatlich zu, verraten Sie in Ihrem Buch „Zukunft machen wir später“. Auf der neuen Platte wiederum singen Sie ein „Lob der stumpfen Arbeit“. Wünschen Sie rückblickend denn, Sie hätten Ihr Leben anders angelegt und anstatt der unsteten Kunst mehr stumpfe Arbeit gemacht?
Rösinger: Im Moment bin ich wahnsinnig glücklich, dass ich diesen Job als Deutschlehrerin für Geflüchtete auf der Volkshochschule habe. Dazu bin ich durch ehrenamtliche Arbeit in diesem Bereich gekommen, die ich ein Jahr lang gemacht habe. Nach einer Zusatzausbildung mache ich das jetzt für Geld. Tatsächlich war eine Kolumne für FM4 in all den Jahren davor lange Zeit meine einzige fixe Einnahmequelle.

Sie wissen die Sicherheit nun zu schätzen?
Rösinger: Ich habe erstmals einen regelmäßigen Job mit einem guten Stundenlohn, und darüber bin ich in der Tat sehr froh. Mit dem Bücherschreiben ging es schon besser als mit dem Musikmachen, zwischendurch habe ich mir in all den Jahren aber wirklich oft Sorgen gemacht, wie es weitergehen soll, und nachts nicht schlafen können. Ich wünschte, ich hätte vorher schon so einen Job gehabt. Zu verdanken habe ich ihn den vielen Geflüchteten, denn als Germanistin ohne pädagogische Ausbildung zu unterrichten, wäre vor 2015 nicht gegangen.

Gar kein Hadern mit der Vergangenheit?
Rösinger: Rückblickend hätte ich gleich 1994 nach Abschluss des Studiums die Zusatzausbildung machen können, um unterrichten zu dürfen. Ansonsten finde ich aber alles in Ordnung.

Freuen Sie sich eigentlich auf die Tournee zum Album, oder ist das Herumfahren und Konzertespielen inzwischen doch eher eine beschwerliche Angelegenheit?
Rösinger: Beschwerlich? Im Gegenteil! Das Touren ist der Hauptgrund, überhaupt noch eine Platte zu machen. Unterwegs zu sein und zu spielen ist das Beste überhaupt. Ich freue mich so darauf, die Tour ist eigentlich mein Urlaub.

Gerhard Stöger in Falter 14/2017 vom 07.04.2017 (S. 36)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783596298044
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 16.03.2017
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Format Taschenbuch
Verlag FISCHER Taschenbuch
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