Indianer und Pirat
Kindheit eines begabten Störenfrieds

von Jón Gnarr

€ 19,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Betty Wahl
Übersetzung: Tina Flecken
Verlag: Tropen
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 253 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.05.2015


Rezension aus FALTER 31/2016

Gedanken eines Außenseiters

Es muss nicht der Glaube oder die Hautfarbe sein, die einen zum Außenseiter macht. Manchmal reicht auch ein roter Schopf. Jón Gnarr erzählt in Ich-Form, wie er sich damals als fantasievoller, aber nicht ins System passender Schüler zum Problemkind entwickelte. Nach einer Phase des Selbsthasses wandte er sich vom System ab, das ihm die Luft zuschnürte, und fand sein Heil als Punk im Anarchismus. „Indianer und Pirat“ ist der zweite Teil einer Autobiografie des Komikers und Schauspielers Jón Gnarr, der mit seiner Spaßpartei Besti flokkurinn („Beste Partei“) kurz nach dem Bankencrash in Island im Jahr 2010 zum Bürgermeister der Hauptstadt Reykjavík gewählt wurde. Ein heiteres Buch eines Politkomikers, das für den gesellschaftlichen Rand sensibilisiert und bei dem einem so mancher Lacher im Hals steckenbleibt.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 31/2016 vom 05.08.2016 (S. 17)



Rezension aus FALTER 32/2015

Der Traum vom Anarcholand

Jón Gnarr ist Comedian, Schriftsteller und Anarchist. Bekannt wurde er als Bürgermeister von Reykjavík. Nun sind seine Kindheitserinnerungen auf Deutsch erschienen.

