SACHBUCH-BESTENLISTE Oktober 2020

Feuer der Freiheit
Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943)

von Wolfram Eilenberger

€ 25,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Philosophie
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.09.2020


Rezension aus FALTER 43/2020

Die Denkerinnen der Freiheit

Erzählte Philosophie hat Konjunktur, aber das ist auch nicht verwunderlich, befriedigt sie doch ein doppeltes Bedürfnis: das oft umfangreiche und nicht selten trockene Werk großer Denker und Denkerinnen in verdaulicher Form geliefert zu bekommen – und dazu auch noch ein gerüttelt Maß an Sensationslust zu befriedigen. Die besten dieser Bücher lesen sich spannend wie Romane und bieten trotzdem seriöses Wissen.

Jüngere Beispiele dafür wären etwa Sue Prideaux’ mit dem ältesten Literaturpreis Großbritanniens, dem Hawthornden-Preis, ausgezeichnetes Buch „Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche“, das im Frühjahr auf Deutsch erschienen ist, oder Wolfram Eilenbergers „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929“ aus dem Jahr 2018 über die vier Denker Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger, das sich mehr als sieben Monate auf der Spiegel-Bestsellerliste hielt.

Nun legt Eilenberger ein Buch über vier Philosophinnen nach, in dem er sich ebenfalls auf ein Jahrzehnt konzentriert: „Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933–1943“. Unter diesem etwas schwülstigen Titel erzählt er entspannt vom Leben und Denken von Simone Weil, Simone de Beauvoir, Hannah ­Arendt und Ayn Rand.

Die vier Denkerinnen, alle zwischen 1905 und 1909 geboren, kannten sich nicht persönlich und fochten im Schatten von Totalitarismus und Zweitem Weltkrieg ihren je eigenen Kampf um ihre ersten großen Werke und um Anerkennung aus. Eilenberger gelingt das Kunststück, ihre Biografien und geistigen Entwicklungen zu parallelisieren – auch wenn die Ansatzpunkte des Denkens so diametral entgegengesetzt zu sein scheinen wie bei der linken Gewerkschaftsaktivistin und späteren Mystikerin Simone Weil und der Prophetin des Eigennutzes und Wegbereiterin des marktliberalen Kapitalismus Ayn Rand. In der Mitte stehen Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, die hierzulande bekannteren der vier Denkerinnen.

Mit Simone de Beauvoir, die mit „Das andere Geschlecht“ 1949 eine der Grundschriften des Feminismus vorlegen wird, lässt Eilenberger sein Buch beginnen. Wir schreiben das Jahr 1943, die Lebenspartnerin von Jean-Paul Sartre fühlt sich so sicher und frei wie noch nie zuvor, denn der Erfolg ihres Romans „L’Invitée“ (dt. „Sie kam und blieb“) ermöglicht ihr endlich den Eintritt ins öffentliche Leben. Hinter ihr liegen zehn steinige Jahre. Nicht nur die Politik, sondern auch das Privat- und Liebesleben haben ihr zugesetzt. Schließlich haben sich Sartre und de Beauvoir einer auch für Seitensprünge offenen Beziehung verschworen.

De Beauvoirs Gegenpart stellt die zweite Französin, Simone Weil, dar. Im Gegensatz zu der unterkühlten Bohémienne de Beauvoir hat sich die Tochter eines jüdischen Arztes und einer Russin aus Rostow am Don als eine Art Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts der Selbstaufopferung zur Rettung der Welt verschrieben – und ihr Heil schließlich bei Gott gefunden. Sie erkrankt im Jahr 1943 mit nur 34 Jahren an einer Tuberkulose, die durch Weils Hungerstreik aus Idealismus letal wird. Weils Werk steht, wie Eilenberger im Schlusssatz des Buches betont, für die akademische Philosophie noch zu entdecken.

Dem unbedingten Altruismus Weils steht das flammende Eintreten Ayn Rands für einen aufgeklärten Egoismus als Fundament der Gesellschaft entgegen. In Europa nahezu unbekannt, gehört die 1905 in Sankt Petersburg geborene und seit 1926 in den USA lebende Russin zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Bei einer Umfrage der Library of Congress nach Büchern, die das Leben ihrer Leser verändert hätten, wurde ihr Roman „Atlas shrugged“ von 1957 (dt. „Atlas wirft die Welt ab“) an zweiter Stelle nach der Bibel genannt. Rand verkaufte weltweit bislang 25 Millionen Bücher. Nur im deutschsprachigen Raum kennt sie kaum jemand.

Der Durchbruch gelang Rand ebenfalls im Jahr 1943 mit dem Roman „The Fountainhead“ (dt. „Der ewige Quell“) über den rücksichtslosen Architekten Howard Roark. Dieser „Übermensch der Tüchtigkeit“ lässt ein von ihm geplantes gemeinnütziges Wohnhaus mit Dynamit sprengen, weil es nicht exakt nach seinem Willen gebaut wurde, und verteidigt das in einem Gerichtsprozess.

