Freie Fahrt fürs Prekariat der Gegenwart
Klaus Nüchtern in FALTER 9/2026 vom 25.02.2026 (S. 30)
Sie tragen Yamm-Gelb, Bring-Bring-Grün oder Chick-Chack-Rot. Die Rede ist von den Uniformen der Essenszusteller, die durch die Straßen von Tel Aviv, Dehli oder Istanbul brausen und für das zeitdiagnostisch-brisante Aroma von Tomer Gardis Buch "Liefern" sorgen, dem der Klappentext attestiert, "so international, so politisch und leichtfüßig" zu sein wie "lange kein deutscher Roman".
Von diesen Behauptungen trifft zu, dass der aus Israel stammende und in Berlin lebende Autor die meisten, über einige Figuren lose miteinander verknüpften, Geschichten auf Deutsch geschrieben hat; ein Deutsch, das im Gebrauch von Tempora und Konjunktiven, gelinde gesagt, erratisch ist, und dem sich auch die aus dem Hebräischen übersetzte, 90 Seiten starke Story "Mimesis" mimetisch anverwandelt hat.
Die Texte strotzen vor falschen idiomatischen Wendungen, missglückten Metaphern und schiefen Vergleichen. Da "brodelt" einem "sein Sieg aus allen Poren", steigt jemand die Treppe hoch "wie ein Hühnchen auf Himmelfahrt". Hatte Gardi in "Broken German" (2016) das gebrochene Deutsch von Migranten noch als pfiffigen Kunstgriff und politisches Statement eingesetzt, ist sein jüngstes Werk bloß schlecht geschrieben.
Ein Vollverhau ist "Liefern" aber auch, wenn es um Figurenzeichnung, Handlungsführung oder Erzählökonomie geht. Von Letzterer kann nämlich keine Rede sein. Da erleidet eine Zufallsbekanntschaft des zum Zwecke einer Haartransplantation nach Istanbul gereisten Ich-Erzählers einen dreißigseitigen Laberflash, der von einem geplatzten Kondom seinen Ausgang nimmt (was man halt einem Touristen so erzählt, den man kurz davor buchstäblich an der Angel hatte); da werden banale Alltagsverrichtungen über Seiten ausgebreitet: Bikes werden abgesperrt, Klingelknöpfe gedrückt, es wird ausgiebig auf Handydisplays, ja überhaupt viel "geguckt". Hätte man die Lektoren nicht eingespart, diese hätten es allerdings so schwer gehabt wie die indischen Verkehrspolizisten aus "Mimesis", die "versuchten, aussichtslos, Ordnung in die festgefahrene Ordnung zu bringen".