Er ist Noam Chomskys Lieblingsbürgermeister, und ginge es nach Lady Gaga, sollte es mehr Stadtoberste wie ihn geben. 2010 wählten knapp 35 Prozent der Wahlberechtigten Reykjavíks die „Beste Partei“, die aus einer Satireshow entstanden war. So wurde der Schauspieler, Comedian und Autor Jón Gnarr Bürgermeister, just zu einer Zeit, als Island kurz vor der Pleite stand. Das Wunder geschah: Nach vier Jahren Gnarr waren die Finanzen der Hauptstadt saniert.
Nach nur einer Amtszeit kehrte Jón Gnarr 2014 dem Rathaus den Rücken, obwohl er sicherlich wiedergewählt worden wäre. Oder überhaupt Präsident von Island hätte werden können. Doch er meint: „Es gibt genug Männer mittleren Alters in der Politik. Und ich wäre nur einer mehr gewesen, vielleicht mit einer etwas anderen Idee.“ Und das war einem wie Jón Gnarr einfach zu wenig.
Heute ist der Ex-Politiker Schriftsteller. Die ersten beiden Teile seiner Kindheitserinnerungen, die er als Roman verfasst hat, sind nun auf Deutsch erschienen, unter dem Titel „Indianer und Pirat“. Auf Einladung des Kulturvereins Aktionsradius Augarten kam Gnarr nach Wien. Er ist eine beeindruckende Erscheinung: groß, mit rotblondem struppigen Haaren, hellen kleinen Augen und breitem Lächeln. Doch wenn er lacht, bleibt immer ein Teil seines Gesichts unbewegt.
Auf dem rechten Unterarm prangt das Logo der britischen 70er-Jahre-Punkband Crass, auf der Innenseite des linken Unterarms das Wappen von Reykjavík. Er scheint vor Kraft zu strotzen und gleichzeitig auf der Hut vor irgendeinem Schlag aus dem Hinterhalt zu sein. Hat man die ersten beiden Teile seiner Kindheitsbiografie gelesen, darf man zusammenfassen: ein Verletzter, ein Kämpfer, am Ende ein Sieger.
Auf Fragen antwortet Gnarr nachdenklich, weit ausholend. Er philosophiert über Anarchie als Form des Sozialismus, erzählt, wie er Schüler ins Rathaus einlud, die gegen Mobbing kämpften, und über seine Zeit als Punk, allein auf den weiten Fluren Islands, als er selbst regelmäßig Opfer von Mobbing wurde.
Während er spricht, sitzt seine Frau Jóga an einem Nachbartisch, „der wichtigste Mensch in meinem Leben“, wie er oft in Interviews bemerkt. Wenn sie aufsteht, eine schöne, mächtig wirkende Frau, scheint Gnarr klein, schwach und zierlich. Er sagt: „Ich bin abhängig von meiner Familie und meinen Freunden, denn ich habe manchmal Blackouts. Einmal rief mich mein bester Freund an und ich rief ihn zurück und fragte ihn: Ich habe deine Nummer in meinem Telefon, wer bist du? Und er sagte: Ich bin dein bester Freund.“
Der erste Teil der Biografie, „Indianer“, erschien in Island schon 2006. Doch damals interessierte sich kaum jemand dafür. Gnarr war bekannt als Comedian, da war eine problematische Kindheit nicht weiter verwunderlich.
Der zweite Band folgte 2012, als Gnarr bereits Bürgermeister war. Nun fand das Buch reißenden Absatz, auch international: Da wird einer Bürgermeister inmitten der Wirtschaftskrise, der sich über Politik am liebsten lustig macht. Und dieser „Clown“, wie Gnarr von seinen Gegnern oft abfällig genannt wurde, war dann auch noch als Kind in der Psychiatrie, weil er seine Aggressionen nicht kontrollieren konnte, steckte sich Sicherheitsnadeln durch die Ohren und rieb seine Jeans so lange mit Sandpapier ab, bis sie Risse bekamen.
Er schwänzte die Schule, verbrachte seine Tage auf dem Busbahnhof von Reykjavík und war wütend auf die Eltern, die Schule und alle Menschen, die ihn in seinem jungen Leben schon Gewalt angetan hatten. Weil er anders war, ein Punk und ein Anarchist. Gnarr erzählt in einfachen, eindringlichen Sätzen, mit dem Kopf eines Kindes, aber der Erfahrung eines Erwachsenen: „Dieses Buch habe ich für Menschen geschrieben, die als Underdogs gesehen werden. Und für Menschen, damit sie Underdogs besser verstehen“, sagt Gnarr. Er wird seinen Absichten gerecht, es ist ein humorvolles Buch über eine verzweifelte Kindheit, das Hoffnung gibt und mit vielen neuen Ideen aufwartet, wie denn eine Gesellschaft noch funktionieren könnte.
Gnarr schreibt über sein Anderssein, wie er sich unverstanden und unnütz fühlte. Aus Punk und Anarchie destillierte er sich seinen Sinn im Leben. Das war in Island Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre gar nicht so einfach. „Man war immer der einzige Punk im Dorf, der einzige Schwule, der einzige Hippie“, sagt Gnarr. Selbst in Reykjavík, wo er aufwuchs, gab es nicht viele, die von der Norm abwichen.
Doch das Wichtigste waren für ihn als Punk weder die zerfetzen Kleider noch die Rebellion als Selbstzweck. Jón Gnarr ging es um die Idee hinter den Begriffen Anarchie und Punk. Gegen deren Stigmatisierung kämpft er auch heute noch. Anarchismus sei nämlich nicht Regellosigkeit oder Chaos ohne Verantwortung, sondern Freiheit mit Verantwortung.
Gnarrs Utopia ist „Anarcholand“, wo Kreativität, Hilfsbereitschaft und Frieden herrschen. Jeder kann machen, was er will, solange er den anderen nicht wehtut. Eine Annäherung, die naiv wirkt, die aber nichts anderes ist als das Fundament von Gnarrs Lebensphilosophie: Menschenfreundlichkeit.
Anarcholand hat er noch nicht gefunden. Wahrscheinlich ist es auch unerheblich, ob sein Traumland diesen Namen beibehält oder ob es als direkte soziale Demokratie bezeichnet wird. Wichtig ist, dass es Menschen wie Jón Gnarr gibt, die daran glauben. Und darüber schreiben.

Stefanie Panzenböck in FALTER 32/2015 vom 07.08.2015 (S. 27)


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