Der Fetzen

von Philippe Lançon

€ 25,80
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Übersetzung: Nicola Denis
Verlag: Tropen
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 551 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Das Leben nach dem Überleben

Der Charlie-Hebdo-Journalist Philippe Lançon überlebte den Anschlag nur knapp. Nun erinnert er sich

Philippe Lançon hat einiges hinter sich. 282 Tage in fünf Krankenhauszimmern. 17 Operationen durch seine Chirurgin Chloé. Vermutlich lebenslange Panikattacken.

Philippe Lançon ist ein Terroropfer. Und erfahrener Journalist. Bevor sein Leben innerhalb weniger Minuten aus den Fugen geriet, arbeitete er als Literaturkritiker und Kolumnist für die französische Tageszeitung Libération und für die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo. Am 7. Jänner 2015 saß er in der Redaktionskonferenz, als die beiden Brüder Chérif und Saïd Kouachi die Redaktion stürmten und auf jeden schossen, den sie vorfanden.

Lançon überlebte schwer verletzt. Das untere Drittel seines Gesichts wurde durch einen Treffer entstellt, was ihn zu einer jahrelangen Rehabilitation zwang. In seinem als Roman untertitelten Buch „Der Fetzen“ beschreibt er in brillanter Prosa sein Leben vor und nach dem Attentat. Es ist ein intensiver, ein berührender und aufrichtiger Text, der sich viel Zeit für die Schilderung des Anschlags und die belastende Zeit der Genesung nimmt.

Vor dem schicksalhaften Vormittag sieht es gerade ziemlich rosig aus im Leben des Best Ager. Er hat eine spannende journalistische Karriere hinter sich, die ihn seit 30 Jahren erfüllt. Gerade hat er eine Einladung erhalten, um an der Eliteuniversität Princeton ein Seminar über lateinamerikanische Literatur zu halten. Er freut sich auf die Aussicht, die nächsten Monate mit seiner Freundin in New York zu verbringen.

Am Abend des 6. Jänner 2015 geht er mit einer Bekannten ins Theater, er sieht Shakespeares „Was ihr wollt“. Am 7. Jänner verfolgt er in der Früh ein Radiointerview mit Michel Houellebecq anlässlich des Erscheinens von dessen umstrittenen Roman „Unterwerfung“. Darin wird eine düstere, nahe Zukunft ausgemalt, in der sich die französische Wählerschaft vor die Entscheidung gestellt sieht, rechtsextrem oder einen gemäßigt auftretenden Muslim zu wählen, der nach seiner Wahl zum Präsidenten ein islamistisches Regime installiert. Lançon hat den Roman bereits vor dem Erscheinen gelesen und für die Libération rezensiert, er will Houellebecq in wenigen Tagen zum Interview treffen. Doch dazu wird es nicht mehr kommen. In seinem langsamen Herantasten an das Geschehen spart Lançon nicht mit Vorwegnahmen und Parallelisierungen.

„Die Mörder trafen also ihre Vorbereitungen, während er (Houellebecq) mit scheinbar schläfriger Stimme über die Republik und den Islam dozierte. Sie überprüften ihre Waffen, während er in gedämpftem Tonfall seine Provokationen nuschelte. Zwei Stunden später sollte seine Fiktion von dem Auswuchs eines von ihr beschworenen Phänomens eingeholt werden. Die Entwicklung der Krankheiten, die man diagnostiziert, auslöst oder wachhält, lässt sich nie kontrollieren. Die Welt, in der Houellebecq lebte, hatte noch mehr Fantasie als die, die er beschrieb.“

Es ist ein seltsamer Text, den Lançon hier auf über 500 Seiten ausbreitet. Die Geschichte ist natürlich außergewöhnlich und erzählenswert. Der Entschluss, den Bericht mit allerhand Abschweifungen über geführte Interviews, Reportererlebnisse, Lektüren und verflossene Beziehungen anzureichern und sie auf diese Weise ins Literarische zu hieven, ist freilich missglückt. An keiner Stelle wird „Der Fetzen“ zum Roman, nirgends findet eine Perspektivierung statt, die die referierten Begebenheiten transzendieren würde. Sieht man davon ab, bleibt nichtsdestotrotz ein Text, der die Lektüre lohnt. Es sind die geschulten Beobachtungen eines Mannes, der unverschuldet zum Opfer einer gesellschaftlichen Dynamik wird, in der dessen relativ bequeme Position ihn auf einmal zur Zielscheibe macht.

Philipp Lançon selbst hat, wie er schreibt, Charlie Hebdo bereits als Heranwachsender gelesen. Als er Jahre später dort anheuert, beschreibt er die Redakteure, die dort verblieben sind, als „Gruppe mehr oder weniger enger Freunde in einer mittlerweile völlig ruinierten Zeitung, die praktisch am Ende war. Wir wussten es, aber wir waren frei. Wir waren da, um Spaß zu haben, uns anzuschnauzen und eine trostlose Welt nicht ernst zu nehmen.“

Genau diese Haltung isolierte Charlie Hebdo auch innerhalb der Linken. Bereits 2011 hatte Lançon miterlebt, dass ein Anschlag mit Molotowcocktails auf die Redaktion verübt wurde. Sein Bericht darüber bezeugt, was die zunehmende gesellschaftliche Spannung in Teilen des liberalen Spektrums auslöst: Zweifel, Angst, ein Wegbrechen von Gewissheiten.

Es ist die große persönliche Leistung Lançons, trotz seiner traumatischen Erfahrungen nicht den Blick für diese Verhältnisse zu verlieren: „Die extremste Form der Kritik konnten nur Unwissende oder Ungebildete üben, das lag in der Natur der Dinge und entsprach exakt dem, was gerade passiert war: Wir waren den effizientesten Zensoren zum Opfer gefallen, denen, die alles ausradieren, ohne eine einzige Zeile gelesen zu haben.“

Auf dem langen Weg zur Genesung erlebt Lançon unvorhergesehene Bekundungen von Solidarität. Er zitiert viele E-Mails von Fremden, die ihm geschrieben haben, um ihm von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen und ihm Mut zuzusprechen. Darunter sind auch andere Anschlagsopfer. „Der Fetzen“ erweist sich am Ende doch noch als ein Buch, das eine geschickte Konstruktion aufweist.

Nach seinen endlosen Tagen in diversen Krankenzimmern kämpft sich der Autor schreibend und reflektierend ins Leben zurück. Im November 2015 wird er von der University of Princeton zu einer Diskussion mit dem Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa eingeladen. Ein Teil des guten Lebens scheint zurückzukommen. Während seines USA-Aufenthalts ereignen sich in Paris weitere Anschläge. Nur wenige Kilometer von der Charlie Hebdo-Redaktion entfernt wird im Bataclan-Theater ein Massaker verübt. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, es ist kein Ende in Sicht. Philippe Lançon schildert mit Verve und starken Formulierungen die persönlichen und gesellschaftlichen Kosten des Terrors.

Florian Baranyi in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 24)


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