Ghosting

Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Im Gespräch mit Betroffenen und Fachleuten beleuchtet Tina Soliman erstmals, welche ungeahnten Ausmaße das Ghosting heute schon angenommen hat. Warum breitet es sich weltweit und auch in Deutschland so rasant aus? Die Expertin zum Thema »Kontaktabbruch« lässt Ghosting-Betroffene und »Ghosts« zu Wort kommen und zeigt, wie zwischenmenschliche Beziehungen durch Ghosting gefährdet oder zerstört werden.
Bewegend berichten »Ghosting«-Betroffene, wie das Schweigen auf sie wirkt, so als hätten sie bei den Verschwundenen mit einem Geist oder Gespenst zu tun gehabt. War der Andere überhaupt da? War alles nur Einbildung? Clara wird von ihrem Freund Julius von einer Minute auf die andere verlassen. Sein Telefon ist abgemeldet, seine E-Mails kommen zurück und sie muss nach einigen Wochen feststellen, dass er sein Verschwinden monatelang minutiös geplant hat. Plötzlich steht sie vor dem Nichts. Und doch muss, wer »geghostet« wird, weiterleben, als hätte es den Einbruch des plötzlichen Schweigens, diese vollständige, abrupte Trennung, nie gegeben. Unser durchdigitalisierter Alltag begünstigt diese erschreckende Entwicklung. Mit viel Einfühlungsvermögen spürt Tina Soliman die Hintergründe auf, vor denen sich das Phänomen Ghosting abspielt.

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FALTER-Rezension

Wenn Menschen zu Geistern werden

Soziologie: Tina Soliman untersucht das Phänomen des Ghosting, des Verschwindens ohne Ankündigung

Plötzlich weg! Ohne Vorwarnung, ohne Abschied – und ohne Möglichkeit, wieder Kontakt aufzunehmen. Tina Soliman versucht zu ergründen, warum immer mehr Menschen aus Beziehungen verschwinden – und was dann bleibt. „Ghosting. Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter“ heißt ihr Buch. „Ghost“ heißt der Farbrest, der beim Siebdruck auf dem Drucksieb zurückbleibt. Zunächst sieht das Sieb leer aus. Erst wenn man es gegen eine helle Unterlage hält, wird das Geisterbild sichtbar. Es muss sauber entfernt werden, um den nächsten Druck nicht zu verzerren. Im Farbhandel gibt es dafür den „Antighost“, einen Geisterbildentferner, um wenige Euro.

Ghosting bezeichnet das Verschwinden von Menschen aus Arbeitsverhältnissen, aus Freundschaften, vor allem aber aus Liebesbeziehungen ohne Vorzeichen, ohne Abschiedsgruß und ohne Bild und Ton, das heißt, ohne jemals wieder gesehen werden zu wollen. Meistens sperrt oder löscht der „Ghost“ alle Kontaktmöglichkeiten. Die Schmerzen beim Zurückbleibenden, dem „Ge-Ghosteten“, reichen bis zu traumatischen Erscheinungen. Gegenmittel scheint es auch für viel Geld wenige zu geben.

Soliman betrachtet beide Seiten: Die Ghosts und die Ge-Ghosteten teilen der Autorin ihre Sorgen, ihre Schmerzen und ihre Fragen mit. Denn sie gilt als Expertin für das neue Schlussmachen. Die Journalistin und Filmemacherin arbeitet für NDR, ARD und ZDF und beschäftigt sich schon länger mit dem geisterhaften Verschwinden. 2011 veröffentlichte sie „Funkstille“, 2014 folgte „Der Sturm vor der Stille“.

Ghosting hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Man kann auch immer besser verschwinden: Kontakte lassen sich im Handumdrehen sperren und aus einer WhatsApp-Gruppe steigt man leichter aus als aus dem örtlichen Telefonbuch. Vor allem aber wachsen die technischen Möglichkeiten, um den noch besseren Partner, die noch perfektere Beziehung zu finden.