Demokratie bedeutet für die vor dem totalitären Regime der Bolschewiken geflohene Rand die Unterordnung der Gesellschaft unter das Individuum – und nicht umgekehrt die des Einzelnen unter das Kollektiv. Der Kapitalismus erhält für sie seine Berechtigung deswegen nicht nur aus seiner Effizienz, sondern auch aus seiner Moral. Diese Perspektive beeindruckte nicht nur Alan Greenspan, den Ökonomen und ehemaligen Vorsitzenden der US-Notenbank sowie Schüler und guten Freund Rands, sondern auch etwa die konservative Tea-Party-Bewegung.

Für die Vierte im Bunde, Hannah ­Arendt, bildet der Totalitarismus als absolute Entrechtung des Individuums das Zentrum ihres Denkens. Arendt, aufgewachsen im damals preußischen Königsberg, emigrierte 1941 auf der Flucht vor den Nazis in die USA und machte die Analyse jener Mechanismen, die in nationalsozialistischen und stalinistischen Terror sowie den Holocaust und damit in maximale Unfreiheit mündeten, zu ihrem Lebensthema.

Wie Ayn Rand, aber unter anderen Vorzeichen, entwickelte sie eine Theorie des radikal Bösen und erlangte damit als eine der wenigen Frauen in der Männerbastion der politischen Philosophie Weltruhm.

Eilenbergers Zugang überzeugt damit, dass er die Gemengelage aus persönlicher Motivation, Charakter und Zeitumständen seiner Protagonistinnen greifbar macht. Er zitiert aus ihren Tagebüchern und Briefen, er schildert ihre ökonomische Situation, ihre Beziehungen und familiären Bande. Die eigenwillige Arzttochter Simone Weil, in deren Wohnung Leo Trotzki samt Frau und Sohn 1933 die Vierte Internationale ihren Ausgang nehmen lässt, hat keine Liebesbeziehung außer zur ganzen Welt und zu Gott. Sie verteidigt auf ihre Weise die eigene Persönlichkeit gegen die Gesellschaft – und setzt damit die Freiheit, Würde und Unantastbarkeit des Einzelnen über die Revolution und ihr sinnloses Blutvergießen.

Auch Simone de Beauvoir treibt die Frage des Verhältnisses zu den anderen um (nicht zuletzt der „großen Anderen“ Simone Weil). Allerdings identifiziert sie sich nicht mit deren Leid, sondern ist auf der Suche nach sich selbst: als Autorin und als Liebende. Schonungslos beschreibt Eilenberger die asymmetrischen Dreiecksbeziehungen des glamourösen und polyamourösen Paars Sartre und de Beauvoir mit ihren wesentlich jüngeren Schülerinnen und Schülern. Obwohl er sich hütet, Sympathien zu zeigen, geraten die Passagen über de Beauvoir und Ayn Rand deutlich kühler als etwa jene über Simone Weil oder Hannah Arendt.

Die vier unterschiedlichen Denkerinnen eint letztendlich ihre Kompromisslosigkeit als „Philosophierende in realpolitischer Mission“, die bedauerlicherweise wenig voneinander wussten. Und ihre Liebe zur Freiheit, die sie je anders definieren. Eilenberger versucht, allen Positionen denselben Respekt zu zollen. Bei de Beauvoir bedeutet Freiheit eine wechselseitige existenzielle Anerkennung als freie Wesen („Freiheit und Sozialismus“). Für Weil stellt in ihren letzten Schriften das Gesellschaftliche das Böse dar, deswegen kann es auch innerhalb der Gesellschaft keinen Ausweg daraus geben.

Für Ayn Rand hingegen führen weder Selbstaufopferung noch die Herrschaft über andere zum Ziel, sondern nur die geistige Unabhängigkeit. Das innovative Individuum und dessen Streben nach Glück wird dabei einer „Gesellschaft von Sklavenhaltern“ entgegengestellt. Deswegen bedeutet Kapitalismus für sie nicht nur wirtschaftliche Effizienz, sondern auch ein Gewinnversprechen geistiger Natur. Hannah ­Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschien 1951 als ihr Beitrag zu Verhinderung einer weiteren Abschaffung von Demokratie und Freiheit. Als ihr zweites Hauptwerk sollte sich „Vita activa – Vom tätigen Leben“ von 1960 etablieren.

Zum Schluss rückt Eilenberger damit heraus, dass auch US-Präsident Donald Trump sich bereits als Fan von Ayn Rand und ihrem Helden, dem Tatmenschen ­Howard Roarks, outete. Und gönnt sich das Gedankenexperiment, wie die vier Denkerinnen sich über Roarks Verteidigung seiner Sprengung vor Gericht unterhalten hätten.

„Die betreffenden Erörterungen zwischen Beauvoir, Arendt und Weil, sie hätten gewiss mehrere Tage, womöglich sogar Jahre (oder Jahrhunderte) beansprucht. Ohne dabei allerdings je auf ein einstimmiges Urteil zu konvergieren. Wie anders wäre es – unter eigenständig Philosophierenden – auch zu erwarten? Nur Gimpel oder Ideologen halten Konsens für ein Ziel des Denkens.“

Kirstin Breitenfellner in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 32)


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