Der Atem der Welt

Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Goethe der Naturforscher – die große Biographie
Einfühlsam und mit großer Erzählkunst zeichnet Stefan Bollmann ein überraschend neues Bild des Dichterfürsten und entdeckt den Naturforscher und Naturschriftsteller Goethe. Eine glänzend geschriebene Biographie, in deren Zentrum seine lebenslange Naturerfahrung und ihre hohe Aktualität für unsere Zeit stehen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war nicht nur als Dichter und Schriftsteller ein Kristallisationspunkt seiner Zeit. Sein umfangreiches literarisches Werk bezeugt eine eingehende Beschäftigung mit Naturforschung und sein Leben ist von einem ununterbrochenen, intensiven Erleben der Natur in allen Erscheinungen tief geprägt und geformt. Souverän erschließt Stefan Bollmann in dieser Biographie dieses lange Zeit vernachlässigte Naturverständnis und vermittelt uns ein überraschend neues Goethebild. Auf einer spannenden Entdeckungsreise durch Goethes Landschaften, seine Texte und Gedanken begleiten wir ihn in Italien, in der Schweiz, beobachten ihn bei seinen Forschungen in Thüringen und im Harz. Wir nehmen teil an seinen geologischen, anatomischen, botanischen und optischen Untersuchungen, werden Zeuge seiner Freundschaft mit Alexander von Humboldt – und verstehen unsere eigene tiefe Sehnsucht nach der Natur neu. Goethe kann uns lehren, unsere Stellung in der Natur neu zu verorten. Eine große Geschichte der Naturwahrnehmung und zugleich ein hochaktuelles Buch, das zeigt, wie Goethes sinnlich anschauliche Erfahrung der Natur auch heute noch Grundlage unserer Humanität und Lebendigkeit sein kann.

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FALTER-Rezension

Die Urkräfte der Natur am eigenen Leib spüren

Goethe hielt seine naturwissenschaftlichen Arbeiten für wichtiger als seine literarischen. Ausgenommen vielleicht „Faust II“. Diese Selbsteinschätzung des Dichterfürsten ließ schon Zeitgenossen schmunzeln oder die Stirn runzeln, und die Geringschätzung des Forscher Goethes währte lange. Mit seiner „Farbenlehre“ galt er bestenfalls als fehlgeleiteter Kritiker von Newtons Optik. Schon seit einigen Jahren hinterfragen Historiker und Literaturwissenschaftler aber das Bild des naturkundlich lediglich dilettierenden Dichterfürsten. Stefan Bollmanns Goethe-Biografie konzentriert sich nun ganz auf den Naturforscher und vermeidet dabei die Charakterisierungen als hoffnungsloser Amateur oder gar als verkanntes Genie. Die Wahrheit liegt allerdings nicht dazwischen, denn derartige Kategorien taugen nichts für die Zeit um 1800, als von einer professionalisierten Forschung nur in Ansätzen die Rede sein kann.

Goethes Naturforschen basiert auf direkter Erfahrung. Ständig treibt es ihn hoch auf Kirchturmspitzen, aber auch tief in Bergwerksschächte. Er besteigt im Dezember 1777 als Erster den Brocken, überquert im Spätherbst 1779 den hochalpinen Furka-Pass und riskiert im März 1787 am Rand des Kraters des lava- und aschespeienden Vesuvs Kopf und Kragen.

In Venedig interessieren ihn im Oktober 1786 die wundersam geformten Taschenkrebse am Lido mehr als die Markuskirche, deren Architektur er als „kolossalen Taschenkrebs“ verspottet. Mitten im Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich im Herbst 1792 bewundert er das prismatische Farbenspiel einer Glasscherbe auf dem Boden eines Teiches. Gleich ob in Pompeji oder im Thüringer Wald: Stets klopft er mit seinem Geologenhämmerchen die Felsen ab. 18.000 Gesteinsproben zählt seine Sammlung am Ende. Goethe hat Spaß am Sezieren, er botanisiert, mikroskopiert und lässt mittels Elektrizität Froschschenkel zucken. Seine Liste naturkundlicher Publikationen ist ellenlang, an seinem Hauptwerk zur Farbenlehre (erscheint 1810) arbeitet er fast zwei Jahrzehnte.

Er misstraut der Abstraktion, denn so ginge ja das Phänomen selbst verloren, und damit auch der Mathematisierung. Goethe sucht in der Vielzahl der Pflanzen nach dem zugrunde liegenden Modell, aber ohne das Konkrete zu verlieren. Das ist die Grundspannung seines Naturverständnisses: Präzision und Lebendigkeit zu verbinden.

Bollmann streicht auch das „Moderne“ in Goethes Naturforschung heraus: seinen „ökologischen Blick“ auf die inneren Zusammenhänge der Natur und ihre Dynamik. Dass die Natur selbst eine Geschichte hat und die biblische Chronologie von ein paar tausend Jahren nicht ausreicht, um die geologischen Prozesse zu erklären – diese Erkenntnis teilt Goethe mit anderen Naturforschern seiner Zeit. Aber anders als diese verstand er Anomalien (vermeintliche „Missbildungen“) in Organismen als Hinweise zu einem grundlegenderen Verständnis. Führende Pflanzengenetiker wie etwa Elliot Meyerowitz beziehen sich heute explizit auf den Weimeraner Universalgelehrten. Die Erde als lebendiges Wesen zu begreifen, scheint auf die Gaia-These von James Lovelock und Lynn Margulis zu verweisen. Aber Bezüge über zwei Jahrhunderte hinweg zu unserer Gegenwart herzustellen, ist so verlockend wie problematisch.

Das Hauptverdienst Bollmanns besteht darin zu zeigen, dass Goethe auch und gerade ein Produkt der naturkundlichen und weltanschaulichen Debatten sowie spezifischer Praktiken um 1800 war: weitausgespannte Korrespondentenznetzwerke, die Reise als Forschungsexpedition, gemeinsames Experimentieren im privaten Kreis. Sein Buch ist bestens recherchiert und flott geschrieben. Aber da die Interessen des Herrn Geheimrat umfassend und ihm über 82 Lebensjahre beschieden waren, ist es ein rechter Ziegel geworden: 656 Seiten. Wenn die Verästelungen von Goethes botanischen und optischen Theorien dann gar zu feingliedrig werden, neigt man als Leser dazu, weiterzublättern. Insgesamt ist „Der Atem der Welt“ aber ein gelungenes Plädoyer dafür, den Naturforscher Goethe ernst zu nehmen.

Oliver Hochadel in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 40)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783608964165
Ausgabe 1. Aufl. 2021
Erscheinungsdatum 13.03.2021
Umfang 656 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Klett-Cotta
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