
„Die Idee der Dissidenz fasziniert mich“
Robert Misik in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 26)
Michal Hvorecký, 49, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Slowakei. Sein Roman „Troll“ wurde gefeiert und preisgekrönt – als frühes Erspüren autoritärer Gefahren. In seinem politischen Großessay „Dissident“ erweist er sich nun einmal mehr als wichtige Stimme der liberalen und demokratischen Opposition seines Landes. Er berichtet vom Strafverfahren, das die Kulturministerin gegen ihn angestrengt hat – genauso wie über die Jahrhunderte, die eine verunsicherte slowakische Identität geprägt haben.
Falter: Herr Hvorecký, Ihr Buch startet mit dem Jahr 1989 oder, wie Sie es nennen: „Mein Aufbruch in die freie Welt“. Wie haben Sie es erlebt?
Michal Hvorecký: 1989 bedeutete: neues Leben. Dieses Jahr der Wende, der Samtenen Revolutionen, des Mauerfalls – es war ein echter Bruch. In meiner Biografie, aber auch in der Geschichte einer ganzen Region. Plötzlich war alles anders. Es waren Monate und Jahre der Euphorie.
Sie waren damals 13 Jahre alt ...
Hrovecký: Ja. Mein Cousin war noch im März 1989 nach Österreich ausgewandert, und wir waren überzeugt, dass wir uns nie wieder sehen würden. Wir, die wir damals 13 Jahre alt waren, sind wirklich eine glückliche Generation. Plötzlich war die Grenze offen, wir hatten ein ganzes Leben vor uns – aber wir hatten doch auch die Zeit des Realsozialismus erlebt. Wir können zwischen dem Leben in der Despotie und dem Leben in der Freiheit vergleichen. Wir waren die Hilfskräfte der Revolution, während die Abiturienten auf den Bühnen schon die großen Reden hielten. Wir erlebten unsere Rückkehr nach Europa.
„Ich wurde in einer Diktatur sozialisiert und bin deswegen Demokrat“, schreiben Sie. Ist denn die Diktatur eine Schule der Demokratie?
Hvorecký: Wenn ich heute Propagandisten sehe und höre, etwa die pro-russischen Propagandisten im Putin-Fernsehen – dann erinnert mich das an meine Kindheit. Ich kenne diese Typen, ich kenne diesen Typus. Deswegen bin ich auch meiner Erfahrung aus der Kindheit dankbar. Ich weiß, wie es ist, in autoritären Regimes aufzuwachsen und der Gehirnwäsche ausgesetzt zu sein.
Sie erzählen, welche Rolle die österreichischen Medien 1989 spielten, der ORF, aber sogar die kommunistische Volksstimme.
Hvorecký: Für uns und vor allem die deutschsprachigen Familien in Bratislava waren österreichische Medien wirklich die Verbindung zur freien Welt.
Die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi war extrem bekannt, in Prag riefen Tausende: „Barbara, wir lieben dich!“
Hvorecký: Wir alle erinnern uns, wie 1988 eine Demonstration in Bratislava niedergeschlagen wurde und Coudenhove-Kalergi darüber berichtete. Im ORF haben wir Informationen über die Geschehnisse in unserem Land bekommen. Wir haben einfach alle ORF geschaut und kannten uns total in der österreichischen Innenpolitik aus. Wir wussten über Intrigen der österreichischen Politik mehr als über die der tschechoslowakischen. Und in der Volksstimme, der Zeitung der KPÖ, waren auch pluralistischere Beiträge als in unseren Zeitungen – außerdem war dort das Fernsehprogramm des ORF abgedruckt.
Senkt sich jetzt über die Slowakei ein neuer Eiserner Vorhang oder zumindest ein neuer Autoritarismus, der die Freiheit erdrückt?
Hvorecký: In den vergangenen zwei Jahren änderten sich das Land und die Gesellschaft und der Druck der Macht ist stärker geworden.
Der autoritäre Populist Robert Fico
ist als Premierminister zurückgekehrt
und koaliert mit einer noch rechtsextremeren Partei, die auch die Kulturministerin
stellt, Martina Šimkovičová. Sie haben
sie als Neofaschistin bezeichnet
und wurden von ihr verklagt, es gab ein
langes Ermittlungsverfahren,
Ihnen drohten bis zu fünf Jahre Haft.