Seit zwölf Jahren gibt es Smartphones, seit sieben Jahren Dating-Apps à la Tinder. Sie bieten Millionen Möglichkeiten, sich am Partnermarkt zu verdingen und zu verbinden. Was Soliman äußerst kritisch sieht: „Es scheint die Ansicht zu herrschen, dass Menschen wie Ware behandelt werden können, wenn sie sich auf den Datingplattformen als solche anbieten.“

Ein stattliches Geisterheer hat die Fachfrau für Funkstille hier versammelt. Sie erzählt von Laura, die nach jahrelanger Beziehung auf einmal nicht mehr wusste, wo er war und wie ihr geschah; von Esra, die kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen wurde; von Leander, dessen Gefühle sich oft ganz taub anfühlen und der dann nicht anders kann, als still und leise weiterzuziehen. Soliman urteilt nicht. Sie macht beide Seiten nachvollziehbar. Als Anwälte für die wortlos Verschwindenden lässt sie Autorinnen und Autoren zu Wort kommen.

Nach Meinung des Dichters Mirko Bonné etwa ghosten Menschen, „weil sie genug haben vom Eingeengt-, Eingezwängt-, vom Instrumentalisiert- und Funktionalisiertwerden“. Um zu ergründen, was Menschen dazu treibt, sich in Luft aufzulösen, spricht sie mit Psychologen und Soziologen, Philosophen und liest all deren Publikationen zur Liebe in Zeiten der Parship-Romantik. So entsteht auch ein guter Überblick über den Status quo der Erforschung postmoderner Beziehungen.

Vor allem aber stützt sie sich auf die zahlreichen Zuschriften von Betroffenen und die Interviews, die sie mit ihnen geführt hat. Ursachen und Wirkungen des Ghostings sind vielfältig und doch wiederkehrend: Beziehungsängste, mangelnder Mut zur Konfrontation, aber auch das Setzen eines Endes, um selbst nicht in die Situation zu kommen. Was vom Ghosting bleibt, ist oft die Unfähigkeit, das Ungelöste loszulassen und damit auch die Schmerzen zu vergessen und dem Ghost zu verzeihen.

Soliman betrachtet ihre Geisterschar auch vor dem gesellschaftlichen Hintergrund. Die allgegenwärtige Selbstoptimierung heißt auf dem Schlachtfeld der Liebe: Perfektion in der Partnersuche. „Steigerungsspiel der Spätmoderne“, nennt das der Soziologe Hartmut Rosa. Das erstreckt sich auch auf die Frage „Wer klinkt sich am coolsten aus?“. Einmal mehr geht es um die technisch vervielfachten Optionen, mit denen wir in wenigen Minuten mehr mögliche Partner sehen können als unsere Vorfahren während eines ganzen Lebens.

Die Fallgeschichten gehen ans Herz. Die psychologischen und philosophischen Erklärungen der ex-romantischen Geistergeschichten sind schlüssig. Bei alledem ist die schaurige Rundschau locker geschrieben und leicht zu lesen. Und doch kehren manche Geister hier gar zu oft wieder. Der Auseinandersetzung mit Datingplattformen und der dortigen „Vermarktung des Menschen“ wird viel Raum gewidmet. Manchmal wünscht man sich, dass Soliman in all dem angenehmen, immer wieder prickelnden und geistreichen Plätschern etwas rascher zum Punkt kommt.

Die Autorin selbst lässt keine offenen Enden zurück. Für die von ihr und ihren Quellen diagnostizierten Beziehungsstörungen und die Kollateralschäden einer digitalisierten Welt der überbordenden Optionen findet sie auch fundierte Therapievorschläge: vom Verhaltenskodex für Partner-Portale über psychologische Empfehlungen zum Verzeihen bis zur „Weisheitstherapie“.

In allzu ausführlicher und doch sehr eingängiger Art bekommt man tiefe Einblicke in einen abgründigen Teil der Welt voller Schmerzen, Scham und menschlichem Versagen. So düster das sein mag: Soliman gelingt es zu erhellen, wer hier warum geistert und wie Menschen damit umgehen können.

Andreas Kremla in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 44)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608963373
Ausgabe 1. Aufl.
Erscheinungsdatum 21.09.2019
Umfang 358 Seiten
Genre Sachbücher/Angewandte Psychologie
Format Taschenbuch
Verlag Klett-Cotta
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