Hvorecký: Es gibt unglaublichen Druck auf die Kulturszene, die Direktoren der führenden Institutionen wurden ausgetauscht und durch regierungstreue Leiter ersetzt, und es gibt natürlich auch viele, die sich der Situation anpassen. Diese Rechtsaußenpartei will eine autoritäre Herrschaft.
Das Geschehen der letzten Jahre
erinnert manche an die 1970er-Jahre,
jene Ära, als alle Freiheitsgewinne aus der Zeit des Prager Frühlings rückgängig gemacht wurden. Teilen Sie diese Einschätzung?
Hvorecký: Ich lehne diesen direkten Vergleich ab, denn die Menschen werden noch nicht verhaftet, aber viele verlieren ihren Job, werden bedroht, werden angeklagt. Mein Kollege Martej Drlička, der abgesetzte Direktor des Nationaltheaters, darf den Namen von Šimkovičová nicht mehr laut sagen. Das wurde ihm gerichtlich untersagt. Aber es gibt ganz viel Widerstand aus der Zivilgesellschaft und aus der Kunstwelt!
Bringt dieser Widerstand die Regierung in die Defensive, oder erlahmt er langsam?
Hvorecký: Das Land ist tief gespalten. Erst vor wenigen Tagen gab es mehrere beeindruckende Großdemonstrationen. Andererseits ist auch die Opposition gespalten und Fico versteht es gut, Widersprüche in der Opposition auszunutzen, vor allem mit Kulturkampf- und Identitären-Themen wie Gender oder Abtreibung.
Ihr Buch heißt „Dissident“. Das ist ein Begriff aus der poststalinistischen KP-Ära, und die Dissidenten waren Vereinzelte, Unbeugsame, Wahr-Sprecher in einem Meer der Lüge, der Angst und Indifferenz. So weit sind wir ja noch nicht, oder?
Hvorecký: Ich bin fasziniert von der Idee des Dissidenten und auch von diesem großen Erbe der Dissidenz, das wir im Osten Europas haben. All die aufrechten Menschen, in der Ukraine, in Polen, in Tschechien, in der Slowakei – sie alle stehen auf den Schultern von Giganten, in dieser Traditionslinie. Zugleich bewegt mich die Frage, wie kann Dissidenz im digitalen Zeitalter, der Algorithmen, der sozialen Medien, der Trolls und Bots wirken? Was heißt Widerstand, wenn ganze Bevölkerungsteile in Parallelwelten leben, in geschlossenen Kanälen, in Echokammern? Das Buch ist für mich auch ein Versuch, neue Wege des Widerstandes zu suchen und vielleicht einige auch zu finden.
Was ist Ihr Buch am ehesten – eine Autobiografie, ein Abriss slowakischer Geschichte, ein Widerstands-Manifest?
Hvorecký: Es ist mein Versuch, entlang meiner Geschichte zu erklären, wie ich der geworden bin, der ich bin – und dazu gehört auch die Geschichte meines Landes und unserer Region. Wie kam es, dass wir Demokratie haben, aber immer weniger Demokratinnen und Demokraten? Was ist das für eine Wirklichkeit, und wie ist sie verbunden mit der Geschichte, mit den Vertreibungen, der Kollaboration, den Diktaturen …?
Nicht nur die Slowakei, auch Ungarn und Tschechien werden von kleptokratischen Autokraten regiert. Robert Fico, Viktor Orbán, Andrej Babiš – und in Österreich ist es nur knapp nicht zu einer Regierung unter FPÖ-Chef Herbert Kickl gekommen. Haben diese vier Nachfolgestaaten der Donaumonarchie mehr gemeinsam,
als wir glauben?
Hvorecký: Ich habe eine große Hoffnung: dass Orbán im April 2026 und Fico 2027 die Wahlen verlieren und endlich Geschichte sein werden. Aber offensichtlich haben wir – die vier Länder dieser Region – ein Problem mit der eigenen Geschichte und mit der eigenen Identität.
Ihr Buch richtet sich an das deutschsprachige Publikum, nicht an das slowakische – obwohl Sie eine zentrale Stimme der slowakischen liberalen Opposition sind. Warum?
Hvorecký: Das ist mein erstes Buch, das ich direkt auf Deutsch geschrieben habe. Wenn ich es jetzt selbst ins Slowakische übersetzen würde, dann würde ich wohl ein ganz anderes Buch schreiben. Ich habe beim Schreiben immer an das deutschsprachige Publikum gedacht, habe Dinge erklärt, die der einheimische Leser natürlich wüsste. Dieses Buch ist für mich insofern auch ein echtes Debüt.


